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nicht einmal für sie betteln, es würde mir das Herz zerreissen, und doch gäbte ich sie nicht. Was hülfs mir, reich zu sein, wenn ich keine Kinder mehr hätte, da müsste ich mich ja zu tod weinen und könnte nichts mehr sagen als: Hätt ih se doch no, hätt ih se no!

Wie doch das ein hübsches Kind ist, musste es denken, als es das kleine Mädchen aufheben musste und der Mond auf dessen Gesichtchen sich spiegelte, durch die Locken schimmerte, golden sie säumte. O du armes Kind, was wird aus dir werden, wie bös wirst du es einst haben und wie reich wäre manche Frau, wenn sie dich hätte! Da lägest du in einem andern Bettchen, und wer weiss, was du für Aufwart hättest! Gott hat es so gemacht, er wird wissen warum. Aber unsereim begreift es nicht. Ach, man begreift so manches nicht! Warum der armen Frau nicht mehr geben, mit Minderem könnten wir es ja auch machen und müssten doch lange nicht so wohnen und hätten noch lange Geld für Öl! Aber so hat er es gemacht, es wird gut sein so und muss gut sein, dHauptsach ist, dass man sich nicht versündige, sei man reich oder sei man arm, die Reichen nicht an den Armen, die Armen nicht an den Reichen. Nein wäger, versündigen will ich mich nicht! Wenn Christen das sehen würde! Doch Christen ist gut und bsungerbar in der letzten Zeit, aber wenn er das Elend sehen könnte und die Kinder, er würde mir noch manches verzeihen und begreifen, wies mir ist, wenn mir jemand was bettelt. Ih muess , i Gottsname. Was weiss man, wie die Leute zweg sind, denke man doch an dieses Elend! Christen braucht das nicht zu sehen, er hat ein gutes Herz, aber Andere sollten es sehen, es gibt deren, die bodenbös sind, und wenn sie einen armen Menschen ausdrükken, das Blut ihm aussaugen könnten, sie sparten es nicht, die wüeste Hüng, Gott vrzieh mr my Süng. Aber eine jede Frau und ein jeder Mann sollte wissen, wie es einem gehen kann in der Welt, und sollte sehen, was Elend ist. Es klagt so Mancher, ist nie zufrieden und weiss nicht, was bös ha ist, sinnet nit, wie gut er es hat, und versündiget sich schröcklig mit Neid und Klage. Oh, wenn man gsund in ein warm Bett schlüpft und dKindli alli deckt sind und öppe ihr Sächli haben, wie sollte man da glücklich sein und Gott loben und preisen.

So sinnete Änneli in selber Nacht, und keinen Preis der Welt hätte es genommen, dass es diese Nacht nicht erlebt hätte. Wenn so ein Tag fürgang wie der andere und man nicht aus seinem haus komme und immer das Gleiche sehe, so wisse man nicht, was das Leben sei, und die Gedanken würden so kurz, dass sie an nichts dächten als an sich und die eigenen Sachen, und dass man nicht begreife wie es anderwärts anders gehe als um ein herum, und es einem auch anders gehen könnte. Denn das Unglück, welches hier sei, könnte ja so leicht auch zu ihnen kommen ein oder zwei lange Schritte, so wäre es bei ihnen, und wie sie das angreifen müsste, wenn es so ungsinnet daherkäme, dachte es bei sich, und wie eben deswegen so viele Leute hart und gleichgültig werden, weil sie nicht sehen, wie es Andere hätten, und so verzagt und fast gottlos im Unglück, weil sie den Wechsel vergessen hätten und wie über Nacht der Herr die Prüfung senden könne, und nicht nur in eine Bettlerhütte, sondern ins vornehmste Herren- oder Bauernhaus.

So verging Änneli rasch die Nacht, an ihm war sie gesegnet, aber auch an den Kranken, und friedlichen Schlaf und freundliche Gesichter sah der Morgenstern, als er durch die Fenster blickte.

Mit dem Morgen kamen andere Leute, kam Christen selbst daher mit finsterem gesicht, aber dem Nötigen. Änneli kannte das Gesicht, Christen musste das Ross anbinden, musste ins Stübchen kommen, musste das Elend und die Not ansehen, musste die Kinder sehen, wie sie so erbärmlich aussahen. Aber Christen machte deswegen kein freundlicher Gesicht, es düechte ihn, das hätte alles so sein können, ohne dass deretwegen seine Frau eine Nacht hier zu sein gebraucht, deretwegen sei die Sache doch so, wie sie sei. "Komm du jetzt", sprach er. "Willst du fort?", sprach das kleine Mädchen, "nein, Gotte, bleib, du hast es ja vrsproche", und hing sich an Ännelis Hals und liess sich fast nicht begütigen mit allerlei Versprechen, und die andern Kinder, wenn sie auch nicht viel sagten, so sah man doch, wie hart es ihnen ging, dass die gute Frau, die so viel Erbarmen und freundliche Worte hatte, fortwollte. Die Mutter aber weinte und konnte wenig sagen, als dass der Vater im Himmel es ihr vergelten möchte; e selligi Frau gebe es nicht mehr auf der Welt, und in Zeit und Ewigkeit wolle sie diese Nacht nie vergessen, es sei gerade gewesen, als ob ein Engel dawäre und ihnen wachete.

Als Christen das hörte, zogen sich die Wolken fort von seinem gesicht, er begriff erst, was Änneli getan; sein Herz ward weich, das Erbarmen kam, er