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seiner eigentlichen Meinung heraus. "Aber Christeli, Christeli, was sinnest auch, schäm dih! Welle di guete Lüt sy und öpperem öppis schicke, wo mir nüt gspüre, wo grad ist wie nüt, u drmit es Meitli schicke, wo nüt het as dGsundheit, u die sött es ga opfere, u mir hätte dr Ruehm, un ihm danketi nume niemere, nei Christeli, das ist nie üse Bruch gsi u mit selligem chumm mr nümme."

In den Hütten der Armen ist wohl keine Krankheit, die Cholera etwa ausgenommen, fürchterlicher und ekelhafter als die rote Ruhr, der rote Schaden. Wo vielleicht nur ein rechtes Bett ist und noch dazu ein schlechtes, die Übrigen mit einzelnen Bettstücken sich behelfen müssen, selbst mit Hudeln, bald in leeren Bettstätten, bald auf dem Ofen, vielleicht auch auf den Tischen; wo kein Glied der Familie mehr als zwei Hemder hat, eins am Leib, eins am Zaun zum Trocknen, kein Vorrat irgend einer Art ist, selbst das Holz für den täglichen Gebrauch zusammengelesen werden muss; wo man einem, der zu Mittag essen wollte, nichts gekocht fand und klagte, es sei längst zwölf vorbei, antwortete: "Du Narr, we mir esse wei, su luege mr nit a dUhr, mir luege i Kuchischaft, wenn nüt drin ist, su hört me koche, sygs de zwölfi oder nit"; wo es so ist, da denke man sich das Elend bei einer Krankheit, wo Reinlichkeit, Wäsche Wechsel, Diät und Pflege die Hauptsache sind!

Als nachmittags die Leute heim waren aus der Predigt, machte Änneli sich auf; niemand widerredete mehr, aber sie boten ihm alle das Geleit an, und als es keins annehmen wollte, baten sie dringlich, es möchte an sein Alter denken und bald heimkommen.

So hatte es sich Änneli, welches doch schon bei vielem Elend gewesen, nicht vorgestellt, wie es es fand, dass so alles in allem fehlen könnte, sich nicht gedacht. Es hatte allerlei mitgebracht, also Reis, etwas Wäsche für die Kinder, Brot und selbst in einer Flasche Nidle, weil es gehört hatte, dass sie drangstillend (einhüllend)sei. Aber Holz fand es nicht, Butter fand es keine, an Wäsche und Reinigungsmitteln einen schauderhaften Mangel, so dass es ihm fast übel ward. Es waren allerdings, besonders weil es Sonntag war, auch Menschen da; Einige hatten etwas mitgebracht, Brot, Lebkuchen, selbst Fleisch, und zwar gesalzenes und geräuchertes, andere legten einen Batzen oder sechs Kreuzer dar und jammerten: "Herr Jemer, wie sieht das aus, da hielte ichs wäger keine Stunde aus, nein, das ist afe grüslig." Andere leisteten einige Handbietung, sagten dann, sie müssten heim, es koche sonst niemand, aber wer ihre Stelle vertrat hier, darum kümmerten sie sich nicht. Man ging ab und zu, fragte, antwortete, urteilte dass wahrscheinlich alle stürben bis vielleicht an die Alte wenn sie es ausstehen möchte, aber die Sache in die Hand nahm niemand, ehe Änneli kam.

Änneli band das Stückwerk aneinander. So einer verständigen Hausfrau ist es unmöglich, in der Unordnung zu sein, es ist ihr zum Instinkt geworden, jedes an seinen Platz zu stellen und die vereinzelten Tätigkeiten zu einem Ganzen zu ordnen, wo keine Kraft der andern entgegenarbeitet, sondern eine der andern vor und in die hände. Und das tut so eine erfahrne Hausfrau nicht dadurch, dass sie mit vielem Reden daherbraust wie eine Windsbraut, dass sie unter die Leute fährt und sie auseinandersprengt wie ein Wirbelwind, der über das Heu auf dem feld kommt, sondern das geht fast auf die Weise, wie unser Schöpfer es macht; es steht jedes auf seinem Platz, es weiss eigentlich nicht wie, und jedes bildet sich ein, es hätte eigentlich den Anstoss gegeben und wenn es nicht dagewesen wäre, so wäre es viel z'übel gegangen; was ihm, wäre kem Mönsche zSinn cho. Zum Doktor ging jemand und im Vorbeigehen mit Aufträgen nach Liebiwyl, Holz kam herbei für die Not, Butter, Reissuppe übers Feuer, gelüftet ward, gesäubert, und je mehr getan ward, desto weniger ward gestürmt und geschwatze, so dass die arme Frau sagte, es düech se, es well afa bessere, es heig ere scho viel gwohlet. "Wenn öpper dr Vrstang het, dr Wille wär geng no öppe da; aber mit em Vrstang, da ist me mängist übel zweg."

Am Abend noch kam Annelisi daher, schwer bepackt und mit dem Auftrage, die Mutter solle heim, es wolle dableiben. Aber es konnte lange reden, die Mutter wollte nicht. Wenn so eine rührige Frau einmal daran ist, etwas in gang zu bringen, Hand an ein Werk gelegt hat, die Hand kann sie nicht davon abbringen; sie kriegt eine Art Fieber, kommt in Jast, den man nicht stellen kann. Zu dem kam noch Zweites. Wer arme Kinder mit Leiden und Tod ringen gesehen, der weiss, dass in ihrem Anblick zumeist etwas unendlich Rührsames liegt. Zumeist ist so armen Kindern von Jugend auf eingeprägt, dass sie eine Last sind, dass Vater und Mutter um ihretwillen so schwer ringen müssen mit dem Leben. Wenn man es ihnen auch nicht deutlich sagte, so sehen sie es doch. Wenn sie ganz klein sind, so kräzt sie die Mutter, nimmt sie der Vater; so wie