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Moses, einsam auf die Höhe des Nebo, um hinüber zu sehen in das ersehnte Canaan.

Kein Wort, keine Sylbe von den Verzweiflungen des Abschieds und der letzten Trennung! Es gibt Geister, die dem Magus überlegen sind und ihn tödten, wenn er sie hervorruft! – – Ich war Zeuge ihrer Einkleidung. Bis zum letzten Moment wollt' ich sie sehen! kein profanes Auge sollte länger als das meine auf ihr ruhen! – die schönen Locken fielender Schleier sank über die holde Gestalt, das begeisterte Antlitz, die glühende Brustdie Sonne meines Lebens versank in Wolken! – – – Und wenn nur ihr eine neue Aurora gedämmert hätte! aber nein, nein, und tausendmal nein! .... Denn sie ist tot, Gräfin, Sie wissen es ja, vor fünf Monaten ist sie gestorben, kaum andertalb Jahr nach ihrer Einkleidung. Der Beichtvater ihres Klosters schrieb mir, sie sei an kurzer Krankheit gottselig verschieden, und der Bischof des Klosters, ein Cardinal in Rom, den ich wohl kannte, schrieb dasselbe, und viel Lobpreisungen ihrer Demut, ihrer Milde, ihrer Frömmigkeit dazu. Das sollte mich trösten, meinten sie; mich trösten dafür, dass sie – o nicht an jener kurzen Krankheit, – sondern am langen Gram, an der bittern Enttäuschung, vielleicht an der zernagenden Reue gestorben ist. Denn die überzeugung ist unerschütterlich in mir: zum dritten Stadium des Klosterlebens, das sie einst mir beschrieb, ist sie nicht gelangt; das zweite hat sie aufgerieben. Sie hat sich die Flügel im Käfig wund geschlagen, und ist daran verblutet. Sie hat zu spät eingesehen, dass unser Leben, wie das des Moses, nichts ist, als der Hinblick nach dem verheissenen Canaan; sie hat ihre gloriose natur in dumpfer Trostlosigkeit zu Ende gehen lassen, und ihren Irrtum mit dem tod gebüsst! – Ruhe Dir, Du ruheloses Herz!

Von mir hab' ich nichts zu sagen. Sie werden fühlen, dass seit meiner Trennung von ihr die Sonne mir kälter ist, die Nacht länger, mein Auge trüber, meine Bewegung schwerer, mein Gedanke langsamer; dass mir die jubelnde Freude am Leben, an der natur, an der Kunst erstorben ist, weil sie es nicht mehr durchgeistet; dass mir zu Mut ist, als könne mein Herz seine bei ihr gelernten Pendelschwingungen nicht ausschwingen. Jetzt ruft mich der kürzlich erfolgte Tod meines herrlichen Vaters nach Deutschland. Ja, tot ist der Mann, den ich am meisten verehrt habe, tot das Weib, das ich einzig geliebt habe! aber der Gegenstand meiner süssesten Hoffnungen lebt, blickt mit Faustinens Auge, spricht mit ihrer stimme, liebt mit ihrer Glut, ist ihr Vermächtniss .... und mein einziges Kind."

Mario schwieg, und faltete die hände um Bonaventuras Haupt, der längst auf seinem Schooss eingeschlafen war. Zwei Tränen rollten langsam über sein stolzes, undurchdringliches Antlitz, das jetzt, im Mondlicht, noch bleicher als gewöhnlich war. Ich liebe Männer, denen nicht der Gram, nicht der Schmerz, sondern Freude und Rührung eine Träne erpresst.

Wir schüttelten die hände. Dann stand Mario auf, nahm Bonaventura auf den Arm und ging ans Ufer zu einer der Gondeln, die dort immer stationiren. Leises Plätschern im wasser verkündete, dass er fortfuhr. Ich habe ihn nicht wiedergesehen, denn in derselben Nacht verliessen wir Venedigaber gehört, dass ihm im Herbst sein Posten in Neapel angewiesen worden sei.

Damals sagte ich zu meinem gefährten: "Frauen wie Faustine sind der Racheengel unseres Geschlechtes, welche die Vorsehung zuweilen, aber selten auf die Erde schickt, und denen die Allerbesten unter Euch verfallen; denn nur die Allerbesten unter Euch sind zu dem bereit, wozu die meisten Frauen bereit sind: ein Herz für ein Herz, ein Leben für ein Leben, eine ganze Existenz für eine ganze Existenz zu geben, und sie wähnen, diesen Tausch bei solchen Frauen zu finden, deren glutvolle Unersättlichkeit eine Bürgschaft unerschöpflichen Gefühls zu geben scheint. Ein so strahlendes Wesen, meinen sie, müsse ein verklärtes sein; aber mit nichten! eine solche feingeistige Vampyrnatur verbrennt und verbrauchtzuerst den Andern, dann sich selbst. Die mittelmässigen Männer hüten sich vor ihnen; sie, die ewig Bedürftigen, wollen immer haben; die Bessern unter Euch wollen auch geben. Nehmt Euch vor den Faustinen in Acht! Es ist nicht mit ihnen auf gleichem Fuss zu leben! Es ist immer die geschichte vom Gott und der SemeleNein! nicht vom Gottvom Dämon.