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Uli: "Wenn Ihr recht lueget, so seht Ihr dort unser Licht durch die Bäume." "Herr Yses, wie habe ich doch geschlafen! Das hätte ich doch niemand geglaubt. Wenn nur Joggeli nicht balget, dass wir so spät sind." "Es macht noch nichts," sagte Uli, "und morgen kann der Kohli ruhen, wir brauchen ihn nicht." "He nun," sagte die Base, "so macht es desto minder. Aber wenn die Rosse spät heimkommen und früh fort sollen, so ist das eine Schinderei. Nehme man doch, wie es einem wäre, wenn man es einem auch so machen würde, immer laufen, immer laufen und keine Zeit zum Essen und Schlafen." Aus allen Türen schossen diesmal mit Lichtern und Laternen die Bewohner der Glungge, als sie das herannahende Wägeli hörten, die einen ans Pferd hin, die andern zum Wägeli; selbst Joggeli gnappete herbei und sagte: "Ich habe geglaubt, ihr kommet heute nicht mehr, es hätte euch etwas gegeben"

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Der Knoten beginnt sich zu lösen, und als er sich

stecken will, zerschlägt ihn ein Mädchen und zwar

mit einem buchenen Scheit

Nun ging es wie an allen Orten, wenn die Hausmutter spät heimkömmt, mit Reden und fragen; doch war noch keine Stunde verflossen, so war es still in der Glungge, nur im Stalle hörte man den Kohli fressen. Der schöne Schlaf hatte sich über die Bewohner gesenkt und seine Gaben gebracht, das Vergessen alles Leids und manch schön Gaukelspiel vor die bewusstlose Seele. Doch auf einem Bette sah man ihn nicht weilen. Es war ein reinlich Bett, auf demselben lag eine stattliche Federdecke und drinnen ein noch stattliches Mädchen; zu voll war dessen Seele, des Schlafes Eindrücke aufzunehmen. Was jener Stein unterbrochen, das tauchte wieder auf: liebliche Bilder aller Art schwammen über die Seele, flüchtig eilten die einen vorüber, süss und wonniglich weilten andere lange über dem verklärten Mädchen, das sucht in unruhiger Pein hin und her sich werfend den Schlaf suchte, sondern in seliger Hingebung unbemerkt Stunde um Stunde an sich vorüberrinnen liess. Als kühle Morgenlüfte durch die Täler strichen, da begann ein süsses, banges Sehnen aufzuwallen, des Mädchens Brust zu schwellen, das Sehnen, Uli Ja zu sagen, das Sehnen, ihm zu sagen, es wolle sein sein für immerdar, das Sehnen, ihn auch sein nennen zu können für immerdar. Je dringender dieses Sehnen ward, desto mehr gattete es sich mit der Bangigkeit, das ersehnte Glück machte nur ein Traum sein, möchte sich verflüchtigen wie des Traumes Bilder, am Morgen möchte Uli nicht mehr zu finden sein, könnte erzürnt über Vrenelis Benehmen anderes Sinnes geworden sein. Oh, wie ihm jetzt dieses Zagen und Abweisen leid tat, wie es sich nicht begreifen konnte, wie es ihn es mehr und mehr drängte, das Verschulden gut zu machen, zu vernehmen, ob Uli noch gleichen Sinnes geblieben sei die Nacht hindurch.

Es litt es nicht mehr im Bette, leise stunde es auf, öffnete ein Fensterchen, atmete Morgenluft, zog sich an und begann sein Morgenwerk, leise, dass niemand es höre. Leise öffnete es die tür, stille war es draussen, kein Knecht rührte sich noch, kein Pferd scharrte nach Futter. Da ging es leise durch den Schopf dem Brunnen zu, dort im kühlen wasser sich zu waschen nach üblichem Brauch. Am plätschernden Brunnen stunde eine Gestalt gebeugt über den Trog und mit Eifer auch ein solches Werk verrichtend. Mit pochendem Herzen er, kannte Vreneli seinen Uli, da stunde der Ersehnte. Da schwanden Nacht und Nebel, wie Morgenrot ging es ihm auf, und wie ein Herz ziehen könne, das fühlte es jetzt. Doch den unwiderstehlichen Zug noch mädchenhaft zu umschleiern, war ihm seine Schalkheit zur Hand, und mit unhörbarem Tritte an Uli getreten, schlug es rasch beide hände vor dessen Augen. In gewaltigem Schreck zuckte der starke Mann zusammen, ein halber Schrei entfuhr ihm; dann die hände vor den Augen fassend, erkannte er mit süsser Wonne der schönen hände schöne Eigentümerin. "Bist du es?" fragte er. Und Vreneli wusste, wen er meine, und seine hände sanken tiefer, umschlangen den teuren Mann, und wortlos lehnte es sein Haupt an dessen treue Brust. Da, wie aus dem Brunnen Welle um Welle sprudelte hell und klar, so wogte in Uli das Bewusstsein seines Glückes auf in mächtigen, ungetrübten Wogen. Er zog das teure Mädchen an sich, und wie die Wellen des Brunnens plätscherten und Bläschen warfen in blankem Troge, so flüsterte Uli dem Mädchen seine Freude zu, versuchte ein leises Küssen, und kein Stoss warf ihn diesmal zurück von dem holden Ufer, dem er zugesteuert. "Willst du meins sein?" hörte der Brunnen; "bist du mein;" koste es wieder. Und noch manches hörte der Brunnen, aber er sagte es niemand wieder.

Ein eigenes Gefühl durchströmte Beide, das Gefühl, ein teures Kleinod gefunden zu haben, das Verlangen, bei diesem Kleinod zu sein für und für und sonder Unterlass. Wenn jemand einen lieben Brief erhält, wie oft fährt seine Hand in die tasche und liest ihn von neuem! Wenn jemand einen Acker gekauft hat, wie oft geht er hin des Tages und beschauet seinen Kauf! Wenn jemand eine liebe Seele gefunden und an sich gebunden nicht nur für diese Zeit, sondern auch