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eines reinen Aufblickes sie erschaut hat, was wer, den diesen Herzen so oft Kommissionen für ein schändlich, greulich Ding! Es kommt einem manchmal vor, als ob solche Kommissionen nichts respektierten als ihren eigenen Kot und sich als Käfer dächten und alles ihnen Vorgelegte als Düngerklötze, die sie nach Lust und Bequemlichkeit zu durchwühlen hätten, um an dem einen teil sich selbst zu mästen, vom Rest aber zu sagen, es sei halt Dünger und Dünger gehöre auf den Mist. Es gibt Kommissionen, die weder Sinn, Verstand noch Willen haben zu dem, wofür sie kommittiert sind, die nichts als Kyb, Neid und Eigendünkel haben und daher wirklich nichts respektieren als den eigenen Kot. Manchmal ignorieren sie vornehm, was ihnen übertragen worden, und man hat Beispiele, dass sie es verlieren und doch nach Jahren mit beispielloser Frechheit rapportieren über das, von dem sie höchstens den Deckel gesehen. Da kommt es dann kommod, wenn man lügen kann, dass die Schwarten krachen, und schamlos ist wie eine kuhrote Kuh, die auch nie röter werden kann, als sie bereits ist, es mag geben, was es will.

Nun war es allerdings ein parlamentarischer Kniff von Änneli, dass es die Sache aufs Referendum schob, aber es geschah nicht in böser Absicht. Es sah, was kochete, und eben diese Kocheten wollte es nicht anrichten lassen. Es gibt Augenblicke im Privat- und Staatsleben, welche man verrauschen lassen muss, wenn man nicht graune Sachen machen will. Diese Augenblicke erfordern Takt, den hat man leider nicht immer, in neuen Kantonen nicht, ja am Vorort selbst nicht; die Aargauer zum Beispiel könnten Beispiele von Exempeln erzählen. Anne Mareili aber, noch eine junge Kreatur, gleichsam ein neuer Kanton, begriff das nicht, und dass es ohne Sicherheit und Gewissheit heim musste, vom vermeintlichen sichern Port weg wieder aufs unsichere Meer hinaus, wo jeder Haifisch und jeder Kellerjoggi aufs neue nach ihm schnappen konnte, das wollte ihn es fast zerreissen.

Sie gaben ihm das Begleit fast bis nach Herrlige, aber es ging trüb zu zwischen ihnen, und als man Abschied nahm, wurde manch üblich Wort gewechselt, aber kein herzliches, trotzdem dass das Augenwasser in manchem Auge stand, und gäb wie man anwendete, das klare, wahre Wort fand sich nicht; und kurios ist es, wie es so selten sich findet, wie so selten es sich im Gemüte gestaltet, und wo es sich auch gestaltet, doch die Kraft fehlt, es auszusprechen. Es ist halt auch in unserm Gemüte wie am Himmel, welcher so selten wolkenrein ist, und ist er es, so weht meist ein rauher Wind, oder ehe noch die Sonne niedergeht, kommt schon der Sturm gezogen und verhüllt das Helle wieder.

Finster zog nach vollendetem Abschied es hinter dem Vater her, und als der einige Male keine Antwort erhielt, blickte er zurück und sah, wie Anne Mareili mit dem Nastuch im gesicht focht. "Plärist?" fragte er. "Nein", sagte es, "aber ich bin flessig." "Ich wusste auch nicht, was z'pläre hättest", sagte der Vater, "gehe es wie es wolle. Kömmst du dahin, so ist für dich gesorget, tun sie hinterstellig, he nun, so gibt es was anders. Das sind dumm altväterische Leute, die für jede Sache einen apartige Brauch haben, meinen, wie witzig sie seien, und doch nichts verstehen; einmal für vierzig Kronen habe ich sie mögen. So dumm Lüt habe ich längs Stück nicht angetroffen. Denen muss man den Marsch machen zu rechter Zeit; wenn du unter ihres Regiment müsstest, in acht Tagen machten sie dich ds Tüfels. Darum habe ich für dich gesorget, wenn du ds Maul schon nicht hast auftun wollen."

"Aber Vater", sagte endlich Anne Mareili, "und wenn sie nicht wollen? Es ist doch auch wohl strengs für sie." "He nun, so habe ich doch wohlfeile Laden und eine Kalbete, woran auch etwas zu verdienen ist. Aber habe nicht Kummer, die tuns, sie hätten sich nicht dafür, zurückzugehen. Uvrschants von ihnen ist es gewesen, dass sie nicht gleich eingeschlagen, nachdem sie uns haben kommen heissen, so dass man hätte meinen sollen, es sei ihnen im voraus schon alles recht. An uns wäre es gewesen, sih z'bsinne, und nicht an ihnen. Sie hättens schon für eine Ehre nehmen sollen, dass es uns nur dr wert gsi ist, ga z'luege da in ihr Gitzinest hinauf. Am täubste hat mich dr Jung gemacht, dem wärs doch am meisten angestanden, sein Maul aufzutun und einzureden, so nötli, wie er getan hat; aber ein Wort ist ein Wort, das er gesagt hat. Es muss notti nicht alles mit denen Leuten sein, sonst hätte er nicht so weit laufen müssen für eine Frau und hätte nicht brauchen so nötlich zu tun. Es ist gut, hat man sich in acht genommen u nit gmeint, mi müess zsämefüesslige dry. So wie es jetzt ateigget ist, kann man der sache abwarten."

Anne Mareili kannte den Vater; sonst hatte dessen Wort nicht gute Statt in seinem Herzen, jetzt aber fand es Boden, schwoll auf und keimte. Es steigerte eine Stimmung, die bereits vorhanden war, gab unbestimmten Gefühlen feste Richtung, übermachtete die Liebe, erbitterte das Herz