mir nichts dir nichts verhudeln könne, was man mit saurer Mühe während sechs Tagen an Wind und Wetter verdient habe. Ehedem hätte er es auch nicht so gehabt. Aber für morgen hätte er nicht sparen wollen und möchte gerne noch seinen alten Meister und dessen Frau einladen. Zwei Kronen oder sechzig Batzen sollten ihn nicht reuen. Da lachte das alte Ehepaar gar herzlich, selbst Joggeli, der es sonst selten tat. "Nu nu," sagte er, "es ist nicht Gefahr, dass du um deine Sache kömmst, wenn du nie mehr brauchst und noch Leute zu Gast haben willst. Es ist gut, dass ich noch etwas nachgebessert, sonst hätte Kohli Hunger haben müssen, und du hättest noch manchen Tag ein saures Gesicht gemacht über das zu viel gebrauchte Geld, und ds Vreni, weil du ihm Hunger und Durst gelassen. Gute Nacht!"
Uli aber hatte keine gute Nacht. Früh um drei wollten sie fort. Der Stunden waren also wenige bis dahin, aber sie wollten nicht vorbei. Er konnte nicht schlafen, gar vieles bewegte ihn, warf ihn unruhig hin und her, und alle halbe Minuten griff er nach der Uhr. Die ganze Bedeutung, in die er treten sollte, wälzte sich in ihrer ganzen Schwere auf seine Seele. Dazwischen gaukelten liebliche Bilder, und Vreneli in seiner ganzen Holdseligkeit tanzte vor seinen geschlossenen Augen. Noch nicht lange war die Geisterstunde vorüber, als er das Bett verliess, um dem Pferde sein Futter zu geben und es gehörig zu putzen und zu striegeln. Als er mit dieser Arbeit fertig war, ging er zum Brunnen und begann das Werk auch an sich. Da umfingen ihn wieder schalkhafte hände, und Vreneli brachte ihm den holden Morgengruss. Ein Vorgefühl hatte es zum Brunnen geführt, und sie kosten in kalter Morgenluft, als ob laue Abendwinde säuselten. Das Beängstigende, Drückende schwand ihm nun, und rasch förderte er die Vorbereitungen zur Abfahrt. Bald konnte er in die stube zum warmen Kaffee, den Vreneli gekocht und zu dem die Base weisses Brot und Käse gerüstet hatte. Wenig Ruhe hatte das Meitschi am Tische, der Kummer, etwas zu vergessen, liess es nicht rasten; das Zusammengelegte wurde immer wieder besehen, ob nichts fehle, und doch wären die Finkenschuhe der Base bald zurückgeblieben. Endlich stunde es fix und fertig da, holdselig und schön. Die beiden Mägde, die der Gwunder aus dem Bette getrieben, umleuchteten es mit ihren Lampen und waren so in Bewunderung vertieft, dass sie vergassen, dass das Öl Flecken mache, dass das Feuer zünde; bald wäre Vreneli in Öl getränkt im Feuer aufgegangen. Ach, in der armen Mägde fleischichten Herzen wogte das Verlangen: ach, wenn sie doch einmal so schöne Kleider hätten, so würden sie auch so schön sein wie Vreneli, dann könnten sie auch einmal mit einem so schönen Mann zHochzyt ryten!
Lange vor drei Uhr fuhren sie in den kalten, bereiften Morgen hinaus. Es ist seltsam, wie froh und frei es einem im Gemüte wird, wenn man des Hauses beengende Schranken verlässt, von den allentalben einem entgegentretenden Geschäften sich wendet und hinaustritt in einen hellen Morgen Gottes. Da geht es einem weit vor den Augen auf, weit wird das Herz, und kühnen Mutes schlägt es dem Leben entgegen, dem Leben, rosenrot gefärbt durch das junge Morgenlicht. Wenn der Abend wiederkömmt, dann kehrt in die müden Glieder das Sehnen ein nach des engen Hauses Ruhe, jede kleine Mühe wird zum Berge, der seufzend bezwungen wird, und erst leuchtet das matt gewordene Auge wieder auf, wenn das düstere Häuschen sichtbar wird, wenn das dunkle Kämmerlein sich zeigt, wo Ruhe ist für die müden Glieder, wo das an Heimweh kranke Herz heilende Schranken findet. Fröhlichen Gemütes fuhren sie der Stunde entgegen, in der ihr Bund fürs Leben geheiligt werden sollte; ein fröhliches Vertrauen zu sich und Gott hatte sich auf erbaut in ihren Herzen, sie zweifelten nicht an ihrem Glücke. Fröhlich küsste Uli sein Mädchen, er wusste, die verschwiegenen Sterne plauderten es nicht aus. Er hatte seine Freude an Vrenelis kalt angehauchten Wangen, die, sobald er sie berührte, zu schwellen und zu glühen begannen, als ob sie nur die Wölbung wären des geheimen Feuerherdes, der bei jedem männlichen Hauche zu flammen und zu sprühen beginnt. Er hatte den Mut, zu sagen: Das sei doch ein ander Küssen als auf Elisis kalte Backen, die ihm immer vorgekommen wären wie eine weseme Rübe, und es sei ihm immer gewesen, als müsste er den Pfnüsel bekommen, wenn er ihm ein Müntschi habe geben müssen. Vreneli nahm diese Rede nicht übel, fügte nur bei: Was dahinten sei, das sei gemäht, es wolle es vergessen. Aber für die Zukunft verbitte es sich das Untersuchen, ob andere Backen heiss oder kalt seien. Wenn er ihm ds Herrgetts wäre, so etwas zu machen, es wüsste nicht, was es anfinge, aber gut ginge es nicht. Unter solcher Rede und Gegenrede erbleichten die flimmernden Sterne und suchten ihre himmelblauen Bettlein, und die gute Mutter Sonne begann ihnen den goldenen Umhang darum aus funkelnden Lichtesstrahlen zu weben, damit ihr keusches Niedergehn, ihren unschuldigen Schlaf neugieriger Sünder Augen nicht beflecken möchten. Der Reif schüttelte seine Locken mächtiger; durch die Sonne von den Sternlein weg, dem dunkeln Schoss der Erde zu getrieben und von den himmlischen Liebchen verjagt, versuchte er mit irdischen zu kosen, wollte um