kommen, den Schein zu holen. Verschämt weigerte sich dasselbe dessen unter dem Vorwande, es kenne ihn nicht, es sei ja nicht nötig usw. Indessen ging es doch und nicht mehr verschüchtert wie ein Dieb in der Nacht, sondern wie es einem glücklichen Weib an der Seite eines ehrenhaften Mannes wohl ansteht. Vreneli wusste sich zusammenzunehmen.
Freundlich empfing sie der Pfarrer, ein ehrwürdiger, langer, hagerer Herr. Es war nicht bald einer wie er, der Ernst mit holdseligem Wesen zu mischen wusste, dass vor ihm die Herzen aufgingen, als wären sie mit einem Zauberstäbchen berührt.
Als er Vreneli betrachtet hatte, fragte er: "Was meinst du, Uli, ist das Gfell oder Gottes Fügung, dass du dieses Weibchen bekommen?" "Herr Pfarrer," sagte Uli, "Ihr habt recht, ich halte es für eine Gabe Gottes." "Und du, Weibchen, welches Sinnes bist du?" "Ich meine auch nichts anderes, als dass der liebe Gott uns zusammengeführt", sagte Vreneli. "Ich glaube auch," sagte der Pfarrer, "Gott hat das gewollt, das vergesst nie. Warum hat er euch zusammengeführt? Dass Eins das Andere glücklich mache, aber nicht nur hier, sondern auch dort – das vergesst mir wieder nicht. Die Ehe ist auf Erden Gottes Heiligtum, in welchem die Menschen sich weihen und reinigen sollen für den Himmel. Ihr seid gute Leute, seid fromm und brav, aber ihr habt Beide Fehler. Dir, Uli, kenne ich zum Beispiel einen, der dir näher und näher kommt, es ist der Geiz; du, Vreneli, wirst auch welche haben, aber ich kenne sie nicht. Diese Fehler werden hervortreten nach und nach, und wie an dir, Uli, ein Fehler sichtbar wird, so gewahrt ihn deine Frau zuerst und du kannst ihn an ihren Mienen gewahren, und was an Vreneli hervorkömmt, bemerkst du und es kann es an deinem gesicht absehen. Eines wird fast zu des Andern Spiegel. In diesem Spiegel, Uli, sollst du deine Fehler erkennen und aus Liebe zu deiner Frau sie abzulegen suchen, weil sie am meisten darunter leidet, und du, Frau, sollst ihm mit aller Sanftmut beistehen, sollst aber auch deine Fehler erkennen und um Ulis willen bezwingen, und er wird dir auch dazu helfen. Wenn der Liebe diese Arbeit zu schwer werden will, so schenkt Gott Kind um Kind, und jedes ist ein Engel, der uns heiligen soll, jedes bringt uns neue Lehren, uns recht darzustellen vor Gott, und neues Begehren, dass es zugerichtet werde zu einem Opfer, das da heilig und Gott wohlgefällig sei. Und je mehr ihr in diesem Sinne zusammen lebt, desto glücklicher werdet ihr im Himmel und auf Erden, denn glaubt es mir doch recht, das rechte weltliche Glück und das himmlische Glück werden akkurat auf dem gleichen Wege gefunden. Glaubt es mir, der liebe Gott hat euch zusammengeführt, dass Eins dem Andern in Himmel helfe, dass Eins dem Andern Stütze und Stab sei auf dem engen, schweren Wege, der ins ewige Leben führt, dass Eins dem Andern diesen Weg durch der Liebe Sanftmut und Geduld ebne und leichter mache – er ist so schwer und dornenvoll. Wenn nun trübe Tage kommen wollen, wenn Fehler an dem Einen, an dem Andern, an Beiden ausbrechen, so denket nicht an Ungefell, dass ihr unglücklich seiet, sondern an den lieben Gott, der alle diese Fehler schon lange gekannt und euch eben deswegen zusammengebracht, damit Eins das Andere heile, ihm von seinen Fehlern helfe, das ist Zweck und Aufgabe eures Zusammenkommens. Und wie Liebe den Heiland gesandt, Liebe ihn ans Kreuz gebracht, so muss auch bei euch die Liebe tätig sein; sie ist die Kraft, die über alle Kräfte geht, heilet und bessert. Mit Fluchen und Schimpfen, mit Drohen und Schlagen kann Eins das Andere unterdrücken, aber nicht bessern, dass es wohlgefällig vor Gott wird. gewöhnlich, je wüster Eins wird, desto wüster wird auch das Andere, Eins hilft dem Andern in die Hölle. Darum vergesst es nie: Gott hat euch zusammengebracht, Eins wird er aus der Hand des Andern fordern. Mann, wird er sagen, wo ist deines Weibes Seele? Weib, wird er sagen, wo ist deines Mannes Seele? Macht, dass ihr wie aus Einem mund antworten könnt: Herr, hier sind wir Beide, hier zu deiner Rechten. Fraueli, vergib mir, dass ich dir an diesem Morgen so ernstaft geredet. Aber es ist ja besser, man rede dir jetzt so als später, wenn Uli gestorben und man ihn durch deine Schuld verdorben glaubt; es ist auch dem Uli besser jetzt als später, wenn er dich unter die Erde gebracht hätte. Was ich aber von Beiden nicht glaube, denn ihr seht mir Beide wirklich so aus, als wenn Gott und Menschen Freude an euch haben sollten."
Als Vreneli von Sterben hörte, schoss ihm das wasser in die Augen, und mit bewegter stimme sprach es: "O Herr Pfarrer, da ist keine Rede von Zürnen. Ihr sollt Dank haben z'hunderttausend Malen für den schönen Zuspruch, ich will mein Lebtag daran denken. Es würde uns grosse Freude machen, wenn Ihr einmal in unsere Gegend kämet, Ihr uns besuchen würdet, um zu sehen, wie Eure Worte bei uns fruchten und dass wir