treibt es mit um so grösserer Lust, fast wie es Schlemmer treiben, die express einige Stunden fasten, um nachher mit um so grösserem Appetit zu fressen. So wird alles verkehrt dem verkehrten Gemüte, und selbst die heilige Zeit wandelt sich für ein solches in einen Fluch um. Schön aber sind unsere vier heiligen zeiten, unsere vier geistigen Jahreszeiten, wo jede die andere gebiert, jede aufs Gemüt der Menschen eigens wirkt und in beständigem Wechsel und wiederkommen den Menschen vor geistigem Schlafe wahren soll. Wenn im Herbste die Ernte in den Scheuern liegt, junge Saaten einer neuen Ernte entgegengrünen, an den Bäumen die Blätter gelben und zwischen ihnen die hellen Früchte glänzen, dann soll der Mensch es sich bewusst werden, dass auch er ein Baum sei, von dem Früchte gefordert werden, dass die Menschheit sei der grosse Weltenacker und gerichtet werde nach den Früchten, die auf selbigem stehen. Es soll im geist der Mensch den Herrn sehen, wie er alle Tage am Baume vorübergeht und nach Früchten sucht, soll nun selbst seine Augen richten nach diesen Früchten, soll schauen nach dem, was der Herr sucht. Da wird ein Weh im Herzen geboren, ein göttliches Leid, denn wie wenig trägt der Mensch, die sogenannte Krone der Schöpfung, dem Baume gegenüber, und das Wenige ist wurmstichig und befleckt, wie krankhaft und spärlich steht die Saat auf dem grossen Acker und wie üppig und reich das Unkraut, welches der Feind dazwischen gesäet! Da soll der Strom der Busse anschwellen in seinem Herzen, da soll das innige Verlangen geboren werden nach dem, der da kommt, das Verlorne zu suchen, der den Himmel öffnet, dass die Engel Gottes niedersteigen mit reichen Geistesgaben, der den guten Samen bringt, uns das Mangelnde ergänzt mit seiner Fülle. Es ist ein Gedenkfest, dass wir noch in der Irre wandeln und verloren gingen in der Wüste, wenn Gott uns nicht einen Führer senden würde; es ist eine Mahnung, getrost zu bleiben in der Wüste, denn hinter ihr liege das verheissene Kanaan, und zu ihm gelange, wer dem Führer folge.
Dieser Tag hat noch immer seine hohe Bedeutung unter uns, feierlich wird es uns zumute, und je näher wir ihm kommen, desto demütiger werden wir, desto klarer stellt das Bewusstsein sich heraus, dass wir vor Gott des Ruhmes mangelten, dass all unsere Gerechtigkeit sei wie ein unflätig Kleid. Es gibt freilich Leute unter uns, welche sich dieses sich aufdringenden Bewusstseins mit aller Macht zu erwehren suchen. Es sind hier nicht die gemeint, welche teoretisch Christus und die Sünde abschaffen wollen, sich selbst zum Götzen machen möchten, welche, bei Lichte besehen, akkurat dem Kalbe gleichen, welches die Juden anbeteten, mit dem Unterschiede jedoch, dass diese Kälber dato noch nicht golden sind, aber um so unverschämter an die Welt die Forderung stellen, dass dieselbe sie vergolde und bis dahin wenigstens reichlich füttere und tränke, und das Letztere lieber mit Wein als mit Bier, und diesen ebenfalls je besser desto lieber. Das sind die, welche in ihrer stupenden Anmassung singen können:
Und vor der Menschheit schreit ich gross
noch durch Jahrhunderte daher,
und die eben deswegen nichts sind als Zeugen der Wahrheit des Evangeliums, welches sie vernichten wollen, als Denksteine, dass wer sich selbst erhöht, erniedrigt werden werde, dass sie eben nicht länger dauern als das Kalb, das noch dazu golden war, das zu Pulver gestossen ward und welches Pulver verschlukken mussten die, welche das Kalb angebetet hatten, welches ihnen sehr übel bekam, denn es machte ihnen Bauchweh und einer erwürgete den Andern. Akkurat wie es heute geht, wo, wer heute der Götze war, morgen zu Pulver zerstampft wird, und übermogen die, welche ihn zerstampft, sich gegenseitig erwürgen. Und jener arme Tropf, der die schmählichen Worte sang: "Und vor der Menschheit schreit ich gross noch durch Jahrhunderte daher", um den bei Lebzeiten kaum tausend Menschen wussten von tausend Millionen, von dem nur einige Kameraden Lärm machten und ihn herumführten und zeigten, wenn er irgendwo durchkam – (Apropos, die Literaten haben den Schneidern etwas abgeguckt. Wenn nämlich so ein Schneider auszieht, so singen alle Schneider um ihn her, einer trägt ihm die Stiefel nach, ein anderer die Flasche, er selbst hat das Glas in der Hand, bedankt sich ringsum, indem er vortrinkt und hintendrein brüllt, was die andern vorgebrüllt. Wer so ein Schneiderlein hat ausziehen sehen und ihn nach zehn Jahren sitzen sieht, krummbeinig, erlahmt, an Leib und Seele ersiecht, der hat was gesehen, der hat gesehen, was jetzt die sogenannten Literaten auch machen, die ziehen gerade so aus und rum wie ehedem die Schneider. Obs ihnen wohl auch nach zehn und abermal zehn Jahren ergehen wird wie dem armen Schneiderlein, dass in zehn Jahren nicht Zehne mehr etwas von ihnen wissen werden, einige Bibliotekare in fürstlichen Biblioteken ausgenommen?) – jener arme Mensch ist ein lebendiger Denkstein von diesem grenzenlosen Übermut, und jetzt wird er es in dem verschmähten Jenseits erfahren haben, was der Hochmut kann, was an der Selbstvergötterung ist und wie tief die Selbsterhöhung stürzt. Wer weiss, ob er nicht auch gebeten hat, zurückkehren zu dürfen, denn er habe Brüder und die seien wie er und wohl noch ärger! Ob er zurückgekehrt ist, wissen wir nicht, seine Brüder haben weder etwas davon gesagt noch ein Beispiel genommen; wir zweifeln aber, denn Einem