Gesichtspunkt man ins Auge fasste. Ging man von einem vornehmen Standpunkt aus, so war Anne Mareili schöner, schlanker und von regelmässigern Zügen, fasste man das Wesen ins Auge mit mehr bürgerlichem Auge, so war Annelisi beweglicher, lustiger, von geistiger und leiblicher Frische, welche eben gern in einem rundlichten Wesen wohnt und welche man eben nicht für vornehm hält.
Die blanke Küche, die schöne, helle, grosse stube fielen Anne Mareili auf, so hatten sie es nicht daheim, und als es unter der Küchentüre noch nach aussen sah, in den schönen Garten, über Matten und Felder weg, in deren Mitte so frei und stattlich das blanke Haus stand, so musste es bekennen, dass es einen schönern Bauernsitz noch nie gesehen, und mächtig bewegte sein Herz der Gedanke, was es heisse, hier Bäurin sein zu können. Und doch fühlte es sich gedrückt, unwohl, und eine Art Beklemmung nahm immer zu, fast wie gewisse Leute des Morgens sie empfinden, wenn es abends ein Gewitter geben will. Alles war so freundlich gegen ihn es, alles gefiel ihm so wohl, man stellte ihm, gäb wie es sich wehrte, den besten Kaffee auf, wie sie ihn daheim nie hatten, Käs und weisses Brot, und alle nahmen sich Zeit, bei ihm zu sein, und keinem Gesicht sah man Ärger an, dass man so für nichts und wieder nichts, ume so weg em ene Meitschi, einen heiligen Werktag versäumen müsse. Es fühlte, dass da ein viel manierlicher Wesen sei als bei ihnen, so eine Art von Haussitte und Anstand, welche man im Weltsche hinger nicht lernt, welche zusammengesetzt ist aus Gutmütigkeit und gegenseitiger achtung, welche zur andern natur geworden und welche Kinder gegen Eltern üben und Eltern gegen Kinder, und wenn sie alleine sind und vor fremden Leuten. Es müssen nämlich auch die Eltern ihre Kinder achten, wenn sie deren Liebe und achtung bewahren und wenn sie wollen, dass ihre Kinder achtungswert werden und bleiben sollen, müssen sie sie namentlich vor fremden Leuten mit achtung behandeln. Nun aber findet man in gar manchem haus die Sitte, dass entweder ein Glied der Familie, Mann oder Weib, den Leuten zeigen will, wer Meister sei und wer zu befehlen habe, oder dass jedes, Gross und Klein, zeigen will, dass man auch etwas sei, sich nicht unterntun lasse usw. Dies führt zu den widerwärtigsten Auftritten und wirkt das Gegenteil von dem, was man bezweckt; man macht sich statt gross recht klein damit, und wie man sich gegenseitig nicht achtet, streift man sich auch die achtung Anderer ab. So war es bei ihnen. Der Vater meinte, er müsse allen Leuten zeigen, wie er die Seinen mustern könne. Die Brüder taten es ihm nach, man wehrte sich, so gut man konnte, man tat nicht manierlich zusammen.
Anne Mareili fühlte die Überlegenheit in solcher Sitte, und wenn der Vater komme, so werde es sich erst recht schämen müssen, dachte es. Ein Inwendiges spiegelt sich auswendig oft gar seltsam ab. Demut erscheint wie Hochmut, ein gedrücktes Wesen wie Nichtachtung und Unfreundlichkeit. Je mehr Anne Mareili das Unbehagen fühlte, welches aus dem Bewusstsein dieser Überlegenheit entsprang, um so weniger ward es dessen Meister, um so dunkler ward die Wolke, die es überschattete. Resli sah das wohl, war auf Dornen, wusste aber nicht, woran es lag, gab sich die grösste Mühe, Anne Mareili im schönsten Lichte zu zeigen, und je mehr er sich mühte, desto dunkler ward es auf Anne Mareilis Gesicht. Man weiss, wie jeder es hat, der jemand Geliebtes vor die Leute stellt; man möchte, dass sie täten wie nie sonst, so schön und manierlich, damit man Lob bekomme und Ehre von ihnen. Wie manche Mutter hat nicht ihr Kind unter Geheul und Zetergeschrei aus einem Zimmer getragen in halber Verzweiflung! Sie harte mit dem Kind Puff machen wollen, und je mehr sie das wollte, desto weniger wollte das Kind, desto mehr tat es das Gegenteil, und das Ende war, dass der Zorn die Mutter fast versprengte, das Brüllen aber das Kind.
Das ist aber noch gar nichts gegen einen Liebhaber, dessen Mädchen zum erstenmal zu seinen Eltern kommt; der möchte, dass sein Mädchen täte wie die leibhaftige Liebenswürdigkeit und dass seine Eltern mit dem Mädchen täten wie mit einem leibhaftigen Engel, der gradwegs vom Himmel gekommen. Er hat Angst nach beiden Seiten hin, siehe mit einem Auge auf das Mädchen, mit dem andern auf die Eltern; bald meint er, es fehle hier, da will er hier nachhelfen, dann scheints ihm dort zu hinken, es will dort nachhelfen, kommt dabei in eine Art von Fieber, wird selbst am unliebenswürdigsten, macht kehrum alle taub, und am Ende gehts ihm wie einem ungeduldigen Weber mit einer vershürscheten Strange schlechten Garns. So ging es freilich Resli nicht, dazu war er eben zu adelich, aber fast Blut schwitzte er doch. Sein Meitschi war so seltsam, so schweigsam, fast pumpelrurrig, dass er es kaum mehr kannte, fürchtete, man hätte irgendwo gefehlt oder Christelis Rede rüche auf. Er ward um so freundlicher, Anne Mareili merkte es wohl, aber es machte ihm die wirkung, als ob jemand den Hals ihm zusammenschnüre, es konnte fast keinen laut mehr von sich geben.
Es ist kurios mit Kindernaturen, also auch mit weiblichen (je besser