, wir doch alle nur eine Familie seien, und dass wenn die Umstände uns auch verschiedene Häuser geben, Paläste den Einen, Hütten den Andern, wir darum doch nicht grösser werden oder kleiner, sondern dass es bei jeglichem auf die Treue ankömmt und was für einen Haushalt er mitbringt und was für eine Rechnung er davon abzulegen vermag. Es ist also jetzt noch jedes Haus ein eigener Tempel Gottes, gleichsam eine Zelle im Reiche Gottes, ist die Pflanzstätte des wahren Gottesdienstes und hat die Verheissung von Gottes Huld und Gnade, denn wo Vater und Mutter verehrt werden als Stellvertreter Gottes, sich aber auch als solche betragen, da soll Gottes Segen wohnen, da gibt Gott Bestand dem haus, er heiliget es zu seinem Tempel. So soll es sein im Christentum, und da wir uns Christen nennen, so soll es so unter uns sein.
"Liebe Andächtige, heute haben wir einen Busstag, unseres Elendes sollen wir uns bewusst werden, sollen jammern und klagen darüber. Wenn jeder unter euch reden wollte, an Jammer und Klage würde es nicht fehlen, und wirkliches Elend wäre der Klage Gegenstand. Aber wie selten einer würde des Elendes Grund und Wurzel da suchen, wo sie ist. Es ist des Menschen Art, über alles zu klagen, nur nicht über den eigenen Abfall, die eigene Verkehrteit. Liebe Andächtige, ich will euch Hauptklagen anführen, die man hört, wenn man nur einige Worte mit Menschen spricht, nur einige Augenblicke an einem Orte steht und hört, was Andere reden. Alle Klagen, welche ich gehört, führe ich nicht an, aber die, welche ich auslasse oder vergesse, die nehmt und macht es so, wie ich mit den angeführten, so werdet ihr auch über diese ins Klare kommen.
"Ihr klagt, nicht jeder über sich, nein, es klagt der Mann über das Weib, das Weib über den Mann; der Mann klagt, das Weib sei nicht mehr des Hauses Mutter, nicht mehr seine sichtbare Vorsehung, nicht mehr dessen Amme, von der die gesunde Speise kommt für Leib und Seele allen, die im haus wohnen. Das Weib klagt über den Mann, dass er ausser dem haus des Hauses Mark verzehre, des Hauses Dienst versäume, dass er ob Sammeln oder Verzehren des Geldes vergesse die Menschen, die um ihn wohnten, das Weib, das seine Hälfte sein sollte, die Kinder, die seine Zeugen vor Gott sein werden. Die Eltern klagen über die Kinder, über Mangel an Treue, an Gehorsam, über den hochmütigen Sinn, der alles, was nicht jung ist und nagelneu, verachtet, der meint, es sei mit allen Dingen, allen Menschen wie mit schlechtem Zeuge, welches nur ganz neu schön sei und zu gebrauchen. Ihr klagt über die Dienstboten, wie sie störrisch seien und begehrlich, unzuverlässig und treulos, kein Gewissen hätten und nichts im Auge als den Lohn und dass der Tag umgehe so ring als möglich. Ihr klagt über die Armen im Allgemeinen, dass sie an die Stelle der Barmherzigkeit das Recht gesetzt, dass sie meinen, es heisse beten und betteln, statt beten und arbeiten, dass sie giftigen Neid im Herzen trügen, von Christus sich immer mehr entfernten, dem Tiere sich immer mehr näherten. Ihr klagt über Lehrer und schulen, dass die Kinder immer weniger nutz wären, je mehr sie lernten, und doch am Ende von der Hauptsache nichts wüssten. Ja ihr klagt über Regierung und Regenten, klagt über ihr Tun und euere Täuschung, über ihr Nichttun und euere Zweifel, klagt so manches, das ihr wohl wisst, hier aber nicht auszusprechen ist. So klaget ihr, oder ist es nicht so? Aber auf wen fallen die Klagen zurück? Auf euch, ihr Hausväter, auf euch, ihr Hausmütter! Wo bilden sich die Ursachen zu diesen Klagen? In euerm haus, in euerm Sinn, ihr Hausväter, ihr Hausmütter! Ist euch euer Haus noch der heilige Tempel, steht in ihm noch der heilige Altar, auf dem ihr dem Gott, der im alten und neuen Bunde sich so herrlich geoffenbaret hat, alles, was er begehrt, und vor allem das Liebste opfert? Oder habt ihr den Tempel verlassen, eigene Höhen euch auserwählet, weilet dort, bauet Altäre dort und opfert dort selbsterwählten Göttern alles, Leib und Seele, Heil und Seligkeit, Knechte und Mägde, Söhne und Töchter, Eigentum und Vaterland, kurz alles, was unter abgöttisch gewordene hände kommt?
"Liebe Andächtige, ihr wisst, dass meine Sitte es nicht ist, Verdammungsurteile auszusprechen, von denen ich niemand ausnehme als mich selbst; aber wo durch die Zeit eine Krankheit geht, da bleibt selten jemand von ihr unberührt, am wenigsten ich, es schwebt über Jeglichem der Zeitgeist, der die Krankheit mit sich führt oder die Krankheit selbst ist, gerade wie wenn in der äussern Luft ein Krankheitsstoff getragen wird, zum Beispiel der rote Schaden, sehr selten jemand unberührt bleibt, sondern die Meisten davon berührt werden, wenn auch die Krankheit nicht ausbricht, auch der Tod nicht droht, so doch durch ein Unbehagen, das durch unsere Glieder schwebt, von dem wir nicht wissen, woher es kommt, und zumeist auch nicht, was es eigentlich ist. Ich bin der Meinung, dass es eben niemand zieme, zu sagen: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie jener arme Zöllner! Darum werdet ihr auch