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viel an elterliche Rechte und an die gute alte Zeit, wo so ein dummes Meitschi keinen Gux mehr ausgelassen, wenn einmal die Eltern Ja gesagt, ja man denkt sogar an Zwangsmassregeln und ob jenes System nicht auch hier anzuwenden wäre, jenes System nämlich, wo man einem das Reden verbietet, bis man sich gebessert hat. Ist man aber von den Eltern geschasst worden und war man doch mit dem Mädchen einig, so denkt man an den Zeitgeist, der den Eltern allen Zwang verbietet, dagegen den Kindern das Zwängen zulässt (aus welchem grund wahrscheinlich einige Gelehrte meinen, der Zeitgeist sei kindisch geworden), oder sieht die Eltern rundum an, ob nicht hinten die Rückenmarkauszehrung oder vornen die Wassersucht, unten das Podagra oder oben eine respektable Gehirnentzündung zu hoffen sei, wodurch am natürlichsten jeder Zwang beseitigt würde, und nebenbei weiss man sich gut auszudrücken über elterliche Beschränkteit, Standesvorurteile oder des Alters stupiden Geiz, der meine, man lebe vom Gelde alleine. Und wenn man einen Stock in der Hand hat, so können die Vorbeigehenden zu ihren Beinen sorge tragen, sind aber Disteln bei der Hand, so werden die richtig geköpft, und jedem fliegenden Kopf wird nachgerufen: "Gäll du Ketzer, jetz heschs", wobei die, welche es allfällig hören, im Zweifel bleiben, ob unter dem Ketzer der Vater oder die Mutter zu verstehen sei oder einfach bloss der Distelkopf.

Auf Resli passt, wie man sieht, keiner dieser Fälle, darum ward ihm auch ganz apart. In seiner Macht wäre es gestanden, den Korb abzuwenden; das Mädchen liebte ihn, den Eltern konnte er gewähren, was sie wollten, und jetzt war er von Beiden verstossen, von den Alten verhöhnt, und das Mädchen hatte ihm kein gutes Wort gegeben, im Zorn den rücken ihm gewandt. Und doch war er im Recht, bei ihnen aber Unverstand, am dem scheiterte sein Lebensglück. Nun ist nichts, was man weniger begreift, als Unverstand, nichts erbittert daher mehr als dieser, und den von Einzelnen erlittenen schreibt man zumeist der ganzen Welt und Gott auf Rechnung; daher zumeist junge Menschenfreunde (Philantropen) alte Menschenhasser werden, denen die ganze junge Begeisterung in einen alten zähen Gallensatz sich niedergeschlagen hat.

So ging es auch Resli. Die ganze Welt schien ihm ein Saunest, dem er im Galopp hätte entrinnen mögen, je eher je lieber, und dem lieben Gott warf er Blicke zu nicht für Gspass, dass er solchen Unverstand habe zur Möglichkeit werden lassen. Er hatte die grösste Mühe, seine Rosse nicht abzuflachsen so recht vaterländisch, aber es dünkte ihn, wenn nur so ein rechter Bauerndrüssel auf einem Wägeli oder mit einem Zug ihm begegnen würde oder gar ein lästerlicher, rot gefütterter Kommis mit einem erzwängten Schnauz, die wollte er mit einem Riss zusammenwettern, dass nicht eine Handgross ganz an ihnen bliebe; aber glücklicherweise begegnete ihm niemand als ein Hund, der herlief, die Pferde anzubellen, wie es eben Tiere gibt, sogar Menschen, welche alles anbeten müssen, was in ihren Gesichtskreis kommt. Dieser kriegte einen so tüchtigen Geiselhieb, dass er das Bellen einstweilen vergass und heulend nach haus lief und eine Zeitlang nicht gewusst haben soll, ob das Bellen ganz verboten sei oder nur zu zeiten.

allmählich setzte sich das Fieber, und das allgemeine Gefühl wandelte sich in ein besonderes Denken, gleichsam in ein Wiederkauen des Vergangenen, in ein neues Überschlagen, ob er recht oder unrecht gehabt. Wenn er an den Bauer dachte, so juckte es ihn immer neu im Arm, und wehe dem Pferde, das in diesem Augenblick die geringste Untugend erzeigte, es kriegte richtig eins aus dem Salz; denn es war Resli in solchen Augenblicken nie, dass er ein Pferd schlage, es kam ihm immer vor, der Bauer kriege die Hiebe, und da war es ihm, je härter sie wären, desto wöhler täten die dem Ketzer. Dann glitschten seine Gedanken, er wusste nicht wie, aufs Meitschi, und dort blieben sie, aber uneinig unter einander. Anfangs zürnte er auch ihm bitterlich, dann tauchte in ihm ein Fürsprech auf, der stellte sich an des Meitschis Platz, behauptete dessen Rechte, zeigte ihm, wie sein Nachgeben nur ein formelles gewesen, in re er recht behalten, wie es da nur um eine Wendung sich gehandelt, nur auf ein Stücklein Zutrauen angekommen wäre, und wenn dies zwei Liebende nicht mehr zu einander hätten, wer es dann noch haben sollte! Wie, wenn er wirklich das Mädchen lieb gehabt und Erbarmen mit dessen Lage, er ja wohl hätte nachgeben müssen, was in diesem Punkte ganz alleine an ihm gestanden, wozu noch die Mutter selbst ihn gemahnt, ja ihn gewarnt hatte, die Sache auf die Spitze zu treiben, da es gar nicht am Mädchen gestanden, ob es nachgeben wolle oder nicht, sondern rein in der Gewalt des brutalen Vaters, der einen Pfifferling nach Recht und Billigkeit fragte. So war es ja nichts als Eigensinn von ihm, dass er darauf bestund, den Hof jetzt noch nicht zu wollen, und also am eigenen Eigensinn, nicht am Unverstand Anderer scheiterte sein Lebensglück.

Wenn nicht ein dichter Haselhag zu beiden Seiten den engen Weg begrenzt hätte, wer weiss, ob er nicht rasch umgelenkt und in sausendem Galopp dem Dorngrüt zugefahren, seinen Eigensinn abgebeten hätte!

Aber diesem Fürsprecher gegenüber stunde von Anbeginn, anfangs in nebelhafter Ferne, in unbestimmten Umrissen, ein schaurig Bild; das Bild