sie nicht vergessen haben." Der Pfarrer sagte, das werde gewiss geschehen, sobald er in ihre Gegend käme, und das könne sehr leicht geschehen. Er betrachte sie, wenn sie auch nicht in seiner Gemeinde wohnten, doch so halb und halb als seine Schäfchen, und sie sollten darauf zählen, dass wenn es ihnen wohlgehe und sie glücklich seien, niemand grössere Freude daran hätte als er. Und wenn er ihnen in etwas dienen könne, sei es was es wolle, und es stehe in seinen Kräften, so sollten sie nur kommen, er werde sich eine Freude daraus machen. Darauf nahmen sie Abschied, und allen war es recht wohl und heiter im Herzen. Ein wohltuendes, erwärmendes Gefühl hatten sie sich gegenseitig erweckt, das eigentlich ein Mensch im andern bei jedem Zusammensein erwecken sollte. Dann wäre es schön auf Gottes schöner Erde. "Das ist mir doch der freundlichste Herr", sagte Vreneli im Fortgehen, "er nimmt die Sache ernstaft und meint es doch gut; dem könnte ich einen ganzen Tag ablosen, es würde mir nicht erleiden."
Als sie ins Wirtshaus kamen, waren die Gäste noch nicht da, nur der Bescheid: Johannes werde bald kommen, aber seine Frau könne nicht wohl. Da sagte Vreneli: "Du musst sie holen, fahre hinauf, es ist nicht so weit; wenn du recht fährst, in einer halben Stunde bist du wieder da." "Ich plage den Kohli nicht gerne, er hat heute noch zu laufen genug", antwortete Uli. "Der Wirt gibt dir wohl ein Ross, nicht weiter, als es ist."
So geschah es auch, und es war gut. Johannes war noch nicht zweg, und seine Frau trug grosses Bedenken, so an einem Werktag ins Wirtshaus zu sitzen, ohne dass man Gotte sei; was würden die Leute dazu sagen, Er hätte mit seiner Frau zu ihnen kommen sollen, statt da im Wirtshaus Kosten zu haben, sie hätten ihnen auch zu essen und zu trinken gehabt. Das wisse er wohl, sagte Uli, allein das wäre uverschant gewesen und dazu wohl weit, denn sie wollten heute noch heim, er hätte jetzt alle hände voll zu tun. Aber sie sollten doch recht kommen, er hätte es sonst ungern und müsste glauben, sie schämten sich ihrer. "Was sinnest doch, Uli?" sagte die Frau, "du weisst ja, wie wert du uns bist. Express sollte ich jetzt nicht kommen, weil du solche Gedanken hast." Indessen machte sie sich doch zweg, wollte aber nicht erlauben, dass ihre Tochter mitkäme, die Uli auch gerne mitgehabt. "Warum nicht gar," sagte sie, "noch die Katze und der Hund, das wäre mir! Es ist uverschant genug, dass ich komme. Warte nur, du wirst dein Geldli sonst noch brauchen können – Haushalten hat gar ein weites Maul."
Mit Verlangen hatte ihnen Vreneli entgegengesehen von der Ecke des Wirtshauses aus. Wer vorbeiging, wandte kein Auge ab ihm, und wenn er vorüber war, fragte er: "Wem ist die Hochzeitere? Ein schöner Meitschi sah ich lange nicht." Es ging im ganzen dorf die Rede von der schönen Hochzeiterin, und wer nur irgend Zeit oder einen Vorwand hatte, ging beim wirtshaus vorüber.
Endlich kam Uli dahergefahren, und gar freundlich empfing sie Vreneli. "Bist doch jetzt ein Fraueli geworden," rief die Bäurin, "bis mir Gottwilche," und streckte Vreneli die runde, hohe Hand entgegen. "Das hab ich doch wohl gedacht, das werde ein Paar geben, es hätte sich niemand bas zu einander geschickt." "Ja, aber selb Kehr ist noch gar nichts gewesen, erst auf dem Heimweg haben sie mich angefangen zu plagen, und daran seid Ihr, glaube ich, auch schuld gewesen", sagte Vreneli, sich zu Johannes wendend und ihm die Hand bietend. "Aber wartet nur, ich will Euch recht den Krieg machen, hinter meinem rücken mich so zu verhandeln. Ihr seid mir sufere Kunden, und tut Ihr mir das noch mehr, so will ich Euch bezahlen, wartet nur! Wir wollen Euch auch verhandeln hinter Eurem rücken." Johannes antwortete, und Vreneli begegnete ihm wieder mit schalkhaft wohlgesetzten Worten. Als es einen Augenblick hinausgegangen war, sagte die Bäurin: "Uli, du hast bsunderbar eine manierliche Frau; die kann reden, es stünd manchem Herrenhause wohl an, und ds Schönste ist, dass sie das Werchen ebenso gut kann, das ist sonst nicht immer bei einander. Häb Sorg zu dere, du überchunst ke Selligi meh!" Da begann auch Uli mit nassen Augen zu rühmen, bis Vreneli wiederkam. Als bei seinem Eintritt plötzlich das Gespräch stockte, sah es schelmisch Eins nach dem Andern an und sagte: "Schon wieder habt ihr mich hinter meinem rücken verhandelt, und das linke Ohr hat mir geläutet, wartet nur! Uli, ist das schön, mich schon so zu verklagen, wenn ich nur einen Augenblick den rücken kehre?" "Er hat dich nicht verklagt," sagte die Bäurin, "ds Cunträri, aber ich habe ihm gesagt, er solle Sorg zu dir haben, eine Solche bekomme er nicht wieder. Ach, wenn dManne mängisch wüsste, wie die Zweute wäre, sie hätten besser Sorg zu de Erste! Nit dass ich zu klagen habe.