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Unter den ersten war auch Änneli, und wie tat das manchem armen Mütterchen so wohl, dass es mit der guten Bäurin zu Liebiwyl zur Kirche gehen konnte, die so freundlich fragte und sprach, und gar manches Mütterchen ging grader auf, als es seit zehn Jahren gegangen war. Oh, es ist seltsam, wie freundliches Wesen wohl tut und armen Herzen erquicklich ist, wie Kranken der Sonne Licht! Und wenn ein Armer am Sterben ist, sein himmlischer Vater zunächst ihm ist, wenn ein Reicher und Hoher als freundlicher Bruder an seine Seite trittet, es erquickt und stärket den Armen, belebenden Tropfen gleich; er richtet sich empor, es ist ihm als wenn es ihn erst jetzt recht freute, zu sterben, er weiss, wie unbeschreiblich süss der Hauch der Liebe durch die Seele fährt. Oh, wenn man wüsste, was in freundlicher Liebe für eine Kraft läge, es würde nicht nur Mancher seine aufrichtige Liebe freundlich zu machen suchen, es würden Juden, alte und junge, sie nachahmen, der Prozente wegen.

Sie drängten sich um Änneli, und als sie in die Kirche kamen, wollte jede wissen, wo man den Herrn am besten verstehe, und ordneten es in eine Bank mit Rücklehne und an die Wand, wo es öppe am bequemsten sei und hingefer u nebefer anliegen könne, vo wege, dr Herr mach mängist wohl lang, u de werde me grusam müed, bsungerbar im Krüz.

Nach und nach füllte sich die Kirche an, die Glokken riefen, der Schulmeister las, und fry herzhaft, er wollte noch über die Glocken übere, und auf einmal verstummte alles, oben auf der Kanzel erschien der Pfarrer, blass und angegriffen, und nachdem er sein Gebet verrichtet, verlas er leise das zu singende Lied.

Ernst schwollen die Töne auf, ernste Andacht liessen sie in den Herzen zurück, und demütig beteten sie um segensreiche Empfängnis des segensreichen Wortes. Begierig horchten sie auf das Grundwort, welches der Herr der Schrift entnommen, und hörten folgende Worte: "Gefällt es euch nicht, dass ihr dem Herrn dienet, so erwählet euch heute, welchem ihr dienen wollt, es seie den Göttern, denen eure Väter gedient haben, welche jenseits des Flusses waren, oder den Göttern der Ammoniter, in welcher Land ihr wohnet. Ich aber und mein Haus wollen dem Herrn dienen."

Es war ein schwer Wort, aber Viele dünkte es doch seltsam, dass der Pfarrer jetzt noch davon sprechen könne, dass man wählen solle, wem man dienen wolle; es sei ja längst ausgemacht, dass sie alle Christen seien, meinten sie.

Der Pfarrer begann mit der Bemerkung, dass er auf eines aufmerksam machen müsse, was alle Völker, welche ihrem Untergange entgegengegangen, mehr und mehr ausser acht gelassen hätten, was aber ganz eigentümlich im Alten Testament bezeichnet sei und dessen Eckstein das fünfte Gebot sei: "Halt in hohen Ehren Vater und Mutter, auf dass du lange lebest im land, das dir der Herr, dein Gott, geben wird."

Aufmerksam machen müsse er auf das Haus und dessen Bedeutung.

"Dass unter Haus die Familienglieder, welche in einem Gebäude wohnen, zu verstehen sind, so wie unter Kirche nicht bloss der Tempel, sondern alle, welche sich darin versammeln, das brauche ich wohl nicht zu bemerken. Das Haus ist der erste Tempel Gottes gewesen, der Hausvater der erste Priester, der dem Herrn das Liebste geopfert, den einigen Sohn. Die Frömmigkeit des Hauses ist vom Herrn belohnt, des Hauses Irrungen sind gezüchtigt worden. Lest die Geschichten von Isaak und seiner Söhne Zwiespalt, von Jakob und seines Hauses Greuel, von Eli, Samuel und ihren Söhnen, von David und dem Lieblingssohne Absalon, der den grössten Jammer über den Vater gebracht: aus dem schlecht geleiteten haus ist den Vätern das Leid erwachsen. Als die Familie zum volk geworden, hat man ein gemeinsames Haus gebaut, damit man nie vergesse in allgemeinen Zusammenkünften, dass man eigentlich nur eine Familie sei; ein jedes Haus ist der Tempel geblieben einer jeglichen Haushaltung, das Leben des Hauses der tägliche Gottesdienst, das Walten des Hausvaters des Priesters Amt und Verrichtung. Darum haben die Juden nur einen Tempel gehabt, den zu Jerusalem, der das ganze Volk als eine Familie fasste; in der Zwischenzeit war jedes Haus der heilige Ort, wo der Hausvater mit all den Seinigen Gott diente, jeder andere Tempel, jedes Errichten eines Altars auf Höhen oder in Wäldern war Abfall, war Götzendienst, ein Zeichen, dass sie ihre häuslichen Tempel verliessen, nicht mehr zu heiligen wussten, sie und ihr Haus nicht mehr dem Herrn dienen wollten. Dieses Verhältnis hat im neuen Bunde sich nicht geändert, ist nur verklärt und ganz besonders geheiliget worden. Unter vielen Stellen will ich nur die anführen, wo es heisst: Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, das königliche Priestertum, das heilige Volk, das eigentümliche Volk, das ihr verkünden sollt die Tugenden des, der euch berufen hat aus der Finsternis in sein wunderbares Licht. So ist jeder Christ ein Priester, sein Haus sein Tempel, seine Familie sein Altar, auf welchem er als Weihrauch dem Herrn soll aufsteigen lassen die Tugenden des, der ihn berufen hat aus der Finsternis in sein wunderbares Licht; unsere Kirche ist nichts als das allgemeine grosse Haus, wo wir uns bewusst bleiben sollen, dass wenn auch die notwendigkeit es gebietet, in besonderen Häusern zu wohnen