1843_Gotthelf_137_146.txt

Morgen, und ungern hatte es Änneli, denn an solchen Tagen hatte es Hasten und Jagen nicht gerne, denn gar schwer wird es dann dem in die häuslichen Wirren versenkten Gemüte, zu der Ruhe zu kommen, welche alleine der fruchtbare Schoss für des Herrn Wort ist. Aber zu seiner grossen Verwunderung war schon die meiste Morgenarbeit abgetan und das Meiste zweg, so dass die Haushaltung nicht versäumt war und Änneli seine Zeit auf sich verwenden konnte. Dieses Vortun war ihm eine seltsame Sache, weil die Jungen wegen dem Aufstehen sich zumeist auf die Alten verlassen; darum fragte es auch verwundert die Tochter, welche geschäftig am Herde waltete: "Wer het dih gweckt?"

"He guete Tag, Muetter", sagte Annelisi, mit gerötetem gesicht sich umwendend, "bist auch erwacht" "Guten Tag gebe dir Gott", antwortete Änneli, "aber sag mir doch, warum bist du schon auf, und wer hat dich geweckt?" "Mutter, niemere, aber ich habe auch etwas gsinnet und an mich gedacht, und da hat es mich düecht, es würde mir wohl anstehen, wenn ich in Zukunft aufstehe und ihr liegen bliebet, ihr habt den Schlaf nötiger als ich, und wenn es mir einmal dazu kommt, aufstehen zu müssen, so bin ich daran gewöhnt." "He ja", sagte die Mutter, "das schadet dir nichts, aber wie bist du vor lauter Flausen zu diesem Sinnen gekommen?" "He, Muetter", sagte Annelisi, "es ist de öppe wäger nit, dass ich nicht schon manches gesinnet habe, aber ich kann es nicht so erzeigen wie Andere. Es ist wahr, ich habe viel Fehler, aber dass es mir de öppe nit ernst syg, besser z'werde, selb ist doch dann nicht, und wenn ih werde will öppe nit glych, aber doch schier wie du, Muetterli, und das möchte ich, so habe ich noch viel zu tun und einen weiten Weg. Daran habe ich gestern gsinnet, und es ist mr angst worde, u fry recht, und ih ha mr vorgno, mih grad hüt uf e Weg z'mache u dir nache, vo wege, ih weiss o nit, wie lang mr üse Herrgott Zyt git. Es ist so plötzlich us mit eme Mönsch, mi weiss nit wie und het mängist ume nit Zyt, dra z'sinne."

"Du hast recht, und bsunderbar junge Wybere gehts gerne so", sagte die Mutter, "und wenn sie erst recht glücklich sein wollen, so nimmt sie Gott weg. Darum, Kind, freut es mich, dass du daran sinnest und von selbst, ich hätte es dir nicht zugetraut. Fahr so fort, so kann ich fröhlich sterben, denn du bist doch immer das gewesen, wo mir am meisten Kummer gemacht hat. Aber eine schönere Freude hat mir auch noch Keins gemacht als du jetzt, und ich wusste wäger mich nit z'bsinne, dass mr grad am ene Morge, wo ih ufcho bi, neuis so Fröhligs bigegnet wär als hüt. Denn woran haben die Eltern Freude als an den Kindern, und die grösste ist die, dass sie gut werden und fromm, dass me öppe einist alli wieder zsämechunt. Wenn ih ume wüsst, wies mit Resli ging u dass der noch glücklich würde, de wett ih gern sterbe." "Öppis Dumms e so, Muetterli, ja wolle, sterbe, wo wir dich je länger je nötiger haben! Sagst du nicht manchmal, wenn wir etwas darnach sagen: Schweiget, Kinder, versündiget euch nicht." "Das ist nicht das Gleiche, Kind", sagte die Mutter. "Wenn die Bäume gewachsen sind, so nimmt man ihnen die Stecken weg; lässt man sie zu lang, so schadts ne. So tuts der liebe Gott, er weiss, wenn es Zeit ist. Aber wenn wir noch nicht essen können, so will ich mich zwegmachen, so pressiere für zChilche tue ich nicht gern, u de faht mr dr Ate a fehle"

Es war ein schöner Herbsttag, klar und mild die Luft und ganz voll Glockentöne; schwiegen sie hier, so hallten sie, bald milder, bald ernster, von anderswo her. Es war, als ob ein treu Elternpaar zuspreche seinem kind, und schwiege des Vaters ernste stimme, so begönne leise, milder, aber gleich innig, die Mutter.

Sonst ist allem voran immer die leichtbeinige Jugend, diesmal zogen alte Mütterchen vorauf, langsam und oft noch stille stehend, und alte Männer gingen mit ihnen, sprachen von alten Tagen und was zu ihren zeiten gepredigt worden. Und was ist die Menschheit anders als eine grosse Heeressäule, die dem grab entgegenwandert, dort des Leibes los wird und durchs schwarze Tor den hellen Himmel sucht! Wo an diese Wahrheit gemahnt wird und an die Heimat und über die Gräber gewandelt wird, da gehen billig die Alten voran; sie soll es drängen dem Ziele entgegen, sie soll es freuen, Bahnen zu brechen der Jugend, die so viel schwerer sich losreisst vom heitern Sonnenlicht. Aber rührend ist es doch, die alten Leutchen, die Spitze der Todessäule, zu sehen, wie sie so andächtig und gläubig dem Herrn zuwandert, so vertrauensvoll zwischen den Gräbern geht, so ergeben über die letzte Reihe blickt, ob wohl das nächste zum eigenen Kämmerlein sich gestalten werde