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Man kann sich daher denken, dass die Wahl Mühe kostete, besonders da die Toilette eines Bernermädchens da anfängt, wo eine vornehme Dame noch gar nicht daran denkt, beim Hemde nämlich; das Hemd bildet eine der köstlichsten Zierden. Ich weiss nicht, wie Königinnen Hemder tragen; selbst von der Viktoria ihrem, von der sonst allerlei in den Zeitungen stand, habe ich nie etwas gesehen oder gehört, aber ich bin überzeugt, sie würde es kaum merken, dem Stoffe nach, wenn man ihr eins von einer Berner Bauerntochter leihen würde, eins nämlich, wo Ärmel und Stock vom gleichen Stücke wären, was freilich nicht immer der Fall ist, wie es bei Wäschen an den langen Seilen zu sehen. Es ist halt in allen irdischen Dingen gerne Bschiss. Aber das bin ich überzeugt, dass manche Hofdame und manch ander adelich Ding gar keine solche Hemder hat und es ungern hätte, wenn man wüsste, wie manches sie hat und welche. Die Hoffart im Hemde ist die schönste aller Hoffarten; das reine, feine Hemd über dem Herzen soll dem Mädchen eine tägliche Predigt sein, dass es auch rein bleiben müsse unterm Hemde, denn was da unten werde gesponnen, auch noch so fein, das müsse einmal an die Sonne.

Die Mutter hatte es recht böse an selbem Abend und ward daher rumpelrurrig aus dem ff. Anne Mareili war hell nichts für sie und keine Jungfrau kam heim, sie musste die Sache alleine machen. So Jungfräuleni kommen nicht heim, solange eine Geige geht, solange noch Hoffnung zu einem Schick vorhanden ist; so Jungfräuleni haben selten Sinn für ihre Pflicht und christlichen Ernst im leib, sie haben nichts im leib als den Sinn der Mücke, die auch nichts kann als tanzen, und zwar am liebsten um ein Licht, bis die Flügel verbrannt sind. Dann ist es mit dem Tanzen aus und ein elend Raxen fängt an, das währet, bis endlich der Tod kommt. Was dann aber auch an einem solchen Abend, wo sie alles alleine machen muss und am Morgen eine Andere dafür ausfahren kann, eine Mutter abzerrt, man glaubt es nicht, wenn man es nicht gehört hat. Es kommt ihrer Umgebung wohl, dass sie gewöhnlich alle ihre Vorsätze unterm warmen Federnbette verschläft, sonst wahrhaftig, es würde geschehen, dass man an einem schönen Morgen statt Hammen und Speckseiten lauter Jungfrauen im Kämi könnte hängen sehen und statt der Würste die Geiger.

Anne Mareili konnte lange nicht schlafen, es war ihm viel zu heiss in seinem Stübchen, und wenn der Schlaf kommen wollte, so kam die Angst auch, die hörte dann donnern oder regnen. Anne Mareili fuhr auf, steckte die Nase zum Läufterli aus, husch! war der Schlaf entflohen. Dann kam er leise wieder, drückte leise ihm die Äugelein zu; plötzlich fuhr Anne Mareili auf und schrie: "Halt, Ätti, halt, Herr Jeses, Herr Jeses, mr falle, lue doch ds Bord!" Da sass es dann ganz verblüfft im Bette, wenn es merkte, dass kein Bord da war, schämte sich vor sich selbst, huschte unter die Decke, der mitleidige Schlaf erbarmte sich seiner wieder, drückte leise die Augenlider nieder, ein angenehm Schnarchen liess liebliche Töne hören. Da plötzlich ein lauter Schrei, und bolzgerade stand Anne Mareili im Bette und schrie: "Häb, Ätti, häb, dr tusig Gottswille, häb, häb, lue, der Kohli het Fecke und wott flüge!" Das lächerete wohl den Schlaf, aber boshaft ist er nicht, er ist der Menschen mildester Freund auf Erden. Alle Abende kommt er mit Bechern voll süsser Labung und stärket die Menschen zu neuem Tagewerk. Wie eine treue Mutter zum dritten und vierten Male ansetzt, einen heilenden Trank dem kranken kind einzuflössen, so tut auch der Schlaf. Nur wo er weiss, dass einem recht not täte, an den Himmel zu sinnen Tag und Nacht, weil gar zu weit er noch von der engen Pforte ist, da kommt er nicht, da gibt er dem Menschen Zeit zum Sinnen. Aber gar viele Menschen verstehn ihn nicht und sinnen nur an die Welt, deren eben das Herz voll ist.

Zum dritten Male aber kam er zu Anne Mareili wieder, nahm aber diesmal süsse Bilder mit, ob denen Anne Mareili nicht erschrak, in die mit süsser Wonne es sich versenkte; denn lieblich wurden seine Mienen, ein Lächeln schwebte über ihnen, dem süssen Dufte gleich, der aus den Blumen steigt. Der schönste Tag brach an, es merkte ihn nicht, goldene Sonnenstrahlen gwunderten übers holde Mädchen hin, sie weckten es nicht, sie glänzten in seine Träume hinein, zauberten den süssesten Tag herauf, den es je erlebt. Aber wie die schönsten Tage gewöhnlich mit Gedonner enden, so fuhr in seinen schönsten Traum auch die stimme der Mutter: "sehe wennd doch mit willst, so steh auf, das ist doch afe kei Manier, im Bett liege, bis man fort will, und alles a mih z'la!"

Da tat Anne Mareili einen Satz wie ein Ross in der Schlacht, wenn ihm eine Bombe oder sonst etwas auf den Kopf fährt, stand mitten im Stübchen, wusste aber lange nicht, wo es war, bis es den Tag vor den Fenstern sah und die Kleider rings auf Tisch und Stühlen. "Herr Jeses, Mutter, hab' ich mich verschlafen", sagte es, "und doch