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sie aber ab deren Armen kommen, so entfremden sie sich auch mehr oder weniger den Herzen, es sei dann ein bsungerbar hübsches u gwirbiges Kind, das sich festzuketten weiss an dem einen oder dem andern Herzen. Es ist aber eigentlich weder Hübschi noch Gwirbigi, es ist Flattierigi der Haken, mit dem es sich ins Herz gehängt. Wie schon tausendmal gesagt worden, es ist jedes Herz, ich möchte fast sagen das wüsteste, liebedurstig; versteht es nun ein Mensch, und Kindern ist es besonders gegeben (denn sie sind liebevoll, ehe die Liebe in der kalten Welt zu Eis erstarrt, zur Selbstliebe sich verknöchert und zusammengezogen hat), das Brünnlein der Liebe in ein Herz zu reisen, so wird dieses den süssen Trank begierig in sich saugen und das Kind freudig gewähren lassen. Das sind aber eben nur Ausnahmen zumeist und trifft meist die jüngsten Kinder, die noch nicht in der Welt erkaltet, verknöchert sind. Die andern müssen sich selbst behelfen: entbehren, man kann ihnen nicht gewähren, leiden, man hat nicht Zeit, sich zu achten, tragen, man hat nicht Zeit, sich mit ihnen zu plagen. Es ist eine harte Schule für weiche Herzen, und wie viele werden wohl da zerdrückt, und doch liegt in dieser natürlichen Schule eine Art Barmherzigkeit; es ist eine Schule fürs harte Leben, wie man Baumstecken härtet im Feuer, leider aber oft sie verbrennt dabei, damit sie nicht faulen in wasser, Schnee und Erde. Es soll sich dabei Ergebung bilden, eine Gewohnheit, zu dulden und zu tragen, ohne zu klagen, und diese eben sieht man so oft bei armen kranken Kindern. Sie schreien nicht, sie weinen nicht; in glühender Hitze, im ärgsten Fieberfrost liegen sie auf dem jämmerlichsten Lager, ihre Lippen sind braun im Brand; auf dem Ofen ist ein zerbrochen Geschirr mit etwas Nassem, aber niemand hat Zeit, es ihnen zu reichen, sie schweigen, leiden, ihre Augen richten sich wohl dem Geschirr auf dem Ofen zu, aber sie warten, bis die Mutter im Vorübergehen es merkt und frägt: "Wotsch öppe trinke?" Wenn man dagegen reiche Kinder sieht in ihrer Begehrlichkeit, in ihrer Unfähigkeit, den Schmerz zu ertragen, wie sie schreien, wenn sie beinahe sich gehauen, und wie ihrer Sieben um sie springen müssen, wenn sie sich wirklich gehauen, und sie doch nicht gschweigen können, so ist es wirklich zum Erbarmen. Man fängt dann wohl an zu werweisen, wer glücklicher sei fürs Leben, das reiche oder das arme Kind, fängt an, immer stärker darüber zu sinnen, warum es so schwer sei und namentlich den Eltern, die rechte Mitte zu treffen für das Leben, so schwer sei, das Herz zu härten für das Leben, es weich zu erhalten für das Lieben.

Durch die harte Schule waren auch die kranken Kinder gegangen, sie lagen ergeben, stumm, stumpf, würden Solche sagen, die das nicht verstünden, in ihren Hüdelchen; was sie dachten, was sie empfanden, ob sie an das Leiden dachten oder an den Tod, von dem so viel geredet ward, oder an Genesung? Sie gaben kein Zeichen von sich. Aber als die alte, schöne, freundliche Frau sich ihrer annahm, sie säuberte, reine Hemder ihnen anzog, ihnen hülfreich beistand, sie tröstete, ihnen zu trinken gab, weiche, warme Sachen, da war es fast, als ob sie aufwachten, als ob sie wieder reden möchten, und das Kleinste, ein blasses, aber lieblich Mädchen mit krausen, blonden Härchen um den Kopf, fragte: "Bist du öppe my Gotte?" "Ja, King", sagte Änneli, "dy Gotte will ih sy." "Gäll, du gehst nicht von uns, du bleibst jetzt bei uns, bis es für ist u Müetti wieder ufma", sagte es. "Ja, du guts Kind, ich verlasse euch nicht", hatte Änneli gesagt, und jetzt konnte es wirklich nicht fort. Die Kinder, und besonders das blasse, blonde, hatten es gefesselt, es war ihm, als ob es ihre Grossmutter wäre und als ob Gott, wenn es sie verliesse, sie aus seiner Hand fordern würde. Dieses sagte Änneli Annelisi freilich nicht, sondern anderes; aber es ist ja so häufig so, dass wir viel sagen, aber gerade das nicht, warum wir etwas gesagt, warum wir das wollen und nicht was anderes. Von wegen, was wir nicht wissen, können wir nicht sagen, und wie oft geschieht es uns nicht, dass wir etwas wollen, wir wissen nicht warum, der Entschluss steigt uns auf als wie ein Gespenst aus dunkelm Schlunde, und erst wenn es so da vor uns steht, suchen wir nach Gründen, sein Dasein zu rechtfertigen.

Eine rechte Reisbrühe zu kochen für diesen Fall wüsste niemand, sagte Änneli, man koche das Ding gewöhnlich ein wenig, aber den Reis verkoche man nicht; wenn man anrichte, so sei das lautere wasser obenauf und der Reis hocke ganz am Boden, und dHauptsach bei einer solchen Brühe sei, dass sie schleimicht sei, anhänke in den Därmen, wie der Doktor gesagt habe; eine solche Brühe wolle es selbst kochen. Dann müssten die Kinder Dokterrustig nehmen; die Frau sage zwar, man könnte innen nichts beibringen, sie nähmten nichts. Das müsse nun sein, und wenn sie jemand etwas