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Vreneli sich legen, seine kalten arme schlingen um das warme Mädchen, sein weisser Hauch spielte schon in den Spitzen von Vrenelis Kappe. Das Mädchen schauderte zusammen und bat Uli, sich flüchten zu dürfen in ein warmes Stübchen nur einen Augenblick; es schüttle ihn es durch und durch, sie kämen immer noch früh genug.

Uli lenkte alsobald unter einen Herberge darbietenden Schild, und Vreneli suchte Schutz vor dem kalten Liebhaber in einer Gaststube. Dort ist des Morgens gewöhnlich ein wüstes Sein, sie mahnt an eines Trunkenen Erwachen und Katzenjammer; indessen wenn es draussen kalt ist, so nimmt man vorlieb, auch wenn der Ofen nur verglimmende Wärme hat. Das Pferd war bald eingestallet, desto schwerer aber das Stubenmädchen zu wecken, welches das Aufstehen vor hellem Tage nicht liebte, nicht gerne sein abgeschossenes Angesicht zeigte, ehe die Sonne darauf scheinen konnte. Endlich kam es verstrupft dahergeschlarpet. Es war, als ob es bei jedem Schritt ein Bein oder gar beide verlieren müsste, und vor Gähnen konnte es lange, lange nicht fragen, was ihnen lieb wäre. Lange, lange gings, bis endlich der bestellte warme Wein kam, den man fast siedend trinken musste, wenn man sich nicht verspäten wollte. Schon acht Batzen, dachte Uli, als er die Ürti hörte, und ein Batzen dem Stallknecht, macht neun. Es ist gut, dass mir Joggeli etwas beigeschossen, ich käme sonst mit fünfzig Batzen nicht aus! Somit zog er das Päckchen, das er für ein neutaleriges Münzpäckchen eingesteckt, hervor, klaubte es auf und wollte abschaffen. Als er es endlich offen hatte, waren lauter Fünfbätzler darin und fünfzig an der Zahl. Er war eigentlich erschrocken, als sie ihm so unverhüllt auf der Hand lagen, und sagte immer: "Lue doch, Vreneli, lue doch, was mir Joggeli gegeben! Wenn ich das gewusst hätte, ich hätte ihm nötlicher gedankt." "Das kannst du ja immer noch", sagte Vreneli, "das Beste ist, dass du es hast. Ich hätte das aber von Joggeli nicht erwartet. Mir hätte er auch etwas geben können. Er hat mich nicht einmal gefragt, ob ich einen Kreuzer Geld habe, und doch weiss er wohl, wie bös das Zeichen ist, wenn eine Hochzeiterin kein Geld im Sack hat. Aber ich glaube, er möchte mir es gönnen, wenn ich mein Lebtag keinen heller zum Brauchen hätte." "Da," sagte Uli, "nimm die Hälfte, es gehört dir wie mir." "Nein, Uli," sagte Vreneli, "was sinnest doch? Ich habe Geld genug, und wenn ich keines hätte heute, so wollte ich doch, Zeichen hin, Zeichen her, Geld haben, so lange als du welches hast. Zähle darauf, ich will ein freines Fraueli werden, wenn du ein Mann bist, wie es sich gehört; aber wenn du mich unterntun wolltest und vogten, dass ich nichts sagen, nichts haben sollte, so will ichs mit dir probieren, wer Meister werden soll. Du weisst nicht, wie bös ich sein kann. Ich habe mich mein Lebtag wehren müssen, es hat mich immer alles unterntun wollen, und niemand hat es gekonnt. Da kann ich das Wehren, und ich glaube immer, du brächtest so wenig ab als die Andern, ds Cunträri." "Aber wir wollen nicht probieren", sagte Uli, "ich glaubs, ich käme zu kurz mit dir. Du kannst ja alle um einen Finger wikkeln und sie merkens nicht einmal. Ja nicht einmal spassen wollen wir darüber, liebs Meitschi, sonst hörts der Böse und sucht beim Einen oder beim Andern aus dem Spasse Ernst zu machen. Ich habe einmal meine Grossmutter sagen hören, es sei von gar schwerer Bedeutung, was man am Hochzeitmorgen rede, und je näher man der Kirche komme, um so schwerer werde die Bedeutung. Da sollte man eigentlich an nichts anderes denken als an den lieben Gott und seine Engelein, wie die in Friede und Freude mit einander lebten und den Menschen alles Gute brächten und gönnten, und sollte nichts anderes reden als mit dem lieben Gott, dass er bei einem bleiben möchte am Abend und am Morgen, im haus und auf dem feld, im Herzen und im Wandel, und dass seine Engelein über einem wachen möchten jahraus jahrein, damit kein böser Geist Gewalt über einem bekäme und keiner zwischen Beide hineinkäme. Sie hat manchmal gesagt, wie es ihr angst geworden sei, als mein Vater und meine Mutter mit einander gelacht und im Spass gestritten und viel Weltliches geredet. Da sei es nicht lange gegangen, so seien die bösen Geister gekommen, Beide seien früh in der Welt untergegangen, und wir seien arme Kinder geworden, allen Leuten im Weg und zweg zum Verderben, wenn sich nicht Gott ganz apart unserer erbarme. Gottlob, er hat es getan, aber der Grossmutter Wort kann ich nicht vergessen, und je näher wir jetzt kommen, desto ernstafter wird es mir im Herzen. Es ist mir fast und doch nicht ganz wie beim Sterben: da geht man auch so einem Tor entgegen und weiss nicht, was dahinter ist, und dahinter kann die Seligkeit sein oder die Hölle. Und wenn man schon mehr oder minder glaubt, es sei die Hölle oder die Seligkeit, die einem wartet, so weiss man doch nicht, wie die Seligkeit ist und wie die Hölle ist, und beide