; sie sass auf einer Stufe der Treppe, und hatte ihre hände gefaltet um ihre Knie gelegt; ihr Hut war zurückgefallen, der Abendwind wehte ihre Locken hin und her, ihr Gesicht war von innerer Glut, ihr blassrotes Kleid von der sinkenden Sonne in Feuer getaucht. Plötzlich hob sie die hände zu mir empor und rief:
"Mario! ewig anbeten – das würde mich beseligen."
"Das verdient kein Mensch!" sagte ich.
"Nein! aber Gott," antwortete sie. Sie hatte Recht – immer Recht; darum fiel mir auch damals dies Wort nicht weiter auf, um so weniger, da sie plötzlich zu künstlerischen Betrachtungen übersprang, und behauptete: in meiner gegenwärtigen Stellung hätte ich grosse Aehnlichkeit mit dem Antinous des Palastes Braschi in Rom. Ich lachte über dies allzu schmeichelhafte Compliment; doch sie sagte ernstaft:
"Sträube Dich und lache immerhin! die Aehnlichkeit bleibt. Antinous denkt nach über seinen Kaiser Hadrian, für den er sich freiwillig den Tod im Nil gegeben, damit die Priester in seinen Eingeweiden das künftige Schicksal des Kaisers lesen möchten – denn so hatte das Orakel geboten; darauf liess der Kaiser ihm göttliche Ehren erweisen, und ihn als ägyptische Gotteit, mit der Lotosblume über dem Haupt, darstellen. Was half das dem Antinous? er hat doch vor der Zeit sterben müssen! Mario! Mario! wirst Du auch sterben müssen? Meinetwegen sterben? ich bringe auch den Untergang denen, die mich lieben!"
"Aber nicht denen, die Du liebst, Faustine," sagte ich, und nahm ihre Hand.
"O doch! doch!" antwortete sie mit jener himmlischen Melancholie, die ihren blick, sonst so rein, klar und schwer wie Gold, in ein dunkles nächtliches Meer verwandelte, das unter dem Mondstrahl zittert. Sie stand auf, und wir gingen schweigend nach S. Miniato, denn ich störte sie nicht in solchen Momenten der Erinnerung; Zerstreuung wäre ungeschickt gewesen und Aufforderung sich mitzuteilen würde sie noch mehr in den Gegenstand versenkt haben. Zuweilen wandelte es mich an wie Eifersucht, dass Schatten Macht über sie haben konnten – Schatten nenne ich, was für sie tot und unfähig war ihr neuen Schwung zu geben. Sie brauchte ihre und die fremde Wesenheit immer ganz voll, ganz beisammen: darum war die Gegenwart ihre Tyrannin und darum auch meine Eifersucht nie von Dauer.
Sie war seltsam anders als ihr Geschlecht! Wir sprachen einmal über die Corinna, worin uns alles Andere besser gefiel als die eigentliche Liebesgeschichte; und ich sprach meine Verwunderung aus, wie ein so glanzvolles geschöpf diesen trübseligen Oswald lieben könne.
"Mitleid! Mitleid! liebes Herz!" rief sie; "aber davon habt ihr Männer gar keinen Begriff, und ich auch nur einen halben; denn ich bringe es mit dem Mitleid nicht weiter, als mich lieben zu lassen, nicht so weit, um wieder zu lieben. Der Gegenstand meines Mitleids wird kleiner als ich, und ich bedarf eines grösseren, der mich ganz umfängt, hebt und trägt. Aber die meisten Frauen sind gutmütiger und rührbarer als ich. Stirbt doch gar Corinna wegen dieses trübseligen Oswalds! Das ist mir nun vollkommen unbegreiflich! Für die Liebe leben, für den Geliebten leben oder sterben, wie's kommt, das ist einerlei! – Aber nur nicht sterben, weil ein Mann mich nicht mehr liebt! Die Männer müssen um die Frauen sterben, so schickt sich's; das habe ich von jeher behauptet."
"Ja," sagte ich, "Du hast darüber wundersam despotische Ansichten."
"Despotisch? möglich! doch nicht wundersam. Die Liebe ist unser Element, unser Königreich; Ihr nehmt nur dann und wann eine Stelle darin ein, bringt's auch wohl zu einem Ehrenposten oder dergleichen. Wir sind heimisch, wo Ihr fremd – Herrin, wo Ihr Einwanderer seid; dies Bewusstsein macht despotisch: wir wollen lieben über Alles, und lieben, nichts als lieben, Königin sein, von allen Gaben strahlend, im Reich der Liebe! Darum, Mario, begreife ich, dass eine Frau sterben kann, wenn sie nicht mehr liebt! macht ihr Herz seine Pendelschwingungen nicht mehr, so steht das Uhrwerk ihres Lebens still. Lieben ist: sich einem Gegenstand weihen; aber muss der Gegenstand durchaus derselbe bleiben? sind in uns keine Fortschritte, keine Umwälzungen, die einen andern bedingen? können wir bei zwanzig Jahren reif genug sein, um unsre entwicklung bei dreissig und deren Ansprüche vorherzuwissen und uns gleich von haus aus dafür einzurichten? Ich meines Teils hatte vor zehn Jahren kaum eine Ahnung von Allem, was ich geworden bin. Es mag ein hohes Glück sein, beim Eintritt ins Leben der Seele zu begegnen, mit der wir, bis zum Austritt aus demselben, verbunden bleiben; aber es ist ein seltner Glücksfall, dass zwei Menschen durchaus gleichen Schritt halten in ihrer entwicklung, und dass keiner den andern überflügelt. Darum sollte man nicht eine Ausnahme zur Richtschnur machen wollen; nicht sagen: nur das Festalten an einem gegenstand ist Liebe."
"Vielleicht hat man zuweilen darin Unrecht, Faustine!" entgegnete ich; "nur bleibt es gewiss, dass häufig in dem Wechseln mehr Selbstliebe als Liebe liegt. Glaubst Du nicht, dass ein Mensch in Opfer und Entsagung bis zum tod ebenso sehr der Vollendung entgegenreifen könne, als indem er Andern das Opfern überlässt? denke an Vinzenze Sonsky!"
"