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So blieb sie zwei Stunden. Andlau erholte sich momentan.

"Er fragte nicht den Arzt nach mir, und wo ich geblieben sei," sagte Faustine traurig; "da fiel mir ein, wie Du besorgt sein müsstest, Mario, und ich kam heim." – Dies erzählte sie Alles so hastig, so abgebrochen, dass wir sie kaum verstehen konnten. Kirchberg ging sogleich zu Andlau; er kannte ihn aus früherer Zeit. Sie gab ihm einen Diener mit, der ihr jede Stunde Nachricht bringen sollte. Anfangs lautete sie immer gleichförmig. Faustine ging den ganzen Abend auf und ab im Zimmer und sagte zuweilen:

"Mario! Mario! Mario! ich tödte ihn! dem Clemens hab ich Leib und Seele getödtet; .... Ihm, das Herz .... und jetzt auch den Leib."

Gegen Mitternacht kam Kirchberg und fragte Faustine, ob sie noch einmal Andlau sehen wolle? er werde den Morgen nicht erleben. Sie stürzte sich in den Wagen; Kirchberg begleitete sie. Er sagte mir hernach, sie habe sogleich neben Andlau niedergekniet, der mit geschlossenen Augen und schon über den Todeskampf hinaus auf dem Bett gelegen. Sie sagte fast unhörbar: "Anastas!" – und er, der nichts mehr beachtete, hörte auf ihre stimme, öffnete die Augen, lächelte, versuchte die Hand ihr zu reichen, sagte "Ini!" und verschied. Ihr gehörte jeder Hauch seines Lebens, auch der letzte.

In der folgenden Nacht, bei Fackelschein, fuhren wir in einer Barke mit seiner Leiche den Arno hinab nach Livorno, wo sie auf dem protestantischen Gottesacker ihre Ruhestatt fand. Faustine war dabei. Sie schien absichtlich all diese Emotionen zu suchen, vielleicht in der Hoffnung, ihrem Schmerz dadurch einen Ausweg zu bahnen. So macht man Wunden grösser, damit die Kugel oder der Splitter herausgenommen werden können. Aber bei ihr blieb der Splitter. Sie verfiel in herzzerreissende Trauer. Zuweilen sagte sie mit heisser sehnsucht:

"O, wenn Gott mir doch einen grossen Gedanken in die Seele hauchen wollte, so wie sonst, dass ich ihn ausbilden, ihn auch Andern verständlich machen, und mich daran erfreuen könnte! aber nichts! nichts! meine Seele ist dürr und öde, keines Aufschwungs mächtig, ausgesperrt aus ihrem alten Himmel der Begeisterung, der Phantasie, der Kunst. Lass mich einen neuen suchen, Mario! den, welchen die Religion uns verheisst. Lass mich den Rest meines Lebens einzig Gott weihen, und in ein Kloster gehen."

"Du tödtest Dich!" sagte ich mit dumpfer Verzweiflung.

"Nein," antwortete sie, "dort werde' ich still werden. Mario, dies Fieber in mir, das durch nichts auf der Welt gestillt werden konnte, nicht durch die Liebe, nicht durch den Schmerz, nicht durch das Glück, nicht durch den Genuss, durch nichts, nichts, was sonst der Menschen Lust und Wonne oder ihre Vernichtung ausmachtdies Fieber, das mich rastlos umhertreibt, obgleich ich wohl weiss, dass es nur genährt, nicht beschwichtigt wird durch die Aufregungen – o, lass mich versuchen, ob die Entsagung alles dessen, was ich bisher so glühend geliebt und gesucht, mir Befriedigung gibt. Die Unmöglichkeit ealmirt die wildesten Wünsche. An Klostermauern scheitert der äussere Reiz. Anfangs werde' ich selig darüber sein; dann wird eine Epoche der Verzweiflung kommen, wo meine unbändige natur sich gegen den Zwang auflehnt; endlich aber legen sich Kämpfe und Stürme, der Friede kommt, die Ruhe in Gott –"

"Die Ruhe im grab!" rief ich.

"Mein geliebter Mario," flehte sie, "gönne mir ein wenig, nur ein ganz wenig Ruhe diesseit des Grabes! wenn Du wüsstest, Herz, wie müde ich binnicht des Lebens, nicht der Liebeaber vom Leben und Lieben, so würdest Du mich selbst auf andern Weg führen."

"Du schlägst einen falschen ein," sagte ich; "denn Du willst all Deinen Pflichten treulos werden. Hast Du nicht vor Gott gelobt, in Not und Tod bei mir auszuharren? hast Du nicht die Kindheit Deines Sohnes zu bewachen und seine Jugend zu leiten? hast Du nicht den Genius zu pflegen? diese Gabe, himmlisch wie keine, – weil sie für Andere eine stimme des Trostes, der Wahrheit, der Kraft wird."

"Ach," unterbrach sie mich, "Du glaubst noch an meinen Genius, mein armer Mario! und ich erreiche, was ich auch schaffen möge, nie das, was ich gewollt. Am letzten Schöpfungstage sah Gott, "dass es gut war"; die Menschen sprechen: der Genius mache gottähnlich, denn aus dem Nichts bilde er Wunder und Welten; so müsste ich denn doch auch sehen, "dass es gut ist", und mich ruhen in diesem Bewusstsein."

"Faustine!" rief ich, "vergiss nicht, dass der Dornenkranz untrennbar vom Strahlenkranz ist; die tiefsten Schmerzen haben den höchsten Genius geboren! wer auferstehen will, muss sich ans Kreuz schlagen lassen! wer gegen Himmel fahren will, muss die Höllenfahrt nicht scheuen. Mit welchem Recht willst Du bequem nur die Glanzseiten geniessen?"

Diese und ähnliche Vorstellungen hatten den Erfolg, dass sie sich mit gewaltiger Kraft emporriss, und in einem Moment der sublimsten Inspiration den "Moses" schrieb, dies Gedicht, welches die brennende