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diese sind, desto mehr ähneln sie den Erstern); der Widerspruch scheint ihnen recht eigentlich im Fleische zu sitzen, und zwar zvorderst in allen Fingerspitzen, es wird wahrscheinlich die Erbsünde sein, die natürlich um so klarer hervorscheint, je durchsichtiger die Haut noch ist. Wenn so ein altes Leder von Professor, das in Foliantenstaub ergrauet ist, oder so ein Luder von Schlingel, das auf allen jüdischen und christlichen Mistaufen sich dickgewälzt, sie leugnet, so nimmt es einen nicht wunder, es ist ganz natürlich, sintemalen Luder und Professor vor lauter auswendigem Staub oder Dreck den inwendigen nicht mehr ahnen, geschweige sehen, sondern der süssen Hoffnung leben, unter der Haut wenigstens sei es sauber. Eine Kokette, ein Weibel, ein unbedeutendes Staatshaupt fühlen sie, wissen sie aber zu vertuschen, drängen sie nach unten, nach hinten; aufwärts aber und vorwärts fechten sie mit Lächeln und Nicken.

Aber, wie gesagt, gute Kinder, die artig sein sollen, und liebe Mädchen, welche man liebenswürdig möchte, denen sieht man sie am meisten an, die können sie am wenigsten überwinden, merken es wohl, wenigstens die letzteren, möchten sich darüber die Finger abbeissen, wenigstens die Nägel, und während sie am Werweisen, wie sie überwinden sollen, sind, machen sie dazu Gesichter, als wenn sie bereits am Schlucken der Finger wären. Ganz besonders aber kommt sie junge Weibchen an, an denen man, solange sie Bräute waren, blind gewesen ist, das heisst sie kommt sie nicht erst an, sondern man merkt sie erst, wenn aus der Braut ein Weibchen geworden. Kurios! Da, liebe Leute, gilts klug sein, nicht mit dem Holzschlägel lausen wollen, da muss man süferli tun mit Däselen, sachte fortfahren, aber nicht unerchannt, und luegen dazu und nur so zuweilen mit dem nassen Finger ganz leise und süferli ein Brämi abmachen. Mit solcher junger Weiber Liebenswürdigkeit oder Erbsünde (ist fast ein Tun) ist es ungefähr wie mit einem Bienenstock, der schwärmen will; wehren kann man ihm nicht, aber reisen kann man ihn mit Süferlitun, das aber versteht gewöhnlich nur, wer schon mehr dabeigewesen ist. Das war Resli nie, darum vermochte er Anne Mareilis Gemüt nicht zu reisen, gäb wie er anwendete und ihm gelegenheit zu geben meinte, sich zu zeigen in der Holdseligkeit, welche Resli an ihm gerühmt hatte.

Die Ankunft des Vaters machte eine Unterbrechung, erleichterte aber Anne Mareili nicht. Es nahm Ärgernis am Vater und hatte die grösste Muhe, dieses nicht auszusprechen. Obgleich es selbst nicht recht wusste wie tun, so düechte es ihn es doch, es sollte den Vater brichten, was anständig sei und was er reden solle und was nicht, und wenn Resli auf Dornen sass, so sass dagegen Anne Mareili auf glühenden Kohlen. Dem Vater dagegen war es recht behaglich, er ass und trank, und weil er es umsonst hatte, noch zweimal so viel als gewöhnlich; er kaufte Laden, und weil er sie weit unter dem Preise erhielt, zweimal so viel, als er brauchte, und weil er Grossmut am Brett sah, so hätte er dem Liebiwylbauer Ross- und Kuhstall ausgekauft ums halbe Geld, wenn der nicht, klug genug, gesagt hätte, wegem nahen Säet mangle er Zug und wegen den vielen Leuten Milch, so dass er weder Kuh noch Ross entmangeln könne. Darum machte der Dorngrütbauer sich hinter eine Staatskalbete, und da diese weder Milch gab noch Zug, sintemal eine Staatskalbete einstweilen zu nichts anderem taugt als zum Fressen und Ansehen, so galt hier die Ausrede nicht; wenigstens drei Dublonen zu wohlfeil kriegte er sie. Dies merkten alle, aber niemand verzog dabei ein Gesicht als der Dorngrütbauer selbst; den lächerte es vrflümeret heimlich, und er dachte, es sei doch noch immer so, dass wer uvrschant tue, dest bas sei.

Anne Mareili war bei diesen Staatsaktionen nicht, es besah derweilen mit Annelisi die Plätze. Als es beim Heimfahren sich nicht entalten konnte, dem Vater zu sagen, es müsse sich fry schämen, wie er die Sache bekommen hätte, so erhielt es zur Antwort: "So schäme dich, es kostet nichts. Aber wennd nit es Babi bist, so lass dir gesagt sein, dass man die Birnen schütteln muss, wenn sie fallen wollen."

So ging der Morgen um, und in die stube mussten sie wieder, wo ein Mittagessen zwegstand, wie im Dorngrüt noch keines auf den Tisch gekommen, so nett und appetitlich, und nicht bloss so gradane Schnitz und Tellerete voll Fleisch, schwynigs und gräuchts, sondern da war Voressen, es kam sogar Bratis, und war doch nicht Kindbetti, und das ging neue alles so gschlecket, dass es Anne Mareili fry recht dudderte, wenn es dachte, wie sie hier gewohnt seien und wie es sich nicht zu helfen wüsste, wenn dSach an ihm wäre. Das müssten afe Sache in dem haus sein, für so aufzuwarten, dachte es, und nebenbei musste es Ärger verwerchen über den Vater, der wiederum ass, als wenn er heute noch nichts gehabt hätte. Je mehr der Vater ass, desto weniger brachte die Tochter hinunter, so dass es die guten Leute recht gmühte und sie vielfach sich entschuldigten, dass sie so schlechtlig aufwarteten; wenn sie gewusst hätten, dass sie kämen, so hätten sie sich besser versehen, ein andermal wollten sie öppe luegen, dass sie es besser breichten.