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Ach, Vinzenze!" rief Faustine; "ich beuge mich gern vor ihr, denn mehr als sie kann der Mensch nicht tun. Aber das ist ein trauriges Beispiel! sie hat sich geopfert, und doch ist Niemand beglückt, sie selbst tot, ihr Mann einsam im Alter, Ohlen einsam in der Jugend. O sage mir, dass Du glücklich bist, Mario."

Wenn sie in den Ausdruck der Liebe überging, war sie unwiderstehlich; darin war sie ein Genie wie in ihrer Kunst; dadurch beherrschte sie mich so masslos, dass ich oft mit Erstaunen wahrnahm, wie sie meine Besonnenheit schwanken machte, meine Besonnenheit, die ich mit so eisernem Willen mir angearbeitet hatte! Vom ersten Augenblick unsrer Bekanntschaft an war meine Seele ihr untertan. Faustine veränderte nicht meine Richtung, aber indem ich dabei beharrte, sah ich nach ihr, wie nach der Bussole hin, und in den Aussendingen des Lebens behielt ich deshalb unumschränkte Gewalt, weil sie zu träg und zu gleichgültig gegen deren Handhabung war. Oft in diesen vier Jahren hatte sie mich gebeten, eine Reise in den Orient mit ihr zu machen; oder wenigstens nach der Schweiz, die sie noch nicht kannte. Meinen Erziehungsprojecten zufolge sollte sie sich aber an den geregelten, einförmigen gang der Existenz, im Verkehr mit Andern, wie in der bürgerlichen Stellung gewöhnen. Ich schlug es ihr unerbittlich ab, und sagte, ich hätte kein Geld dazu. Das glaubte sie leicht, und deshalb sagte sie ganz ruhig:

"Ich werde suchen etwas zu verdienen."

Sie schickte ein eben vollendetes Gemälde zur Kunstausstellung nach Mailand, wie sie pflegte. Nach zwei Monaten händigte sie mir eine Anweisung an meinen Banquier in Florenz auf 8000 Franken ein. Ich fragte, ob sie eine plötzliche Erbschaft gemacht.

"Nein!" antwortete sie; "ich hatte nach Mailand geschrieben, man solle den Ezzelino verkaufen, wenn sich Liebhaber fänden: das ist geschehen. Können wir nun in den Orient?"

Ich war ganz verdriesslich; das wunderschöne Gemälde ging nach Russland! ich sagte, wenn sie mir genau ein ähnliches male, dann wollten wir reisen. ich wusste wohl, dass sie es nicht tun würde. "Dieselbe Gedankenfrucht zweimal reifen lassenkann sogar der liebe Gott nicht" – sagte sie. Aber sie malte Neues, und immer Schöneres. Dazwischen dichtete sie viel, meistens Lieder, tiefsinnig und lieblich wie sie selbst war, denen nichts zur Vollendung fehlte, als dass sie sich ein wenig Mühe gegeben hätte, um sie zu corrigiren. Wenn ich sie dazu ermahnte, so entgegnete sie, damit wolle sie sich beschäftigen, sobald die Zeit des Produzirens für sie vorüber sei. "Vor meinem tod will ich es tun, damit die Welt wisse, was sie eigentlich an mir gehabt hat; vorher lohnt's der Mühe nicht! die beste Berühmteit hebt nach dem tod an! wer populär war, wird selten unsterblich," sagte sie.

Ich neckte sie bisweilen mit ihrem Ruhmdurst.

"O," rief sie, "Bedürfniss des Ruhms ist nur Bewusstsein der Zukunft! wer nicht an seine eigne Zukunft glaubt, verdient auch keine Gegenwart; und man sagt mir dochund ich meine mit Rechtich sei ein grosses Talent. Dass meine Gemälde nur in der Mode und deshalb zukunftlos sein könntenfällt mir oft schwer aufs Herz. Ich weiss wohl, dass ich einen köstlichen Schatz besitze; jedoch, ob ich ihn zu Kleinodien oder zu Münzen oder zu was weiss ich! verarbeite: das weiss ich nicht, wenigstens nicht genau. Wir irren uns über den Wert unsrer Schöpfungen, wie Mütter über die Schönheit ihrer Kinder. Von seinem Gedicht "Afrika" erwartete Petrark die Unsterblichkeit, und fand sie durch seine Sonette. Es wäre doch traurig, wenn ich nur Afrikas hinterliesse!"

Endlich ging ich auf die orientalische Reise ein; ich gönnte Faustinen und mir diesen Genuss. Ueberdies halte ich eine solche Anfrischung der Lebenselemente nicht bloss dem Künstler notwendig, sondern Allen, die sich jahrelang nur mit ihrem Geschäft und Beruf abgegeben haben. Man wird allzu einseitig, sobald man sich ihm ausschliesslich widmet. Die Einseitigkeit hat auch ihr Gutes: sie macht zufrieden, sie lehrt das Geringe schätzen, sie erhält sogar einen gewissen Grad von Unschuld, indem sie manche Illusionen lässtaber nicht alle Seelen sind für diese friedliche Beschränkung geboren. Der Eine fliegt lieber, der Andre geht lieberJeder nach seiner Eigentümlichkeit! Die Schattenseiten seiner Vorzüge hat jeder Charakter, jede Lage; aber man bemerkt sie nur bei ausgezeichneten Charakteren und in ungewöhnlichen Lagen, weil bei den alltäglichen Mischungen kaum der Unterschied zwischen Licht und Schatten wahrgenommen wird. Das ist in der Ordnung! man sieht nicht hin, wenn Jemand im Gehen stolpert; will aber Jemand fliegen und die Schwingen brechen, so sieht es das stumpfeste Auge.

Wir reisten zuerst nach Deutschland, um meine Eltern zu besuchen und ihnen Bonaventura zu präsentiren. Meine Schwestern waren jetzt alle drei verheiratet und mässig glücklich mit kleinen Sorgen und manchen Freuden. Cunigunde war Braut. Nichts glich unsrer Ueberraschung, als sie uns den Verlobten vorstellte, einen benachbarten Landpfarrer von der Sorte, die man jetzt die fromme zu nennen pflegt, mit gescheiteltem Haar und niedergeschlagenen Augen, aus denen zuweilen hastige, stechende, inquisitorische Blicke schossen, die unbehaglich mit dem salbungsvollen Ton kontrastirten, und der ganzen Erscheinung etwas Falsches gaben. Faustine wünschte ihm Glück zu der