Halse der Mühlstein.
Dieser Trost kam allmählich immer mehr über Resli, er hatte aufrichtig und ehrlich recht getan, und nun in Gottes Namen! Das kann aber der nie sagen, der gemeint, geglaubt, gedacht, gehofft, sich geduckt, gemärtet hatte und nun getäuscht wird, der Erfolg ein ganz anderer ist, als er gemeint, gedacht; dem gehen die Worte "In Gottes Namen" nicht aus dem mund, sie bleiben hängen auf der Zunge wie Fliegen im Karrensalb.
Langsam und spät kam er nach haus, und alle warteten seiner guter Dinge, hielten dieses Spätsein für gute Vorbedeutung, ja Annelisi redete schon von zu Bette gehen, denn er komme doch nicht heim, es wolle ihnen das für gewiss sagen und einen Meienstock oder eine Halbe darauf wetten, mit wem da wolle. "Es gult", sagte Christeli, "wennd auch zahltest, wasd vrlörest, aber du hast ja nie kes Geld. Resli kommt so gewiss heim, als Heu nicht Stroh ist. Es ist möglich, dass der Bauer da unten im Grüt hie und da öppe e Mönsch zGast het, öppe viel nit; ih bi o dert gsy, un öppe viel het me mr nit anerbote, aber vier Ross hat der nicht über Nacht. Ds selbist han ih ume eis by mr gha, u selb het niemere bigehrt in e Stall z'tue, ume öppe für e Stung oder e halbi."
Bald darauf hörten sie durch die nächtliche Stille Rädergerassel. "Das ist ihn", hiess es. "Nein, es ist ihn nicht, man hörte ihn klepfen, er würde strenger fahren", ward entgegnet, und während dem Werweisen noch lenkte er still und ohne Peitschenknall durchs Türli. "Es het gfehlt", sagte die Mutter.
Trübe und stille ward es in Liebiwyl, aber eine Innigkeit, eine stille Freundlichkeit verband die einzelnen Glieder der Familie wie noch nie. Wer hat es nicht schon erfahren, wie still und öde es in einem haus wird, aus dem ein geliebtes Wesen zu grab getragen worden, wie leer und trüb den Zurückkehrenden vom traurigen Begleit das Leben scheint, allentalben ihnen etwas fehlet, während sie um so inniger an einander sich schliessen, in liebevoller sorge um das Glied sich reihen, welches durch den Verlust am härtesten getroffen worden, die verlorne Liebe ihm zu ersetzen suchen. Wie überhaupt in allen Herzen die Liebe klarer und leuchtender aufbrennt, wie ja auch die Sonne nie heller scheinet als nach gewaltigen Gewittern. Das ist der Segen der wahren Liebe, dass in der Liebe selbst der Balsam liegt für die Wunden der Liebe.
So lebten sie in stiller Freundlichkeit zu Liebiwyl, und jedes redete sanfter mit Resli, und jedes suchte es ihm zu zeigen, wie lieb es ihn hätte und alles für ihn tun möchte. Über die Sache selbst ward wenig oder nichts mehr geredet. Resli hatte natürlich erzählt, wie es ihm ergangen war, und die ganze Familie es tief empfunden, wie Resli behandelt worden; die Jungen hatten sich hauptsächlich über Anne Mareili geärgert und Annelisi gesagt, so könnte es es doch Keinem machen, zu dem es nur einen Funken Liebe hätte. Die Alten aber schmerzte der Übermut des Vaters am meisten gegen eine Familie, deren er sich doch nicht zu schämen hätte; am Meitschi dünke es sie nichts anders, es King syg emel geng ume es King, wüss doch mänge Alte mängisch nit, was er tue. Die Mutter deutete darauf hin, dass sie so etwas gefürchtet und gerne sich unterzogen hätte, aber tadeln tat Resli niemand; die Sache war abgetan, und was nützt es, wenn hintendrein ein jedes sagt: So hätte ich es gemacht, und so hättest du es auch machen sollen? Hintendrein ist gut reden, sagt das Sprüchwort, und die Erfahrung bestätigt es auch. Während vor der Tat guter Rat teuer ist, hat nach der Tat jedes Babi Steinkrätten voll und trägt sie einem nach dringt sie einem auf und zwar gratis. Es ist nichts ärgerlicher als dieses Ausbündeln von Weisheit, wo sie nichts mehr abträgt; mit dem verschonte man Resli.
Am meisten drückte es Änneli, dass die Hoffnung, eine Sohnsfrau zu erhalten, in ungewisse Ferne gerückt war; es hätte so gerne die noch gesehen, die nach ihm schalten und walten sollte in diesem haus. Aber zu etwas Neuem drängen, das mochte es den Sohn nicht; ein solches Drängen zur Unzeit vergrössert nur den Widerstand, ist eine von den bittern Früchten der Liebe, die einem Menschen als Glück etwas aufdringen will, zu welchem derselbe weder Lust noch Liebe hat. Resli war darum auch so gerne bei der Mutter, die ihm von alten zeiten brichtete, ihn bekannt machte mit vergangenen Sitten und den Vorgängen in der Familie, so weit hintern sie selbst etwas wusste. Wo das Ringen mit der Gegenwart den Menschen nicht mehr allein fasst, sein Herz sich losgemacht hat von den Dornen und Disteln des gemeinen Lebens, da denkt er an die Vergangenheit, kümmert sich um die Zukunft, sorget für das Los seiner Kinder, forschet nach denen, die ihn auf die Welt gestellt, ihm ein Dasein verschafft. Über der Menschheit tiefsten Niederungen, wo der Mensch beginnt, Vergangenheit und Zukunft in Beziehung auf sich und die Seinen ins Auge zu fassen, entsteht die Familie.
Der Familie Schatzkästlein soll aber nicht sein das Verzeichnis der blossen Namen der gestorbenen Familienglieder, soll nicht bloss entalten die