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den Stalden ab sprengen wolle oder wie wenn Zwei in den neumodischen Tänzen, denen man Länguus sage, davonfuhren, wie wenn sie Fecken hätten und in die Hölle fahren wollten zsämefüesslige.

Indessen war die Alte im Gurnigel, wo es dem Elisi ganz besonders wohl gefiel, wenn es ihm schon fast die Füsse abfrieren wollte bei dem kalten Sommer und seinen hoffärtigen Schuhen und Strümpfen. Peinvoll war ihm die Reise gewesen. Es hatte sich himmelblau angezogen in Bern, in Riggisberg kam es ihm in Sinn, es wolle sich schwarz anziehen, schwarz scheine viel vornehmer. Die vornehmen Frauen kämen ja auch oft in schwarzseidenen Kleidern. Der Kutscher wollte aber die Koffer nicht abpacken und fluchte es gar jämmerlich an: Das hätte ihm noch kein vernünftiger Mensch zugemutet, dass er in Riggisberg abpacke, und doch hätte er vornehmere Leute geführt, als er heute habe. Kurz er tat es nicht, und ds Elisi plärete bis hinauf, wo auf einmal die Kutsche hielt und es aussteigen sollte, um den steilen Weg hinauf zu Fuss zu gehen. Elisi wollte nicht, wollte auch die Mutter aufweisen: Sie hätten bezahlt, um zu fahren, und nicht um zu laufen, und das sei ein grober Stadtlümmel und dem täte es wohl, sie hinaufzufahren. Aber die Mutter war eine zu verständige Bäurin, als dass sie vom Elisi sich meistern liess. Ihr Leben lang sei sie nie einen solchen Berg hinaufgefahren, und die Rosse vermöchten sich dessen nichts, dass der Kutscher ein Lümmel sei. Sie stieg aus, druckte aber dem Kutscher ein Trinkgeld in die Hand, dass er ihr Meitschi fahren lasse, es sei ihm übel, und wandelte nun im Schweisse ihres Angesichtes und mit schwerem Atem den Berg auf, oft stillestehend und schwer aufseufzend.

Im Gurnigel war grosse Freude, als ds Elisi so schön himmelblau zum Vorschein kam. Die Frauen lächelten auf den Stockzähnen und mochten fast nicht warten, bis die Ankömmlinge im haus waren, um laut zu lachen. Sie mussten aber lange warten, denn da gab es viel auf- und abzupacken. Spazierende Herren lachten ungeniert, und einige mit Schnäuzen traten ganz nahe hinzu, stützten sich mit beiden Händen, wenn nicht die eine den Schnauz drehte, auf ihre Stökke, hielten sich schön gerade, liessen ihre Äugelein zu zeiten martialisch zwitzern, beugten ihre steifen Oberleiber einander seitwärts zu und machten unter schallendem Gelächter ihre deutschen, weltschen und holländischen Bemerkungen.

Der Raum dieses Büchleins, das schon viel grösser geworden ist, als es es im Sinne hatte, erlaubt es nicht, diese merkwürdige Badefahrt des Näheren zu beschreiben; nur das Notwendigste ist erlaubt aufzuzeichnen. Ds Elisi machte aufsehen im Gurnigel und war recht glücklich, ja wie im Himmel. Nur zwei Dinge waren ihm nicht recht. Es konnte gar nicht leiden, dass sie am Bürgertisch assen. Wenn nur eine Schneiderin dagewesen wäre, es hätte sich auf der Stelle städtisch kleiden lassen, hätte die Mutter im Stich gelassen und wäre an den Herrentisch gezogen. Es sagte der Mutter manchmal, es hätte gar keinen Appetit unter den groben Leuten, wo eim niemer serviere, ein jeder nur für sich selbst sehe und esse, wie wenn die Andern nichts bekommen sollten. Zweitens klagte es schwer, dass man des Morgens so früh aufstehen musste, um das wasser zu trinken. Die ersten Tage blieb es im Bette. Als die Herren es aber fragten, warum es nicht komme, es sei am Morgen so schön, zum Schwarzbrünnli zu gehen usw., da wollte es diese Zeit versäumen und zwang sich, aufzustehen. Aber es ging genug zu, und die Mutter schwitzte oft mehr als den ersten Tag den Berg auf, bis sie ds Elisi aus dem Bett, auf den Beinen und aus der stube hatte.

Die ganze männliche Welt gab sich mehr oder weniger mit dem Elisi ab, dessen Bekanntschaft man den ersten Tag beim Tanz gemacht hatte; tanzen war nämlich das, was Elisi wahrscheinlich am besten konnte. So tanzte man nicht ungerne mit ihm und trieb dabei seinen Spass mit ihm. Zuerst meinten die Herren, es sei eine der sentimentalen Närrinnen, die sich mit Bücherlesen abgeben. Sie fragten nach seiner Lektüre, ob es den Clauren kenne und den Kotzebue und den Cramer, nach dem Lafontaine und dem la Motte Fouqué und Andern, nach Eberhards Pastetik und Stapfers Seufzern der Liebe. Aber sie sahen bald, dass sie auf dem Holzweg seien. Ds Elisi las das ganze Jahr aus nichts; seit es in der Schule das Fragenbuch, im Weltschland die Grammaire aus der Hand gelegt, hatte es vielleicht kein Buch mehr in die Hand genommen, kaum mehr den Kalender, ja es wäre zweifelhaft gewesen, ob es eine Zeile ohne Fehler hätte lesen können. Ds Elisi beschäftigte sich nur mit seinen Kleidern, seiner person, seinem Essen, seinem Heiraten, sonst mit nichts. In die gelehrten gespräche trat es also nicht ein und gab sich nicht einmal den Schein, als ob es einen von den genannten Herren kenne, es war von dieser Krankheit unangesteckt. Die Herren waren einen Augenblick in Verlegenheit, als sie mit diesem ausgetretenen Tema nicht Glück machten. Sie schwadronierten hin und her, bis sie endlich merkten, wie wohl das Rühmen bei Elisi angehe. Das trieben sie nun anfangs auf die unverschämteste Weise, dass ihnen die Augen übergingen, Elisi in Wonne schwamm, die nicht dumme Mutter aber manchmal sagte: "Aber Meitschi, wie magst du dich doch mit diesen