– Gott! O Engel, meine Seele hat mit der deinen in solchen Extasen der Liebe und Begeisterung geschwelgt, dass Alles, was ihr in dieser Region widerfahren kann, nur Wiederholung, und vielleicht .... eine matte sein dürfte. Wir haben mein Herz so nach seinen Schätzen durchgraben, dass die Goldminen .... vielleicht erschöpft sind. Ehe die trostlose Gewissheit uns kommt –"
"Faustine!" sagte ich – ich weiss nicht, mit welchem Ton; denn sie fiel mir zitternd in die arme und sprach ganz, ganz leise:
"Ah, wenn Du mir zürnst, hab' ich keinen Mut Dir meine Seele zu entfalten."
Ich erkannte wohl, dass ich sie nicht einschüchtern durfte, umarmte sie und fragte gelassen, was sie denn zu tun gesonnen sei. Sie erwiderte:
"Ich will die Minen verschütten! ist noch edles Metall darin, so mög' es in der Tiefe ruhn! oben darauf will ich Blumen pflanzen."
"Aber was mögtest .... was willst Du tun?" rief ich in Todesangst.
"Ganz Gott angehören und in ein Kloster gehen," sagte sie; ich aber sprach bestimmt:
"Nie, Faustine! nie, niemals."
Ich bemühte mich, die Sache für eine momentane Aufregung zu halten, zu glauben, dass irgend ein Buch, irgend ein Gespräch mit ihrem Beichtvater sie lebhaft erschüttert habe; doch ihre Lektüre bestand grade jetzt aus den alten römischen Geschichtschreibern, und ihr Beichtvater, der zugleich der der halben Florentiner Welt war, Pater Gerolamo, war mir sehr wohl bekannt als ein ruhiger, milder, kluger Mann, ohne alle ascetische Anforderungen.
Wir waren dazumal in Pisa, teils weil der Hof sich für einige Monate dort aufhielt, teils weil Faustine eine besondere Vorliebe für diese melancholische Stadt hatte. Wir bewohnten den Palast Lanfranchi am Lung' Arno, wo Lord Byron während seines Aufentalts in Pisa wohnte, und bei uns lebte Graf Kirchberg, ein alter Freund Faustinens, der so eben nach Italien gekommen war. Zufällig oder absichtlich – ich weiss es nicht – äusserte er einmal im Gespräch mit mir, Andlau sei von den Aerzten seiner Gesundheit wegen nach Italien geschickt, er glaube nach Rom. Ich bat Kirchberg, nichts davon gegen Faustine zu erwähnen, sie sei ohnehin in einem krankhaft erregten Zustand. Er fand das auch, denn er hatte sie wirklich lieb. Nur Gleichgültige sahen uns mit immer gleichem Auge an. Wir machten täglich weite Spazierritte mit ihr, daran fand sie viel Vergnügen; und fast täglich auch ging sie in das Campo santo, "um Studien zu machen," wie sie sagte. Doch umsonst begehrte ich, dass sie dort Zeichnungen und Skizzen entwerfe.
"Ich sehe und denke – ist denn das nicht genug? sehen nicht die meisten Leute, ohne zu denken?" fragte sie.
"Für Dich ist's nicht genug, Du musst schaffen!" rief ich, und wie aus einem mund mit mir sprach Kirchberg, der gegenwärtig war:
"Sie müssen produziren."
"Immer soll ich mich ganz extraordinär benehmen, Ihr wunderlichen Leute," sagte sie mit ihrer alten Heiterkeit; "aber doch nur grade so weit, wie Euch das Ungewöhnliche nicht extravagant erscheint. Ach, wie seid Ihr so schwerfällig, Ihr Subtilen! – Aber heute' hab' ich wirklich Lust, das Innere des Campo santo zu zeichnen; Ihr könnt allein spazieren reiten!"
Dieser Entschluss wurde dahin abgeändert, dass sie erst mit uns einen Spazierritt machte, worauf wir sie zum Campo santo begleiteteten und ihr Pferd mitnahmen. Sie blieb allein unter der Obhut der Kustoden. In zwei Stunden sollte ich ihr den Wagen schicken. – Ich war höchst befremdet, als der Wagen leer zurück kam und der Diener meldete, der Kustode habe gesagt, die Signora sei schon vor einer Stunde fortgefahren. Ihr Zeichnenbuch brachte er; der Kustode hatte es im Campo santo auf der Erde gefunden. Ich glaubte, Bekannte hätten Faustine zu einer Spazierfahrt entführt; doch war mir bänglich zu Mut, weil sie niemals bestimmte Stunden versäumte. Jetzt war es halb 5; um 5 speisten wir, aber sie war um halb 6 noch nicht da. Dies überschritt all' ihre Gewohnheiten! mich befiel unsägliche Angst, Kirchberg konnte mich nicht beruhigen; ich liess aufs Geratewohl anspannen. Da kam sie auf einmal, zu Fuss, im Reitanzug, leichenblass, verstört, atemlos. Wie zerbrochen fiel sie in meine arme, und ächzte:
"Er ist da! er ist da! er stirbt und will mich nicht sehen."
Andlau war in Pisa, todtkrank an seinen alten Brustwunden. Der milde Tag hatte ihm grosse sehnsucht gegeben, das Campo santo zu sehen, und er war in Begleitung seines Arztes hingefahren. So wie Faustine ihn gewahrte, erkannte sie ihn, trotz der Verwüstung der Krankheit, und flog ihm mit einem Weheruf entgegen. Andlau aber streckte die Hand abwehrend aus, und sank ohnmächtig in die arme des Arztes. So ward er in den Wagen und in seine Behausung gebracht; Faustine begleitete ihn verzweiflungsvoll. Der Arzt beschwor sie, den Kranken zu verlassen, als er wieder zur Besinnung gekommen, da ihr Anblick ihn tödtlich erschüttere.
"Er soll mich auch nicht sehen," sagte sie und rang die hände; "aber lassen Sie mich nur hier im Vorzimmer, damit ich ihn sehen kann.