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Viele nicht; bei Andern kommen wohl Gedanken daran, aber die Gedanken kommen meist lang hintendrein, werden leicht verweht, wenigstens immer von neuen Zweifeln angeweht.

Bei Resli war es umgekehrt gegangen, die Gedanken waren vor dem Bilde da, von wegen, der gute Boden in seiner Seele war ziemlich tief und trug lieber das Gute als das Böse, und die Liebe ging als Samen über ihn hin. Das Bild trat Reslis Gedanken gegenüber und kämpfte mit ihnen. Das Bild war die böse Fee, welche in seinen Liebesgarten schlich und seine Geliebte verzaubern wollte in ein scheusslich Drachenbild, zum Werwolf mit feurigen Augen, zur wütenden Hyäne mit den grimmigen Zähnen, das Haar bolzgradauf vor Zorn und Wut. Aber als ein treuer Ritter kämpfte er redlich gegen die böse Fee, und wie sie auch immer neu ansetzte und mit List und Kunst in immer neuen Gestalten daherfuhr, stunde er als wie mit breitem Schwerte vor der Geliebten und wehrte dem bösen Zauber. Wie der Kampf ein innerlicher ward, verschwand die äussere Aufregung, ernst sass er im Sattel, ruhig lenkte er die Rosse, und wer freundlich den stattlichen Fuhrmann grüsste, erhielt freundlichen Dank.

Das Mitleid mit dem Mädchen gewann die Oberhand, er bedauerte es von Herzensgrund, die Roheit des Alten verwand er; so ein Mensch habe keinen Verstand, dachte er, und wie man mit einem rechten Menschen umgehe, das wisse er nicht. Es freute ihn, dass er keinen besonderen Ärger erzeigt, sondern fest geblieben war bis hundert Schritte vom haus weg, und mehr war ihm doch auch nicht zuzumuten. Aber eins stunde ihm fest, dass die Sache aus und ab sei; es war ihm, als tue sich ein unendlicher Abgrund auf zwischen dem Dorngrüt und ihm, als seien die vergangenen Tage eine versunkene Welt, die er nur noch im Traume betrachten könne, die mit seinem zukünftigen Leben nicht zusammenhingen. Dass es so war, tat ihm weh, denn wen schmerzt das Herz nicht, wenn was liebes zu grab geht, wer trauerte nicht in tiefster Seele, wenn die Sonne ihm aufgegangen wäre, und sie versänke, Nacht wäre es wieder und keine Hoffnung da, dass die Sonne wieder käme? Und wenn an einem solchen grab ein Mann steht, so träufelt wohl Träne um Träne nieder, aber ins Grab stürzt er sich nicht nach, eine starke Hand hält ihn oben: es ist der Glaube, dass nichts aus Zufall kommt, sondern alles aus der väterlichen Hand dessen, der die Sterne ihre Bahnen führt und die Haare auf unserm haupt hütet. Die Brust zerschlägt er sich nicht, die Haare zerrauft er sich nicht, klagt als Mörder, als Ursache des Todes sich nicht an. Wenn sein Tun ein überdachtes war und seine Versuche nach dem Masse seiner Kräfte, dann sind Selbstanklagen nichts als Zeugen eines unklaren Verstandes, eines kindischen Gemütes, welches dem einmal Verhängten sich nicht fügen will, welches nie dahin gelangt, Recht und Unrecht nicht nach dem Erfolge zu messen, sondern als Dinge, die für sich bestehen. So ward es Resli auch mehr und mehr; je ruhiger er wurde, je bestimmter er seinen Verlust erkannte und fühlte, um so weniger plagten ihn Zweifel über sein Tun.

Er hatte nicht anders handeln können, er hatte sich nicht nur so ausgesprochen, sondern es war auch das Rechte, was er gesagt, und dieses Rechte beugt sich nicht nach den Umständen, es ist nicht ein Bohnenstecken, den man abbrechen kann, wenn er zu lang ist, auch nicht eine Summe Geldes, an der man märten kann, wo es endlich für den, der es hat und dem an einem Handel etwas gelegen ist, auf ein Stück mehr oder weniger nicht ankömmt, wenn nur der Handel richtig wird. In diesem Rechttun ohne Märten und ohne Beugen liegt ein unendlicher Trost, es fordert aber auch eine grosse Kraft, es ist das Ausharren und Getreusein bis ans Ende, es ist das Aufgeben des Wahnes, dass man mit Ducken und Klügeln, auf selbstgewählten Wegen wie auf ebener Bahn an ein seliges Ziel gelangen könne, es ist das Aufgeben des Wahnes, dass man weiser als Gott sei und seines eigenen Glückes Schmied in des Wortes falscher Bedeutung. Wohl wird es sehr oft schwer der menschlichen Klugheit und der menschlichen Schwäche, weil wir in unserer Kurzsichtigkeit für uns und Andere das Ärgste bei dem strengen Festalten des Rechts fürchten, und so oft ist doch eben in diesem Rechttun ohne Märten und ohne Beugen unsere und Anderer Rettung, wo wir in unserer Kurzsichtigkeit das Gegenteil gefürchtet. Wenn wir aber märten und uns beugen, so kommt es sehr oft ganz anders, als wir gemeint, und das Märten und das Beugen wird uns zum Mühlstein, den wir uns selbst an den Hals gebunden, und dann, wenn wir ob Märten und Beugen versinken, wo das Meer am tiefsten ist, was haben wir für einen Trost? Ihr Rechtsgelehrten, welche ihr den Zeitgeist anbetet, der eben nichts ist als ein solches Beugen vor dem eigenen Aberwitz, als ein Märten mit dem Teufel, sagt mir: mit dem Mühlstein um den Hals, was wächst uns für ein Trost empor aus dem Meere, wo es am tiefsten ist? Da sind keine Äste, wo man wie ein Eichhörnchen von einem Aste auf den andern springen kann, wenn der eine oder der andere vom Winde zu stark geschaukelt wird; da ist dann nichts mehr als unter uns das tiefe Meer und am