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recht, dem Andern billig, und was der reiche Mann vernommen, das wird wohl auch ein aufgeblähter Wissender vernehmen müssen.

Von denen, die ich hier beschrieben, kann ich in Beziehung auf den Bettag nicht reden, er macht ihnen weder kalt noch warm, und wie sie ihn zubringen wollen, darüber sind sie nicht in Verlegenheit; sie bringen ihn zu wie das vergangene Jahr, und dass man ihn so zubringen kann, dafür ist beizeiten gesorgt.

Die Leute, von denen ich reden möchte, sind die, denen er störend in ihr Leben trittet, Handwerker, die in den gewohnten Pinten nicht schöppeln, Agenten, die in Wirtshäusern nicht auf gut Schick passen, Gebildete, die nicht in Lesezimmer können und in sich nichts zu lesen haben, und endlich unglückliche Leisterren, deren Zusammenkunftsort an diesem Tage ebenfalls verschlossen ist. Es gibt Leute, sie sind von unglücklicher Furcht geplagt; wenn es Nacht wird oder wenn sie alleine sind, so haben sie Angst, furchten sich vor dem Teufel oder einem Gespenst und schreien Zetermordio um hülfe; die Leute bedauert man. Es gibt aber Leute, die dürfen nie mit sich selbst alleine sein, sie furchten sich vor sich selbst, sie sind sich selbst ihr Teufel; es gibt Leute, deren grösster Graus es ist, mit ihrer Familie alleine zu sein im eigenen haus, ohne Wein und ohne Klang, es wird ihnen wie in der Hölle; das sind unglückliche Leute, die sind zu bedauern.

Es ist auf dem land wohl mehr Sinn für das Ernste, und im haus unter den Seinen ist es dem Landmann wöhler, und mit dem Betrag weiss mancher Bauer weit mehr anzufangen und empfindet mehr seine Bedeutung als gar Mancher, der viel von Geist zu reden weiss, aber doch eigentlich nur von Fleisch, Brot, Wein und ähnlichen Dingen lebt.

Ruhig geht schon der Vorabend ein, und eine wunderbare Stille liegt am Tage selbst überm ganzen Land. Man hört kein Geräusch als nur hie und da ein Chaischen, in dem Stadtleute sind, welche ihrem eigenen Teufel entrinnen möchten. Es wird an rechten Orten wenig Bauern geben, welche an diesem Tage ein Ross aus dem Stalle nehmen würden. Man sieht nichts als Predigtleute, vielleicht solche, welche die Neugierde in eine entferntere Gemeinde getrieben, um zu hören, wie den Nachbarn der Text gelesen wird, wie man denn allerdings lieber Andern abkapiteln hört als sich selbst und seltsamerweise eine Predigt in einer fremden Kirche nicht auf sich bezieht, als ob das Wort Gottes nur in unserer eigenen Kirche das Recht hätte, unser Herz zu züchtigen. Hie und da sieht man bei einsamen Häusern wohl eine Wäsche flattern, die irgend eine verwahrloste Frau an die Sonne gehängt und die da ruhig hängen bleibt, obgleich es eigentlich verboten ist. Aber es ist halt die Welt eine Kugel und dreht bekanntlich sich um; was oben war, kommt unten, und wie man zu zeiten beim Erlaubten ruhig war, beim Verbotenen gestört wurde, so dreht sich natürlich mit der Welt auch dieses Ding um, bald wird man ganz getrost das Verbotene treiben können, aber sich wohl in acht zu nehmen haben vor dem, was erlaubt, gesetzlich einem zugesichert war. Und wer kann was dafür, dass die Welt sich dreht?

Und wie die Gemeinde in feierlicher Stille des Wortes harret, das zur Busse rufen, eine tiefe Furche reissen soll ins eingerissene Leben, so sinnet der Prediger auch mit Ernst und Andacht über diesem Worte, schaut über das Saatfeld schaut die Krankheiten an, die auf demselben sichtbar werden, der Ernte die grösste Gefahr drohen, und was er tief und ernst erwogen, das legt er seiner Gemeinde vor, nicht in Anschwellungen des Zornes als ein Oberherr, da seine Sklaven züchtigt, nicht als ein Schweinehirt, der seine Schweine peitscht, sondern ernst und bewegt, im Bewusstsein, dass auch er der Gemeinde Glied und vielleicht nur dadurch über den andern Gliedern, dass sein Auge schärfer schaut, sein Mund genauer bestimmt die Krankheiten, die durch die Saaten gehen.

In Liebiwyl war dieser Tag von je ein heiliger gewesen, den man in der Stille zubrachte und wo, Krankheitsfälle ausgenommen, keinem Menschen im haus es nachgesehen worden wäre, wenn er nicht wenigstens einmal die Kirche besucht hätte, und zumeist waren die Predigten des Pfarrers noch lange der Gegenstand ernster Unterhaltungen.

An diesem Tage gehen die Leute nicht langsam, gemächlich zur Kirche, sie eilen, die zahlreichen Züge gleichen Strömen, die Niederungen zueilen, zu spät will niemand sein, jeder Platz noch finden; je älter die Leute sind, desto früher machen sie sich auf den Weg, und längst, wenigstens bei schönem Wetter, ist die Kirche angefüllt, wenn der Prediger kommt, ernst und feierlich, im Bewusstsein, dass was in seiner Brust sich rege, auch in den meisten Andern lebe, und auf den Herrn hoffend, dass der Herr das rechte Wort ihn finden lasse, das, was sich innen regt, äusserlich zum Leben zu bringen.

Christen und Änneli hatten darüber nachgedacht, wie das Jahr ein so wichtiges für sie geworden und wie der Herr in demselben sie gesegnet und gezüchtiget wie noch in keinem, und wo wohl noch die Sünde sei bei ihnen, und wie es mit Resli gehen, Gott ihn führen werde. Lange hatten sie am Abend vorher ernste Gedanken gewechselt, und die bewegte Seele wollte lange sich nicht in des Schlafes Ruhe finden. So verschliefen sie sich fast am