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kam näher und näher, bestimmter wurden seine Züge, es war das Bild des zitternden, zornigen Mädchens in seiner krampfhaften Aufregung, wie es so blass dastand, wie so zornig dessen Augen leuchteten, so blass seine Lippen bebten, so wild es ihn zurückstiess, so haltlos aufs Bett es sich warf, so masslos weinte und winselte. So hatte er noch keinen Menschen gesehen, die Mutter nicht, Annelisi nicht, keine Jumpfere. etwa höhn waren alle gewesen, hatten rascher geredet oder streng geseufzt, auch geweint und waren in einen Ecken gestanden und hatten das Gesicht nicht gerne sehen lassen, aber so ausser sich und so ohne Antwort auf ein freundliches Wort, unversöhnlich und rücksichtslos, war nie eine ihm vorgekommen. Es kam ihm in Sinn, was sein Bruder ihm gesagt von ertaubeten Meitschene auf die neue Mode; auf und ähnlich hatte Anne Mareili getan. War er nicht glücklich, dass er das zu rechter Zeit noch gesehen, dass er dieses Weh in seiner ganzen Wüste erfahren; denn wie unglücklich hätte er werden können wenn er es erheiratet, und welche Schande erleben müssen wenn er eine Frau heimgebracht, welche etwas an sich hatte das man bei ihnen nicht kannte, das gerade aussah, als wäre sie vors Hüsli use, und von dem er nicht wusste, wie oft es sie ankam und ob vor den Leuten oder nur privatim vor den Eltern und dem mann. Vom fallenden Weh hatte er schon viel gehört, und immer hatte es ihm darob gegruset, aber dieses Weh schien ihm noch viel ärger. Es hatte das Mädchen verzerrt, dass er es gar nicht wieder erkannte; es war ein durchaus Anderes geworden, eines, das er lieber nicht mit einem Stecklein anrührte, geschweige dann lieben mochte und gar noch zur Frau es haben. So stellte die letzte Erinnerung dem armen hin- und hergeworfenen Resli das Mädchen immer greller dar, dass er sich fast seiner Liebe zu schämen, sich zu freuen begann über das letzte Ereignis.

Die letzte Erinnerung, der letzte blick, das letzte Wort setzt so gerne sich fest dem Abgehenden, alles Aussergewöhnliche so leicht jedem, der es sieht, dass eine grosse Bedeutsamkeit in der letzten Gebärde liegt, dass überhaupt eine grosse Bedeutsamkeit darin liegt, wie jemand Gebärden macht, die bei andern Menschen Eindruck hinterlassen, und ganz besonders bei einem Mädchen sind diese Gebärden von Bedeutsamkeit. Kokettisieren, die Schöne und Liebliche machen soll kein Mädchen, aber so viel Herr über sich selbst sein sollte jedes, dass es sich nie selbst unschön, wüst macht, unschön, wüst werden lässt. Es gibt einen hohen, schönen Zorn, der die Jungfrau zur Göttin macht, der aber ist selten, jeder andere verzerrt das Mädchen, und der gröbste Benz, der gar nicht weiss, was schön oder unschön ist, sagt: "Nei aber, das cha afe wüest tue, so eins begehr ih nadisch nit!" Es ist freilich viel gefordert von einem Mädchen, dass es immer seiner Herr bleibe, sich nicht fortreissen lasse, kanns doch mancher Mann nicht!

Nun ist es sicher ebenso unrecht und noch unendlich unrechter, wenn ein Mann sich hinreissen lässt, als wenn es ein Mädchen tut, und schaden tut es ihm, und öppe viel hält ihm niemand darauf, aber so unschön, so widerlich macht es ihn doch nicht, wie es das Mädchen, wie es die Frau macht. Das ist halt Sache des Gefühls, und weil es das Gefühl ist, welches uns von wegen der Schönheit und dem freundlichen Masse in allem zum weib zieht, so kann man halt nichts dafür, wenn dieses Gefühl durch widerliche Ausbrüche verletzt wird, halt lieber im Heidenland wäre oder gar bei den Heiducken als so einem kannibalischen Weibsgesicht gegenüber.

Wie es nun Zufälle geben, Umstände sich häufen können, wo ein Mann in einen Zorn gebracht wird, der ihn zum Mörder macht, des Mörders Strafe er auch ausstehen muss, während man ihn allgemein bedauert und Barmherzigkeit bei Gott für ihn hofft, so kann Weh, Leid und Zorn ein Mädchen in einen Zustand versetzen, durch welchen es seinen Liebhaber absprengt. Es war ihm nicht möglich, anders zu sein, es war ihm auch nicht zuzumuten; aber die wirkung, der Eindruck sind einmal da, sind geborne Dinge, ein fait accompli, welches selbst die Tagsatzung anerkennt; wer wischt sie nun aus, wer macht sie ungeschehen, übertüncht das Bild wieder, das vor den Augen des Liebhabers schwebend bleibt? Wer bricht die Folgerungen ab, die aus dem Bilde entspringen, denn das ist gleich, wie wenn ein Mädchen einen bösen Beinbruch tut. Heilen werde es wohl, ansehen werde man ihm einstweilen nicht viel, aber sellige Ding gäbten halt böse Alter, so redet man.

Bei allem, was auf Anne Mareili lastete, bei dem innigen Wunsche, aus ihrem haus in Reslis Haus zu kommen, bei dem Glauben, niemand könne ihm dazu helfen als Resli, bei dem Glauben, der Liebhaber müsse, wenn er treu liebe, alles hintansetzen und zum Opfer bringen, bei dem Glauben an den eigenen guten Willen, der das Opfer nur scheinbar machen, alle Folgen und Schwere ihm nehmen würde, bei allem dem, wem wäre nicht so geworden wie dem armen Meitschi, wer hätte nicht Augen gemacht und hintendrein noch was ganz anderes als geweint und geschluchzt? Aber was die Augen sehen, das haben sie halt gesehen, und woher es gekommen, daran denken