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nötig, geht gradane, und wie man so gradane tut, tut das Mädchen auch, wie es gewohnt ist, lässt seine Hornlein hervor, von wegen, es braucht sich vor niemand in acht zu nehmen. Wenn nun jedes so auf einmal ganz natürlich tut, fällt jedes aus den Wolken und niemand mehr zerteilt die Wetter mit Däselen hinten und vornen, das Heulen geht an und das Zähneklappern und jedes klagt, es sei bschisse worden. Das Weib klagt, der Mann täte nicht nach Schuldigkeit flattieren und tätscheln, der Mann schüttelt sich und sagt, es grus ihm, so was hätte er nie erlebt, es werde ihm fast gschmuecht. So, Bruder, gehts, und wenn ich geheiratet gewesen wäre, als ich das Gesicht gesehen, und nicht noch ledig, es wäre mir nicht nur fast, sondern ganz gschmuecht geworden; so aber lief ich davon, ward gescheit und dankte Gott. Darum, Bruder, nimm dich in acht, wunder nähmte es mich, ob dein Meitschi auch noch so lieblich bliebe, wenn es so recht taubs wäre aus dem ff."

So redend trug Christeli eine Gablete Klee auf den Wagen, blieb aber stehen wie eingewurzelt. In grünem Hasellaube sah er ein Mädchengesicht, dessen funkelnd Augen, paar starr auf ihn gerichtet war. "Was düecht dich, was mache ich für ein Gesicht?" fragte das Mädchen, als es sich entdeckt sah, und schalkhaft spielte über das Gesicht ein Lächeln, Christeli aber stand da wie Butter an der Sonne und wäre weiss kein Mensch wie lange dagestanden, wenn nicht Resli, sobald er die stimme hörte, herbeigekommen und im grünen Hag sein Meitschi entdeckt hätte.

Als dasselbe von sich reden hörte, konnte es begreiflich nicht mehr weiters; es wollte eigentlich nicht horchen, sondern sich nur zeigen, aber es scheute sich, Christeli zu unterbrechen, ist das ja nicht höflich, und so stunde es stille da, bis Christeli es erblickte. Als Resli freudig es anredete: "Bis Gottwilche! Das ist bravs, ih ha afe zwyflet", da sah man nichts mehr von der Ernstaftigkeit, in welcher Christeli das Meitschi anfänglich erblickt, es machte ein gar freundlich Mieneli und sagte: "Trauist de niemere? Was me vrspricht, das haltet me de notti. Dr Ätti het welle, dass ih mitehömm, er ist afe alte u fahrt nit gern alleini." Nun kam auch Christeli herbei, gab die Hand, hiess ihn es Gottwilche und sagte, es werde doch nicht für ungut haben, was er da gestürmt, er sage manchmal etwas für die Langeweil, dessen müsse man sich nicht achten. Aber er hulf, sie wollten heim, die Leute könnten sonst meinen, sie seien sturm und redeten mit den Haselstauden.

Von dieser Seite her kam man zum haus, ohne andere Häuser zu berühren; es lag in weitem Baumgarten, rundum ein geräumiger Platz, aber nirgends ein verzattert Stück Holz, nirgends herumliegend Stroh, alles wie an einem Festtage, freundliche Blumen in den Fenstern, auf der breiten Terrasse sonnete sich ein alter Hund, der ohne Bellen, aber freundlich wedelnd ihnen entgegenkam. Der Vater schnefelte im Holzschopf, die Mutter putzte Samen, und Annelisi fegte das Milchgeschirr beim Brunnen. Von dort sah es Anne Mareili zuerst hinter dem Kleewägeli mit Resli gehen, liess das Melchterli fahren, schoss zur Nebentüre hinein, zur vordern hinaus, rief der Mutter zu: "Sie kommt, sie kommt!" und husch wieder hinein und davon und hörte nicht mehr wie die Mutter sagte: "Du tust doch wieder dumm und weisst, wie ich das uhöflig Wese so ungern habe. Was wird sie denken!" Desto freundlicher ging die stattliche Frau Anne Mareili entgegen, hiess es in Gott willkommen und sagte, wie sie blanget hätte, es zu sehen, und wie es sie freue, wenn es ihm hier gefalle, dass es für immer bei ihnen bleiben möge. Aber es solle hineinkommen, drinnen Bericht geben, wo es den Vater hätte.

Schon unter der tür erschien Annelisi wieder, aber mit einem Halstüchli um die Ohren, einem saubern Fürtuch, und vor lauter Luegen vergass es fast den Willkomm. Aber was ist einem Meitschi bei neuer Begegnung wohl wichtiger, als zu ergründen, was die Kommende für ein Gesicht hat und was sie anhat vom Kopf bis zu den Fussen! Bis es weiss, wie ihr Gloschli verbändelt ist, ob rot oder schwarz oder gar blau, hat es keine Ruhe. Wie freundlich zwei Mädchen sich auch begegnen, wie willkommen sie sich auch heissen, sie betrachten einander doch wie zwei Schwinger, die sich auch die hände geben, ehe sie einander fassen zum Niederwerfen. Nun ist ein Glück dabei, dass bei solchem Messen gewöhnlich jedes Mädchen denkt: Nein, gottlob, so hübsch wie die bin ich doch denn nadisch auch, es ist sih doch dr wert, es selligs Gheie z'mache! Aber es selligs Göller oder e selligi Kittelbrust muss ich auch haben, ih la nit lugg, bis ich eine habe, u de no e schöneri. Ob diese beiden Mädchen auch so dachten, sagten sie nicht, aber wahrscheinlich, denn sie wurden noch freundlicher gegen einander, als sie sich recht betrachtet hatten, natürlich deswegen, weil jede sich selbst doch noch besser gefiel als die Andere. Jede hatte auch recht, es kam nur darauf an, von welchem Standpunkt man ausging und welchen