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Sparpfennige der haushälterischen Ahnen, sondern dieses Schatzkästlein soll entalten Sitten und Erlebnisse der Väter, zu Warnung und Weisheit der Kinder. An dieser Familiengeschichte sollen Kinder aufwachsen wie am Spalier der edle Fruchtbaum. Der Väter Sinn und Art, welche sie über das Gestrüpp erhoben, wird auf die Kinder übergehen. Dieses wird vergessen; Namen oder Geld, am liebsten Namen und Geld, meint man, machen die Sache, das sind aber beides tote Dinge und erhalten sich nicht, ohne Seele sind sie ein Leib, der verfault, weil eben die Seele gewichen. Freilich schämt man sich zuweilen der Familiengeschichte, darf den Kindern sie nicht erzählen; Torheit! Wie treu und schön erzählt nicht das Alte Testament den Kindern Israels das Tun der Väter Israels, beides, zum Vorbilde und zur Warnung!

In sich trug Resli ein Leben, welches er der Mutter Auge, so innig er sie liebte, nicht erschloss; es war das Leben seiner Liebe, seine versunkene Liebeszeit. Eine solche versunkene Liebeszeit gleicht den Sagen von versunkenen goldenen zeiten und Ländern, mit dem Unterschiede jedoch, dass die Sagen der Völker sich immer grauer färben, im Herzen der Liebenden die versunkene Zeit immer goldener wird, wie auch oft das Abendrot immer dunkler erglüht, je tiefer die Sonne geht, je weiter es vom Westen steht. In sich trug er, je heller das Abendrot erglühte, um so fester den Entschluss, keinen Versuch zu machen, das versunkene Liebesland heraufzuzaubern aus des Meeres Grund. Aber eben deswegen verbarg er es in den Tiefen seiner Seele und verhüllte es mit finsterm Schweigen; er wusste der Menschen Art, die so gerne heraufbringen möchten das Versunkene, die so gerne denen, welche sie lieben, wieder geben möchten das Verlorne und oft mehr verlieren im Suchen, als sie wiederfinden, wenn sie das Verlorne finden. Er kannte seiner Mutter Milde, ihre Liebe, die, wenn sie erkennen würde sein inneres Leben, ihr eigen Leben opfern würde, um wieder anzuknüpfen das zerrissene Band, um ihm wieder zu gewinnen, was er als verloren so hoch im Herzen trug. Es war seine heilige Überzeugung, dass es also gut sei; diese Überzeugung stand ihm wie ein Fels in der Brandung, vom schönen Abendrot gerötet, von der Liebe Weh umbrandet. Er vermied alles Reden davon, alles fragen darnach; er fühlte, wie leicht ein Wort zum Zauberwort wird, das Schranken sprengt, Felsen zerstäubt, wie leicht es zum Taucher wird, der Versunkenes zutage bringt, zur bewegenden Gewalt, die den Willen der Menschen dahinrollt nach ihrem Belieben. Aber wenn er alleine war, so durchlebte er immer wieder das erlebte Liebesleben, und allemal erglühte es in neuen Farben, und süsser schien sein Mädchen und süsser die Liebe, die sie verbunden.

Darum war er auch so gerne alleine, und so oft stand er auf des Nachts, legte sich unters Gadenfenster und versank in süsses Träumen. Wenn seine Augen den Wagen am Himmel sahen, wie er so ehrenfest und sonder Wanken durch den Himmel fährt, himmlische Geister führt, ohne Halt, ohne Umleeren, so dachte er des dunkeln Hauses im Dorngrüt, über das der Wagen lautlos dahinfuhr in hehrer Majestät, dachte an sein Mädchen unterm grünen dach und wie es ihm ums Herz und ob auch er darin noch lebendig sei und das vergangene Leben zuweilen erblühe in wehmütigem Glanze? Die Antwort hätte er für sein Leben gerne vernommen. Oh, wenn es so wäre, wie gerne wäre er nicht mit seiner Seele aus seinem leib gezogen; er hätte Haus und Hof verlassen und sich im Bilde angesiedelt, welches das Mädchen im Herzen trug, hätte da im dunkeln grund seine wohnung aufgeschlagen und ein süsses Leben geführt mit des Mädchens Gedanken in freundlichem Kosen, wäre verschwunden gewesen für die Welt und hätte die Welt nicht gemisst, denn auf Erden schon hätte er im Himmel gelebt in des Mädchens Liebe, in dessen liebender Seele. Oh, wie es da ein Leben sein müsste voll holder Wonne, die kein menschlicher blick befleckt, kein Wort sie auszudrücken vermöchte! Des Morgens zu lauschen, wie das Mädchen seine Augen aufschlägt, wie die ersten Strahlen der Sonne in seinem Auge flimmern; der Erste zu sein, den dessen Liebe begrüsst, den es wecket im Herzen, mit dem es tändelt und spricht, für den es betet zu Gott und ihn vertrittet vor den Menschen; den ganzen Tag mit ihm gehen zu können Schritt und Tritt, in jedem einsamen Orte sich rufen zu hören, küssen zu fühlen, ja mitten im Gedränge, selbst mitten unter höfelnden Menschen vom treuen Mädchen mit Innigkeit umfasst zu sein, sein Alles zu sein, in seinem innersten Heiligtum zu sein und zu sehen und zu hören, wie dessen Augen blind, dessen Ohren taub werden, wie dessen Sinnen und Sehen sich nach innen zieht, auf das Bild im Herzen sich richtet, in ihm aufgeht: wer möchte das Bild nicht sein im Herzen seines treuen Mädchens? Und wenn der Abend kommt, des Mädchens Sehnen wächst, allein zu sein mit seinem lieben Bilde, wenn es dasselbe endlich ungestört tausendmal herzt und küsst, dann seine Augen schliesst, vertauensvoll sein Herz dessen Hut überlässt, um nun zaubern zu können liebliche Träume in des Mädchens weichen Schlaf: welch ein Reich voll Wonne öffnet da nicht seine Tore! Oh, wer möchte nicht so wohnen als liebes Bild in des lieben Mädchens reinem Herzen, mochte da nicht sein Lebenlang warten, bis der Vater