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letztes Hoffen dahin, dann würde es keine mehr finden, dann müsste es unglücklich sterben. Dar, um mache es ihm so angst, und sie sollten es doch jetzt dr Gottswillen ruhig lassen, damit es so recht überlegen könne, was es mache. Ach, sie wüssten es nicht, wie es einer armen Waise zumute sei, welche der Vater nie auf dem Schosse gehabt, die Mutter nie geküsst!

"Du bisch es Göhl!" sagte die Base und wischte die nassen Backen ab. "Wenn ich gewusst hätte, dass es dir nur da fehle, auf ein Müntschi mehr oder weniger wäre es mir doch gewiss nicht angekommen. Aber warum sagst du es nicht? Unsereins kann doch wahrhaftig nicht an alles sinnen." Uli sagte, er hätte das verdienet, es geschehe ihm recht und er hätte gedenken sollen, dass es ihm so gehen werde. Aber wenn es in ihn hineinsehen könnte, so würde es sehen, wie lieb er es hätte und wie aufrichtig er es meine. Er wolle sich nicht entschuldigen, er habe schon mehrere Male ans Wyben gesinnet, aber lieb gehabt habe er Keine wie ihn es. Aber er wolle es nicht zwingen, er müsse in Gottes Namen sich gefallen lassen, was sein Wille sei. "Du hörst es ja," sagte die Base. "wie lieb er dich haben will! Komm, nimm dein Glas und mach Gesundheit mit Uli und versprich ihm, du wollest die Lehenfrau in der Glunggen werden." Vreneli stunde auf, nahm sein Glas, machte Gesundheit, aber versprach nichts, sondern bat: Man solle ihn es nur heute noch ruhig lassen und nichts mehr davon sagen; morgen wolle es den Bescheid geben, wenn es sein müsse. "Du bist ein wunderliches Gret," sagte die Base. "He nun, Uli, so spann an, sie werden daheim nicht wissen, wo wir bleiben."

Draussen flimmerten die Sterne im dunkelblauen grund, weisse Nebelwölkchen schwebten über feuchten Matten, einzelne Streifen hoben neugierig an Talwänden sich auf, laue Winde wiegten das matte Laub, hie und da läutete eine auf der Weide vergessene Kuh ihrem vergesslichen Meister, hie und da schickte ein übermütig Bürschchen sein Jauchzen weit über Berg und Tal. Die Bewegungen des Tages und des Fahrens rüttelten die Base in tiefen Schlaf, und Uli hielt mit gespannter Kraft den wild ausgreifenden Kohli in ziemlichem Laufe; Vreneli war alleine in der weiten Welt. Wie weit am fernen Himmel die Sterne schwammen in des unermesslichen blauen Meeres schrankenlosem raum, jeder für sich in einsamer Bahn, so fühlte es sich wieder das arme, einsame, verlassene Mädchen im grossen Weltengetümmel. Wenn es fort war von Base und Vetter, wenn sie gestorben waren, so hatte es niemand mehr auf der Erde, kein Haus, wohin es sich flüchten konnte in kranken Tagen, keinen Menschen, dem es etwas klagen konnte, kein Auge, das mit ihm lachte, mit ihm weinte, keinen Menschen, der einmal weinte, wenn es sterben sollte, ja vielleicht keinen, der seinen Sarg begleitete bis zu dem engen, kalten haus, das man ihm endlich doch gewähren musste. Allein war es, einsam und verlassen sollte es durch das Weltgetümmel bis zu seinem einsamen grab auf langer Wanderung, vielleicht durch viele viele einsame Jahre, gebeugter, mut-, kraftloser von Jahr zu Jahr, ein alt, verwittert, verachtet Wesen, dem kaum jemand Herberge mehr gab, wenn auch um Gotteswillen dafür angesprochen. Neues Weh zuckte ihm im Herzen, Klagen wollten aufquellen: warum doch wohl der Vater, der gute, der die Liebe heisse, so arme Kinder leben lasse, die niemand hätten auf der Welt, die in der Kindheit verstossen würden, in der Jugend verführt, im Alter verachtet?

Da begann es doch zu fühlen, dass es sich an Gott versündige, der ihm viel mehr gegeben als Vielen, der seine Unschuld behütet bis auf diesen Tag, es so gestaltet, so hatte werden lassen, dass ein reichlich Auskommen ihm sicher schien, wenn Gott seine Gesundheit erhielt. Es begannen ihm aufzutauchen, wie aus Herz dargetan und seinen Fehler bereute? War es nicht eine eigene Fügung, dass sie sich Beide getroffen gerade an diesem Orte, dass Uli nicht früher fortgekommen, dass Elisi habe heiraten müssen, dass der Base der Wunsch komme, das Gut Uli in Lehen zu geben? Hatte das alles sich nicht recht wunderbar treffen müssen, war darin nicht offenbar des Vaters gütige Hand? Sollte es wohl das Dargebotene verschmähen? War es etwas Hartes, Widerliches, das ihm zugemutet wurde? Nun rollte die Seele ihre Bilder auf, bevölkerte mit ihnen die öde Zukunft. Uli war sein Mann, es hatte Wurzel geschlagen im Leben, in der weiten Welt, sie waren der Mittelpunkt, um den ein grosses Hauswesen sich ordnete, um ihren Willen kreisend. Hundertfältig gestaltete dieses Bild sich vor seinen Augen, und immer schöner, lieblicher woben dessen Farben sich durcheinander. Es wusste nicht mehr, dass es im Wägeli fuhr, es war ihm so leicht, so wohl ums Herz, als ob es bereits atme in jener Welt, wo keine sorge, kein Leid mehr ist; da rollte das Wägelein über einen Stein. Vreneli fühlte ihn nicht, aber die Base erwachte mit langem Gähnen und fragte, mühsam sich fassend: "Eh, wo sind wir? Ich habe doch nicht geschlafen?" Da sagte