"Mutter, aber wie soll ich, soll ich mich wieder lassen wegjagen wie ein Hund? Ja, wenn ich ein gutes Wort hätte von ihm; aber so muss ich glauben, es habe mich nicht lieb, und kein Zeichen hat es seiter getan."
Da sah er einen eigenen Schein fahren über der Mutter Gesicht, sie faltete die hände, er erschrak. "Mutter, Mutter, was hast?" fragte er. Er sah ihre Augen gegen die äussere stube blicken, dortin deutete sie; er sah sich um, dort stand in der Zwischentüre, den Kopf an den Pfosten gelehnt, sein Meitschi, arme Mareili, blass, mager, und weinte bitterlich.
Da stand Resli, als ob ein Geist vor ihm stünde, weder laut noch Schritt stunde in seiner Macht. Da streckte Anne Mareili ihm die Hand entgegen. "Bring mrs", sagte Änneli leise. Was sie gebot, tat Resli willenlos, und Änneli fasste Beider hände und sagte: "Jetzt sehe ich, dass ich Gott lieb bin; was ich noch gewünscht, hat er mir gegeben. Jetzt bleibt beisammen, seid treu einander, seid aufrichtig, und was eins im Herzen hat, das zeigs dem Andern, dass es kein Missverständnis gebe. Missverständnisse sind schröcklich, sie wachsen mitten aus der Liebe heraus, sie wachsen zwischen die Herzen hinein und sprengen sie von einander. Sinnet daran, denket an uns und habt einander immer lieb, denket dra, ih luege uf ech. – Resli, gang lauf, rüef se, es duret nimme lang, ih gspüres – es wird mr so kalt, ih möchte se no alli gseh. Lauf, spring!"
Als er draussen war, fragte Änneli Anne Mareili: "Gäll, du hest mr ne lieb un lebst ihm zGfalle?" Da sank Anne Mareili vor dem Bett auf die Knie und schluchzte: "O Mutter, o Mutter, Ihr seid kein Mensch, ein Engel seid Ihr; oh, wenn ich sein könnte wie Ihr!" "Nein, kein Engel, e schwache Mönsch", sagte Änneli, "aber üse Herrgott macht mih viellicht drzue. Wennd dr Wille hest u nit vo üsem Heiland last, su wirst o eine, wirst besser als ih, du hest e herteri Schuel gha als ih. – Lieb mr ne geng u bis ufrichtig, er ist mr o grusam lieb gsi, ume z'lieb, aber er ist on e Guete, e bessere Bueb gits nit uf dr Welt. – Gäll, du hest mr ne lieb u schickist dih in e! – glaube mr, es geiht dr guet, du weisst no nit, wie guet er ist u wie er es Herz het. – Es het mih hert von ihm, er ist mr lieb, ih chas nit säge, aber üse Herrgott wird mrs wohl vrzieh, er het mr ne ja gä. – Häb mih e weneli, ih möchte ufsitze. – Es wird mr so wunderlich, so kalt, und doch so heiter vor de Auge; geiht mr scho di anderi Welt uf? – Wenn si doch käme, ih würde se gern gseh, alli bi enander; e nu so de, so han ih doch dih gseh. – Wenn er krank wird, gäll, du hest Sorg zun ihm und wehrst ihm ds Werche ab? – Ghörst nüt, chöme si? – Wenn si nume chämte. – Deck mih besser, es ist, als wetts mih früre ums Herz. – Wennd zornig wirst, erzeigs nit, gang dänne u bet es Vater Unser! – O Gott, Gott, witt mih, es düecht mih, ih gseih my Muetter!"
Da kamen die Gerufenen, weinend, in voller Hast. Anne Mareili erschrak, wollte Platz machen am Bette, es war ihm, als hätten die Andern näheres Recht, es ward ihm auf einmal wieder so fremd und leid ums Herz. Aber Änneli hielt seine Hand und sagte leise: "Üses King! Heits lieb! Es ist jetz di neui Muetter. – Zürnet mir nüt u sinnet allbeeinist a mih! – U du, bhäb mih lieb", sagte Änneli zu Christen, "ih will dr on es Plätzli sueche im Himmel." – Dann nahm es seine hände zusammen, die blassen Lippen bebten, in eigenem Glanze schlug es seine Augen empor. So betete es leise, leise neigte sein Haupt sich auf die Seite – um eine gute Frau, um eine gute Mutter war die Erde ärmer.
Schluss
Meine günstigen Leser werfen mir so oft vor, meinen Erzählungen fehle der Schluss, dass ich genötigt bin, die Schlüsse förmlich herzusetzen. Ich beginne also hier damit, da auch hier der gleiche Tadel sich erheben könnte. Allerdings ist die Neugierde in Beziehung auf die persönlichen Verhältnisse nicht vollständig befriedigt; die Umstände, welche Anne Mareili an der seligen Mutter Bette brachten, sind nicht angegeben, Änneli ist nicht zur Erde bestattet, die Hochzeit von Anne Mareili und Resli nicht gefeiert. Das alles hätte sich wohl erzählen, einschalten lassen, wenn der Verfasser bloss die Neugierde seiner Leser im Auge hätte. Aber er ist untertan einem eigenen geist, der in jeder Erzählung lebendig wird, sie leitet und schliesst; der Verfasser kann eine Erzählung beginnen, aber dieser Geist ist es, der sich ihrer bemächtigt und sie gestaltet nach seinem Willen. Es ist dieser Geist