eng ums Herz wird, wenn sie zum Pfarrer gehen, ist dieser gang doch der entscheidende für ihr ganzes Lebensglück; darum rede ich gewöhnlich ein ernstes Wort dazu, denn dieses Wort wird viel weniger vergessen als hunderte, die ich in der Kirche sage. Wie heute geben die Umstände sie mir in den Mund, und wenn der Herr so mächtig auf den Flügeln des Sturmes daherfährt, so müssen die Worte ernstaft werden. Und wie das äussere Leben ein Bild des geistigen Lebens ist, so ward mir Euer gang daher zum Bilde mancher, mancher Ehe, zum warnenden Worte, vor solcher Ehe und den Ursachen dazu Euch zu hüten. Es muss auch niemand wunder nehmen und auch dich nicht, liebe Frau, die du jetzt vielleicht zum erstenmal bei der Abnahme einer solchen Angabe gewesen und zum erstenmal einen solchen Zuspruch gehört hast, dass ich so ernstaft werde. Es ist fürchterlich, welcher Leichtsinn einreisst und wie schauderhaft unwürdig so Viele ihre Ehe angeben. Ein Freund hat mir geschrieben, dass ihm letztin an einem Samstag zwei Paare zur Hochzeitangabe gekommen seien, beide Bräute hochschwanger und alle Viere voll Branntwein, so dass sie kaum reden, kaum gehen konnten. Wären wir in einem christlichen staat und nicht in einer Agentenwirtschaft, so würde man solche Tiere zurück, weisen, bis sie in einem menschlichen Zustande wären. Täte man es jetzt, so riskierte man Anschicksmänner, Rechtsverwahrungen, Zitationen, und die Richter würden mühselig in der Gerichtssatzung oder im Personenrecht einen Paragraphen suchen, der sich auf diesen Fall beziehen liesse, und würden ganz sicher gegen den Pfarrer auch einen finden. Vom eigentlichen Regieren löscht der Begriff immer mehr aus, wie auch das Licht immer düsterer brennt, je mehr Rauch und Staub um dasselbe gemacht wird. Aber was muss das für Ehen geben, wo die Leute in solchem Zustande den wichtigen gang tun, und was für ein Bild ihres zukünftigen Zustandes wird da dem Pfarrer auf die Zunge gelegt! und doch darf er es vielleicht nicht einmal aussprechen diesen trunkenen Leuten, besonders wenn sie etwa Bürger einer Stadt oder sogenannte Fötzelherren sind. Bei solchen läuft er Gefahr, dass sie ihm wüst sagen, ihn in eine Zeitung tun oder gar verklagen. So wie es bei solchen Erscheinungen einem recht eigentliche Stiche ins Herz gibt, so tut es einem auch wohl, wenn man Zwei zur Ehe schreiten sieht, von denen man weiss, dass Gott bei ihnen ist und dass sie trachten werden, ihre Leiber und ihr Haus zu einem Tempel zu machen, darin Gott wohnen mag. Nicht nur muss der Pfarrer über jede solche Ehe sich freuen, ich weiss, es ist Freude darüber im Himmel. Wenn nun zwei Solche zu einem kommen, wo man sich freuen kann über sie, da darf man ein ernstaft Wort zu ihnen reden; man weiss, sie nehmen es einem nicht übel, sondern es fällt auf gutes Erdreich, wo es dreissig-, sechzig-, hundertfältige Früchte bringt."
"Ja, Herr Pfarrer," sagte Vreneli, "ich werde es nie vergessen, was Ihr gesagt, und Uli soll es Euch zu danken haben. Oh, ich habe noch manches Wort von der Unterweisung her, das ich nie vergessen werde. Und wenn es mich schon manch- mal dünkt, ich hätte alles vergessen, so steigt bei diesem Anlass oder einem andern ein Wort aus der Unterweisung in mir auf, fast als ob mir jemand den Finger aufhöbe und sagte: Eh, eh!" Es gehe ihm auch so, sagte Uli, doch jetzt mehr als früher. Es sei eine Zeit gewesen, wo er wenig an die Unterweisung gesinnet habe. Es komme viel darauf an, was man im Kopf habe, je nachdem komme einem etwas in Sinn. Er hätte es nicht geglaubt, wenn er es nicht selbst erfahren hätte.
Da kam die Magd mit den Tellern herein, um Tisch zu decken. Vreneli merkte es und stunde zum Abschied auf, obgleich die Frau Pfarrerin sagte: Man solle nicht pressieren, oder sie sollten mitalten. Aber Vreneli sagte, sie müssten gehen, die Base meine sonst, sie seien umgekommen, dankte recht innig dem Pfarrer noch einmal für sein Wort und bar ihn, zu versprechen, dass er auch zu ihnen komme, wenn sie schon nur Lehenleute seien. Ein Kaffee vermöchten sie doch immer, wenn sie vorlieb nehmen wollten. Es lache ihm alle, mal das Herz im leib, wenn es ihn nur von weitem sehe. Glück und Segen wünschend zum heiligen Ehestand, zündete ihnen mit hochgehaltenem Lichte der Pfarrer selbst hin, aus und gab ihnen einen guten Abend mit für die Base und für den Vetter auch.
Draussen hatte der Schneesturm aufgehört, zerrissene Wolken jagten durch den Himmel, einzelne Sterne flimmerten in den lichten Zwischenräumen, in ein weisses Schneegewand war die Erde gehüllt. Stillschweigend wanderten sie durch das Dorf, wo die Bewohner hinter ihren kleinen runden Scheiben um düstere Lampen sassen, die Spinnräder lustig schnurrten, lang ausgestreckt das Bein von manchem Hans Joggi um den Ofen blampete. Hie und da bellte ein Ringgi sie an, sonst nahm sie niemand wahr, überflüssig war ihre Vorsicht, schweigend und leise durchs Dorf zu eilen. Zum Schweigen trugen auch ihre vollen Herzen bei, in denen gar manches ernst und heiter sich wälzte, während rasche Wolken vorübertrieben, zwischen denen heiterere Sterne funkelten in immer grösserer Menge, bis die letzte Wolke entschwunden war, in heiterem Blau Stern an Stern sich