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abnähmen, so nähmten sie es von ihm, sie seien jetzt an ihn es gewöhnt, und es wolle das einmal probieren. Es gehe ihm schier leichter, jetzt hier zu bleiben, als heimzulaufen. Am Morgen könnten sie ihm dann Ross und Wägeli schicken, und wenn jemand kommen wolle, ihn es abzulösen, so sei es ihm recht, daneben, wenn einmal die sache im gang sei, so werden sich wohl Leute aus der Nächsemi zeigen. Aber vergessen solle man nicht, noch Haberkernen zu bringen und von denen Bettdecken eine, wo im Spycher hingen.

Gäb was es sich sträubte, Annelisi musste gehen, und gäb was die arme Frau dagegen einwandte, Änneli blieb als Wärterin. Sie dürfte das nicht annehmen, sagte die Frau, sie wüsste nicht, wie es vergelten. Öppe so bei einer Kindbetti, da wollte sie nichts sagen, da sei es der Brauch, da hätte öppe eine Frau die andere nötig, und sie sei manchmal froh darüber gewesen, aber bei einer solchen Krankheit hätts afe ke Gattig. Wenn man das Trinken auf den Ofen stellen wollte, so wollte sie sehen, wie sie es mache. Sie weinte, als Änneli auf seinem Willen bestand, und meinte, sie hätte nicht geglaubt, dass so eine gute Frau auf der Welt noch lebe, und noch so eine vornehme und wo selligs nit nötig hätt auf der Welt und nit für e Himmel, weil sie sonst schon darein käme und ihn für gwüss hätt. Aber wie ihr das Erwarmen wohltäte, weil sie nicht immer auf sein müsse, sie könne es nicht sagen.

Endlich kam Zeug und das Versprechen, der Doktor werde morgen früh da sein; man solle alle Stunden von der Rustig geben und Brühe z'trinke, so streng man möge. Vielleicht, dass dann noch müsse kristiert sein. "E aber nein", sagte die Frau, "sövli Hung wird er doch nicht gegen uns sein wollen, sövli, dass wir schon aufmüssen, wird er uns doch nicht noch mehr kujinieren wollen!" "Habe nicht Kummer, Frau, nimm jetzt und schlaf dann ein wenig. Lue, aufs Doktern verstehen ich und du uns nicht, und manchmal ist, was unser Gattig Lüt ds Dümmste dunkt, ds Witzigist", sagte Änneli. Darauf machte es sich an die Kinder, die sonst keinen Zeug einnehmen wollten. Schmeichelnd fing es beim Jüngsten an, versprach gute Brühe, und das Kind nahm und sagte, das sei fry guet, es hätte nicht geglaubt, dass Dokterzüg so gut sei. "Hast du noch nie gehabt?" fragte Änneli. "Nein, aber man hat mir oft gesagt, ih söll folge un is Bett, sust werde ih krank u de gäb me mr Dokterzüg, u das steich vom Tüfel u dräyh eim ganz zringsetum und syg yznäh öppis schröckligs." " so", sagte Änneli. Auch die andern Kinder nahmen ein, teils weil das Jüngste es genommen hatte, teils weil sie der freundlichen fremden Frau es nicht recht weigern durften.

Die Nacht war eingebrochen, die Mutter schlief; Änneli das beständig beschäftigt war, bald mit den Kindern, bald mit Kochen und andern Dingen noch, wollte Licht machen, fand die Lampe, aber kein Öl dazu, gäb wie es suchte an allen Orten, wo man sonst das Öl zu haben pflegt; leise fragte es eins der Kinder darnach. "Wir haben schon gestern keins mehr gehabt", antwortete das Kind. Glücklicherweise war es Mondschein und sehr helle, indessen unbequem war es jedenfalls. Wenn Änneli zuweilen absitzen konnte, so musste es immer und immer wieder denken: Kein Öl und vier krankne Kinder! Unsereim weiss doch wahrhaftig nicht, wie es solche Leute haben, wir haben es viel zu gut. Wie wäre mir doch, wenn was mangelte, gäb wie leicht, in meiner Haushaltung, und nur eine Nacht lang, es legte mich schlaflos, und wenn es nur kein Kaffee wäre oder kein Mehl und ich wüsste, den andern Tag könnte ich deren wieder haben, so viel ich wollte. Und hier nichts, kein Geld, kein Brot, von allem nichts, und alle krank! Nüt ha u nit wüsse wo nah, nein, das stünde ich nicht aus! Und doch würde ich müssen, dachte es, wenn unser Herrgott es wollte, aber ich weiss nicht, wie mir wäre. Und doch müsste ich es ertragen, wenn Gott es wollte! Oh, wenn man geben kann man weiss nicht, wie es einem anders ist, als wenn man nehmen muss. Und wenn ich meine Kinder auch so hätte müssen liegen sehen in schlechten Hüdlene, so matt und mager, nichts als die Haut über die Beinchen, Herr Jemer, wenn ich eins von ihnen noch so sehen müsste, nein wäger, das ertrüge ich nicht! Und wenn mir Gott die Wahl liesse zwischen dem Reichtum und den Kindern, entweder sie so sehen ohne alle Sachen, in schlechtem Bett, oder sie gar nicht zu haben: was lieber?

Ach Gott, ach Gott, dachte Änneli, wie gut ist doch der da oben, dass er einen nicht in Versuchung führt, solche fragen nicht tut, es macht, wie er es am besten findet! Aber wenn ich denken müsste, ich müsste alles, alles geben und hätte nichts mehr für meine Kinder, und sie lägen so da und ich könnte