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in schönen Spreitenen vor ihr sich ausdehntendort hängte man den Flachs nicht an Schatten, ehe man ihn räffelte. Hingegen Joggeli trippelte gar unruhig umher, er dachte nur ans Korn, hatte Angst, man versäume dasselbe, und konnte gar nicht begreifen, wie das zuging, dass man an allem sein konnte und doch das Korn auch einkam und zwar so, dass sie die Sichelten mit den andern Leuten am gleichen Samstag haben konnten. Sonst war es der Brauch, dass man sie in der Glunggen acht oder vierzehn Tage später hatte. Und Joggeli meinte sich noch damit. Er sagte: "Mir hei se erst über acht Tag, aber es ist sich nichts zu verwundern, kurzi Haar sy bald bürstet." Er wollte es da, her fast ungern haben, als er mit den Andern fertig war. Die Leute werden meinen, dachte er, er vermöchte nicht mehr so viel anzusäen als sonst. Die Leute wussten aber wohl, woher es kam.

Die Sichelten ist einer der Haupttage im Baurenleben. Einem armen Tauner und seinem weib, welche das ganze Jahr durch die Erdäpfel sparen müssen und kein Brösmeli Fleisch sehen, ist eine Sichelten, an der Wein, zwei- oder dreier Gattig Fleisch und Küchleni genug sind, wirklich ein Tag aus dem tausendjährigen Reich, auf den sie sich das ganze Jahr durch freuen und traurig seufzen, wenn er vorbei ist. Der Geizigste schämt sich an diesem Tag, zu schmürzelen, und wenn es ihn schon reut, er verbirgt es. Es liegt auch eine Art von religiösem Gefühl, oder wenn man will, eine Art von Aberglaube zugrunde. Es ist eine christliche Opfermahl, zeit. Der Geber alles Guten hat wiederum seine Hand aufgetan, den Fleiss des Landmanns gesegnet, den Schoss der Erde gesegnet; da kömmts auch dem Härtesten, dass er Gott Dank schuldig sei, etwas opfern solle. Er rüstet eine Mahlzeit, gibt ungezählt die Küchleni weg an der Küchetüre und lässt essen und trinken eine Nacht und einen Tag lang seine Leute, seine Söhne und Knechte und Mägde und den Fremdling, der bei ihm wohnet, so viel ihr Herz gelüstet. Wo die rechte alte Freigebigkeit noch vorwaltet, da heisst man nicht nur die, welche in der Ernte gearbeitet haben, kommen, sondern noch Andere, die durch das Jahr durch für das Haus gearbeitet haben. Und weit und breit wird erzählt, wie einst einer einen Arbeitsmann auf der Stör gehabt habe an einem Samstag, der am Abend mit aller Arbeit fertig geworden wäre. Am Mittag sei er zu ihm gegangen und habe ihm gesagt, er wolle mit ihm abschaffen, sie könnten ihn jetzt entmangeln. Darauf habe jener gesagt, es sei ihm zwider, jetzt fortzugehen, so verliere er einen halben Tag, und bis am Abend wurde er fertig. "Nein, sag du nur, was ich dir jetzt schuldig bin, wir können dich entmangeln. Ich will dirs fry sagen, warum: diese Nacht haben wir die Sichelten, da haben wir neue nicht Platz für dich. Komm dann eher morgen e Rung wieder, wennd gern willst."

Ist dieser Opfertag vorbei, dann liest der Geizige die Brosamen zusammen, tut sie sorgfältig an Schatten und schliesst Kisten und Kästen für ein Jahr lang zu.

Freilich muss es dem Landmann an diesem Tage wohl zu, mute sein. Es hat ihm der Herr für ein Jahr das tägliche Brot beschert, sein Fleiss ist gesegnet worden, seine Kinder dürfen nicht Hunger leiden, und seine Frau kann wieder arme speisen, Dürstende tränken, in behaglicher Fülle sitzet er. Da kann ihm wohl sein, es ist ihm erlaubt. Aber Essen und Trinken sollten doch nicht das einzige Opfer für Gott sein, nicht die einzigen Dankeszeichen. Der Herr hat die eingeernteten Früchte ein ganzes Jahr durch gesegnet und behütet: kann man ihn wohl mit einem einzigen Tage abspeisen? Sollte man für diesen Herrn nicht auch das ganze Jahr hindurch ein Herz im leib tragen, das in Dankbarkeit fruchtbar ist, das nie vergisst, dass ohne den Willen des Herren kein Haar von unserm haupt fällt und dass jedes Wort und jeder Gedanke vor ihm offenbar ist und dass wir die Armen allezeit bei uns haben und nicht nur an der Sichelten?

In der Glunggen war das auch ein sehr festlicher Tag und nichts wurde gespart. Viele Menschen genossen ihn da, und aus dem Anken, der verküchelt worden war, seit die Glungge bestund, hätte man wohl einen Murtensee machen können. An diesem Tage, wenn auch das ganze Jahr nie, kam der Sohn mit seiner Familie von Frevlingen, wo er sein Wirtshaus hatte, und tat sich gütlich an den väterlichen Küchlene. Er tat wie einer, der gerne hätte, man meine, er sei vornehm; er setzte den Hut auf die Seite, hatte die hände in den Hosensäcken oder schlenggete die arme und machte ein Gesicht, wie wenn er die sieben Haimonskinder samt ihrem Rosse Bayard lebendig gefressen hätte, und sagte allem "Bunschur, Bunschur!" Seine Frau war ein Häpeli und Zipperynli und sagte "Merci". Sie war eine reiche Tochter gewesen und hatte gelernt zu schlottern, wenn sie etwas anrühren sollte. Sie zog sich prächtig an, aber alles blampete an ihr herum wie an einem Geisselstecken. Sie tat sehr meisterlosig, ein Hähnelifecken war das Gemeinste, an dem sie schleckete. Sie gebärdete sich sehr vornehm, aber das gemeinste Stüdi war ihr gut genug, um ihm