. Als die arme Mutter kam und mit dem Fürtuch die Augen wischte, noch ehe sie anfing, und dann vieles vom Sohn erzählte, wie er so gut gegen sie sei und wie er krank geworden und wie sie in der Not seien und sie wäger heute noch nichts Warmes gegessen, und jetzt sollte sie Wein kaufen und hätte keinen Kreuzer im haus und wüsste keinen aufzubringen. Wenn doch Änneli ihr dr tusig Gottswille nur einige Batzen leihen wollte oder, wenn es möglich wäre, nur eine halbe Krone, so wäre ihr geholfen, und sie wollte dafür spinnen, bis sie selber sagen müsste, es sei genug. Aber wenn ihr der Sohn sterben sollte, sie wüsste nicht, was sie anfinge, unter Tausenden gebe es keinen Solchen.
Änneli war in grosser Verlegenheit. Wein hatten sie diesen Augenblick keinen Tropfen im haus, wie sonst manchmal der Fall war, und Geld hatte sie auch nicht mehr im Sack als sechs Kreuzer. Sie liess sich sonst nie so auskommen, dass sie nicht einige Batzen oder Franken in irgend einem Sacke hatte. Aber sie hatte letztin zu Gevatter stehen müssen, hatte seit der Sichelten, wo es den Ankenhäfen übel ergangen war, keinen Anken mehr verkauft, sparte ebenfalls Augsteneier auf, hatte kein Geld gemacht, und das Schlüsseli hatte eben Christen im Sack. So konnte sie die Frau doch nicht gehen lassen; wenn der Sohn sterben sollte, so hätte sie ja keine ruhige Stunde mehr im Leben und das letzte Stündlein wäre ihr auch nicht ruhig, und doch war es ihr grausam zuwider, dem Christen das Schlüsseli zu fordern. Sie stellte der Frau vorläufig etwas Warmes zweg und suchte dann den Resli, sie wusste, dass der Geld genug hatte, allein der war zum Viehdoktor gegangen und hatte den Schlüssel zum Schaft im Sack; der andere Sohn war im Stall, hatte aber kein Geld im Sack, sondern alles in Reslis Schaft. Annelise aber hatte den Schlüssel verloren zu seinem Gassettli, worin es sein Geld hatte; es war, wie wenn alles verhexet wäre. Da nahm endlich Änneli das Herz in beide hände, ging hinaus und sagte: "Gib mir doch geschwind das Schlüsseli!" Christen ward ganz rot im Gesicht, suchte es langsam, gab es endlich mit den Worten: "He, ich wollte doch machen, dass morgen auch noch wäre."
So etwas hatte Änneli noch nicht gehört, es stellte ihr das Blut, einen blick tat sie auf Christen, den der auch noch nie gesehen, aber sagen konnte sie kein Wort, sie ging mit ihrem Schlüsseli wie stumm ins Haus, und als sie der alten Frau die halbe Krone herzählte, zitterten ihr die hände so, dass die in den höchsten Ausdrücken dankende Frau plötzlich fragte: "Aber mein Gott, was fehlt dir, wird es dir gschmuecht?" "O nein", sagte Änneli, "es ist nichts anders, das gibt es mir, wenn ich lange kein Blut ausgelassen. Es ist allbets bald vorbei." Und Änneli fasste sich zusammen, denn kein fremdes Ohr hatte je eine Klage gehört und kein Auge Tränen gesehen in ihrem Auge, ausser bei natürlichen Anlässen; was unter ihnen vorging, sollte keine Posaune auf den Strassen verkünden. Aber es kostete dieses Zusammenfassen schwere Mühe, und kürzer als sonst fertigte sie die Frau ab; sie konnte es fast nicht aushaken, bis sie ihr den rücken sah. Die gute Frau konnte fast nicht aufhören zu danken, aber nicht nur aus Dankbarkeit, sondern es stach sie auch der Gwunder, was Änneli wohl in diese Bewegung versetzt hatte, und solange sie im haus war, hatte sie Hoffnung, es zu erfahren. Als sie es endlich verlassen musste, stellte sie sich draussen bei Christen und hätte noch gerne ein neues Gespräch angefangen, aber der gab ihr keine Antwort. Gewiss haben die mit einander etwas gehabt, dachte sie, und ob dem Sinnen, was es gewesen sein möchte, vergass sie fast die halbe Krone, mit welcher sie nun ihren Sohn laben konnte.
Wie die Frau zur vordern tür aus ging, schoss Änneli zur hintern hinaus, machte sich etwas bei den Schweinställen zu schaffen, und da sie dort noch nicht ruhig war vor Knechten und Mägden, so schlich sie nach dem Bohnenplätz, der schon gar manchmal als schöner grüner Umhang gedient hat für Dinge, die nicht für jedermanns Augen sind.
Dort liess sie endlich ihren Tränen freien Lauf, und es dünkte sie, wenn nur das Herz auch gleich käme den Tränen nach, so wäre doch dann ihr Leid zu ende. Sie konnte nicht mehr stehen, sie musste niedersitzen in den Bohnen, der Boden wankte unter ihr, schwarz ward es um Augen und Seele, als ob man ein grosses Leichentuch um beide geschlagen hätte.
Also so ging es ihr jetzt, jetzt sollte sie das Unglück alleine entgelten, sollte den armen Leuten abbrechen, sollte es sie entgelten lassen, wessen sie sich doch so gar nichts vermochten! Das dünkte sie eine grosse Sunde, dass man ob der Armut wieder ersparen wolle, was menschliche Bosheit und eigene Schwachheit gefehlt; hatten sie doch selbst oft darüber sich aufgehalten, dass es zunächst immer die Armen entgelten müssen, wenn ein Reicher einen Verlust erleidet, indem man zuerst immer den Armen abschränzt, ehe man sich selbst etwas Entbehrliches abbricht, und jetzt sollte es bei ihnen auch gerade so zugehen? Und was trug das ab?
Eine Kleinigkeit,