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Fähigkeit ist in mir untergegangen; nichts Heiliges ist mir zum Mährchen worden; ich glaube an die unberechenbare Gotteskraft im Menschen, die ihn auf immer neue, unvorhergesehene Bahnen, aber nie zum Untergang führt; – erfülle ich nicht auf diese Weise meine Bestimmung?"

So sprach sie sich ruhig, und immer seltner kamen die Beängstigungen. Ihr Malertalent entfaltete sich wunderbar; der Glanz der italienischen Färbungen schwebte um ihren Pinsel, der mit Allen in Glut und Kräftigkeit rivalisiren durfte, und von Keinem an Phantasie übertroffen ward.

Bonaventura ward im ersten Jahr geboren. Mario ist der Name, den der Erstgeborne in meiner Familie seit langen zeiten zu führen pflegt; aber Faustine bat und flehte:

"Es gibt nur einen Mario für mich! ich kann Niemand ausser Dir so nennen, von keinem zweiten Mario Glück erwarten! gieb ihm einen andern Namen!"

Sie sprach diese Laune so zärtlich für mich aus, dass ich sie hingehen liess, und warnte ich sie halb im Ernst, halb im Scherz vor ihrem unlöschbaren Durst nach "etwas Anderem" – wie sie selbst es nannte, dann rief sie:

"O fürchte Dich nicht! ich liebe Dich, Mario!"

Sie liebte auch Bonaventura, aber meinetwegen; für ihn sollt' ich arbeiten und sorgen, mit seiner Erziehung mich angenehm beschäftigen, in ihm ihre Seele, ihr Wesen wiederfinden – "wenn ich einst tot sein werde," sagte sie. Sie knüpfte nicht ihre Zukunft an das Kind. Wenn sie meine leidenschaftliche Zärtlichkeit für den Knaben bemerkte, war es ihr stets wie ein Trost für mich. Sonst dachte sie nicht häufiger an den Tod, als ich oder jeder Andere es tun würde, der den ernsten Gedanken vertragen kann und den Tod weder wünscht noch scheut.

Vier goldne Jahre verlebten wir in Florenz. O, sie war glücklich! die selige überzeugung hab' ich! strahlend glücklichzuweilen, in Momenten der Liebe, der Begeisterung, wenn ein neues Bild vor ihr auftauchte, ein neuer Gedanke in ihr erwachte, wenn sie die Lava ihres Herzens vor mir ausströmen liess, des innigsten Verständnisses gewiss; dann rief sie:

"O wäre doch das Leben eine ununterbrochene Kette solcher Momente! Träte doch nie eine Abspannung, Nüchternheit, Oede an die Stelle des Entusiasmus, der Tatkraft, der Fülle! Folgte doch nur nicht auf den höchsten Schwung die tiefste Ermattung!"

"Wären wir doch Götter und nicht Menschen!" entgegnete ich lächelnd.

"Oder gäbe Gott uns etwas so Dauerndes, so Wechselloses, dass, trotz aller Schwankungen der Sinne und des Geistes zwischen Verlangen und Befriedigung, die Seele in einem permanenten Bewusstsein tiefster, unwandelbarster Befriedigung bliebe."

"Mir hat Gott dies Wechsellose gegeben, Faustine!" sagt' ich: "die Liebe zu Dir! Tausendmal kann ich geirrthundertmal gefehlt haben: allein die Liebe zu Dir hat mich nie anders als stark und gut gemacht. Dies Bewusstsein ist etwas Ewiges."

"O Mario!" rief sie, und warf sich in meine arme mit der intensen leidenschaft in blick, stimme und Geberde, die stets mein ganzes Wesen vibriren machte; – "Mario, diese Liebe zu mir ist mein Triumph, meine Rechtfertigung, meine Glorie! aber siehst Du denn nicht ein, dass sie heute in den Himmel hebt und morgen in die Hölle schleudert? Mario! auf Augenblicke der Extase, wo Seel' an Seele ruht, wo ich kein Wort brauche, um Dir mein Innerstes zu offenbaren, wo wir sind wie das Himmelblau, das alle andre Farben in sich auflöstfolgen andere .... da hab' ich Dir nichts zu sagen, wenigstens nichts, was ich nicht ebenso gut allen Menschen sagen könnte; da sind wir in Kleinigkeiten verschiedener Meinung, und eben weil es Kleinigkeiten sind, denkt Jeder, der Andere könne wohl nachgeben; da hast Du ein dringendes Geschäft, wenn ich mit Dir umherstreifen mögte, oder ich sitze tief in Farben vergraben, wenn Du kommst mit mir zu plaudern; da ist Dein blick kälter, Dein Gespräch unbelebter, Dein Kuss ruhiger, Dein ganzes Wesen gleichgültiger; da fühle ich, dass Du durchaus das Nämliche bei mir findest; da betrüb' ich mich denn unsäglich, und weder Dein glänzendes Lächeln noch Deine sonore stimme, bei denen mir doch sonst zu Mut wird, als bräche der Tag an, haben genug Gewalt über mich, um Niedergeschlagenheit und Trübsinn zu verjagen, die mich erschlaffend anwehen, wie der Scirocco. Dann denke' ich: wäre die Liebe rechter Art, so könnte nie ein solcher Moment eintreten. Die Seligen sind gewiss niemals niedergeschlagendie Seligen jenseit des Grabes. O wie gut verstehe ich den alten Montaigne, der da sagt: Il n'y a de satisfaction çà-bas que pour les ames ou brutales, ou divines. Geschöpfe vom Mittelschlag wie ich, haben es auch nur mittelmässig."

"Nun Faustine," entgegnete ich, "auch ich kann mit fremden Worten reden! Novalis sagt: Und da kein Sterblicher den Schleier der Isis heben kann, so wollen wir suchen Unsterbliche zu werden."

"Ja, das wollen wir! und Du bist ein Engel!" rief sie.

Dies Gespräch fand statt, als wir einst bei Sonnenuntergang nach San Miniato heraufstiegen, und unter den Cypressen bei dem Kloster von San Francesco rasteten. Ich lehnte an einer Cypresse und blickte auf sie herab