1843_Gotthelf_137_149.txt

nicht zürnen, wenn ich keine Ausnahme mache, nicht rede von absonderlich braven Leuten, die keinen Fehl hätten, von Häusern, die nichts als heilige Tempel wären; zu anmasslichen Sektierern will ich euch nicht stempeln, und als Esra betete: Ich schäme mich, mein Antlitz aufzuheben zu dir, denn unsere Schuld ist gross geworden bis an den Himmel, wen nahm er da aus? Die Priester, die Regenten, die Reichen? Er nahm niemand aus. Wen man vom allgemeinen Bekenntnis der Sündhaftigkeit, der Sündenschuld ausschliesst, den stösst man damit aus der Gemeinschaft der Gläubigen. Dass je reicher, je mächtiger einer sei, er auch ein desto grösserer Sünder sein müsse, wollen wir nicht sagen, aber lebendiger soll das Schuldbewusstsein in ihm sein, denn ihm sind zehn Pfund anvertraut und nicht nur ein Pfund, und wie schwer es einem Kamel sein muss, durch ein Nadelöhr zu gehen, das soll er fühlen im eigenen Gewissen. Wer sich ausnehmen will, und ich zweifle nicht, dass es Solche gibt, es gab und gibt und wird immer Solche geben, die sich zu den Andern nicht zählen, dazu bedarf man weder apart geboren noch apart weise zu sein, die mögen es selbsten tun, aber dann sorge tragen, dass in ihrer Ausscheidung sie nicht sich selbsten richten, und zwar mit einem harten Gerichte.

"Alle die vorgebrachten Klagen sind richtig, aber ihr, ihr Hausväter, ihr Hausmütter, die ihr klagt, ihr seid zumeist die Schuldigen, und aus dem verwahrlosten haus herauf wachsen, wie im Moraste Schwämme und Giftpflanzen, die Dinge auf, über die ihr klaget.

"Wenn Mann und Weib über einander klagen, was klagen sie eigentlich? Dass das Haus nicht mehr ihr Tempel sei, dass Gott nicht mehr zwischen ihnen sei, dass jedes dem eigenen Götzen sich zugewandt, dass eins vom Andern fordere, dass es ihm als seinem Götzen diene, dass er auswärts opfere, was das Haus selbst bedürfe; was klagen sie eigentlich, als es sei der Friede fort zwischen ihnen, der Friede, der nur von Gott kommt und der nur in seinen Tempeln wohnt! Das Eine oder das Andere, zumeist Beide, stehen nicht als Priester am Hausaltare, warten des heiligen Feuers nicht, das die Herzen rein glüht von irdischen Schlacken; daher die Klagen, daher das Weh, das durch zerrissene Glieder fahrt. Ihr klagt über die Kinder und wundert euch darüber. In der Taufe habt ihr versprochen, sie dem Herrn zuzuführen, tut ihr es? Vater, zeigst du deinem kind Gott, des zeitlichen Lebens ewige Bedeutung? Und du, Mutter, nährst du in frommem Sinne der Kinder geistigen Hunger und Durst und öffnest ihnen die Augen, dass sie im Sichtbaren das Unsichtbare sehen und die Quelle des Leides über jegliche Sünde, jegliche Befleckung? Gewöhnt ihr sie, euch als Priester nicht nur, sondern als Engel Gottes zu betrachten, die ihnen der Herr auf Erden vorausgesandt, um an erfahrner Hand sie zu geleiten aufrechter Bahn zum ewigen Ziele? Gewöhnt ihr sie, das Haus zu betrachten als eine Freistätte des Guten; Tut ihr das? Oder was meint ihr, wenn die Kinder euern Abfall von Gott sehen, dem Allmächtigen, dem Allwissenden, und euern Ungehorsam gegen ihn, sollen sie dann euch gehorchen, euch, den Schwachen und Gebrechlichen; Und wenn ihr selbst mit der Muttermilch sie einsaugen lasst Fleischeslust, Augenlust, Hoffart des Lebens, was wollt ihr euch da der Früchte weigern, die aus solchem Samen entstehen?

"Oder wollt ihr sagen, Religion zu lehren sei der Lehrer Sache, Religion lehrt sich eben nicht wie ein Rechnungsexempel, und liesse sie sich auch lehren, wie soll sie da gelehrt werden, wo ihr mit Wort und Tat das Gegenteil von dem tut, was der Lehrer lehrt' Was würdet ihr von einem Acker erwarten, den man ansäet und alsobald nach der Aussaat wilde Schweine und andere Tiere hineinlässt? Wenn ihr von den Lehrern fordert, dass sie die Kinder zu Christen machen, so müsst ihr erstlich Lehrer wählen, welche selbst Christen sind und nicht etwa dem Christentum den Krieg angekündigt haben, und wenn ihr Christen zu Lehrern habt, so müsst ihr sie weder verhöhnen noch verdächtigen noch gar ihre Arbeit und ihren Fleiss verwünschen, oder dann suchet nicht Trauben an den Dornen; müsst nicht von der Torheit besessen sein, nicht christliche Kinder zu begehren, sondern bloss gute, so allgemein gute, ohne Glauben, ohne Christus, ohne Gott.

"Man klagt über die Hausgenossen, über die Dienstboten. Aber woher die Klagen, als weil jedes christliche Band zwischen Herren und Dienern zerschnitten ist, das Verhältnis nur auf dem hohlen Recht beruht, wo jedes das Seine sucht und nicht das, was des Andern ist! Woher anders, als weil zu wenig christlicher Ernst in den Hausern ist, um die Seelen man sich nicht kümmert, sein eigen Haus geduldig zum Schlupfwinkel der Sünde machen lässt und zufrieden ist, wenn der Leib seine Pflicht tut. In so vielen Häusern hält man die Dienstboten nie zur Kirche an, ja man ist froh, wenn sie nicht gehen, gibt ihnen weder Platz noch Buch zum Lesen, lässt sie fast absichtlich verwildern. Ich will niemand schuld geben, dass gerade er schuld an diesen Klagen sei, aber ursprünglich liegt der Grund des Verderbens der Dienstboten nicht in ihnen selbst, sondern in den Häusern, in den Häusern, denen sie entwuchsen, in