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die Welt erobert oder entzückt. Dass das Genie zuweilen mehre Talente hat, verschiedene Materiale behandelt, gleichsam in drei oder vier Sprachen spricht, dass da Vinci Maler, Baumeister und Dichter war, dass Peter der Grosse ein Reich aus der Versunkenheit emporzog und Schiffe baute, dass Julius Cäsar der erste der Imperatoren war, und nach ein Paar tausend Jahren noch der Schriftsteller der Jugend ist –: das blendet und verführt die Leute. Sie meinen, mit der Vielseitigkeit sei auch das Genie da, und vergessen nur, dass man viel Fähigkeiten in sich ausbilden, viel Fertigkeiten sich aneignen, aber nimmermehr ein Genie w e r d e n könne. Man muss es von natur s e i n . Es liegt in einer dem Menschenwitz unerreichbaren Region. Der liebe Gott hat es sich vorbehalten, seinen Lieblingen damit ein Geschenk zu machen, das, gleich allen bedeutenden Geschenken, schwere Verbindlichkeiten auf den Empfänger wälzt, obgleich es ihn beglückt. – – Aber weil der Mensch doch einen bewegbaren Kopf hat, der sich rechts und links, vor- und rückwärts wenden kann, so meine ich, er solle nicht mutwillig Stupidität, Vorurteile, Launen und Eigensinn als Scheuklappen sich vorbinden, die ihn hindern, irgend etwas zu sehen, das nicht in seinen Kram passen könnte. Selbst ausgezeichnete Talente werden, zwischen Scheuklappen ausgebildet, zur Manie. Ich hörte einen berühmten Pianisten; er übte täglich vierzehn Stunden; er dachte, er wusste, er kannte, er sprach nichts, als seine Kunstnun, er spielte wie eine vom Dämon der Musik gefertigte und besessene Maschine. Stelle ich mir nun Deinen Schwager als einen vom Dämon der Erdscholle Besessenen, aber ohne in sein Fach einschlagende besondere Talente vor, so wünsch' ich ihm der Abwechselung wegen doch Liebhabereien aus einem andern Gebietetwa Mongolfieren oder dergl. –"

"Ich mache es, so wie Du meinst, dass man es machen müsse," sagte Faustine; "ich sehe mir die Dinge an, und assimilire davon, was ich brauchbar finde, mit meiner Eigentümlichkeit. So bleibe ich doch Eins und werde nicht allzu sehr einseitig. – Aber nun hör' weiter! Die Liebhaberei meiner Schwester ist auch aus ihrem Fach: es ist das Anschaffen und der Besitz von Leinwand. Spinnen, weben, bleichen zu lassen, ist ihr Element. Nach jeder Niederkunft erhält sie von ihrem mann als Wochengeschenk ein Stück Landbei der Geburt eines Knaben noch einmal so gross als bei der eines Mädchenswomit sie machen kann, was sie will. Sie lässt darauf Lein säen, und ihn dann verarbeiten zur Aussteuer für ihre Töchter, von denen die älteste sieben, die jüngste ein Jahr alt ist. Da sie ausserdem noch fünf Söhne hat, so ist ihr Leinwandschatz und ihr Grundbesitz schon ziemlich bedeutend, und wir können es vielleicht erleben, dass mein Schwager nur noch Oberlehnsherr seines Gutes sein wird."

"Aber sie sammelt für ihre Töchter; das ist doch ein würdiger Zweck."

"Und mein Schwager gedenkt seine Werke den Söhnen zu hinterlassen. Der älteste bekommt die Ausgabe in Royal-Folio und so abwärts der Reihe nach. Für die Zukunft arbeiten wir Alleausser uns, in uns."

"Kennst Du den Bruder Deines Schwagers?"

"Den kleinen Clemens? ja. Vor vier Jahren fand ich ihn einmal in Oberwalldorf. Ein Mensch, damals schon wie ein Riese, aber so kindisch, dass ich ihn immer den kleinen Clemens nannte. Gut, dass er da ist! er wird doch ein wenig menschlicher und dann vielleicht recht angenehm geworden sein, und so etwas ist immer brauchbardort am meisten."

"Sprich nicht so leichtsinnig, Ini!" sagte Andlau ernst.

"O Gott, gar nicht!" rief sie; "ich freue mich wirklich, den Clemens dort zu sehen. Tue mir den Gefallen," setzte sie scherzend hinzu, "und werde ein wenig eifersüchtig; Du hast jetzt die beste gelegenheit. Ich möchte gern wissen, wie Du Dich in eifersüchtiger Stimmung, und ich mich ihr gegenüber benehmen würde."

"Du weisst, Faustine, bei mir kann darum nie von Eifersucht die Rede sein, weil ich keinen Rival anerkenne. Ein Gut, wonach ein Andrer die Hand ausstreckt, überlasse ich ihm gern."

"Ich weiss, dass Du ein schroffer Mann bist."

"Aber nicht für Dich."

"O doch! auch für mich! Du bist wie ein Felsen; daran rank' ich mich als Epheu mit geschmeidigen Armen empor und schmücke ihn so gut ich kann. Aber der Felsen bleibt ernst und unbewegt, und ich weiss nicht einmal, ob es ihm eine Freude ist." – Ihre Augen standen voll Tränen.

"Du kränkst mich, Ini," sagte Andlau mit tiefer Zärtlichkeit; "Du weisst recht wohl, dass Du meine einzige Freude, mein ganzes Glück auf der Welt bist. Es wäre eben so kindisch, wenn Du daran zweifeln könntest, als wenn ich es Dir alle zehn Minuten wiederholen wollte."

"Ich verstehe nur nicht zu zweifeln, wenn ich liebe; sonst, Anastas, würde' ich mir wohl bisweilen Gedanken machen."

"Und was für Gedanken? böse oder gute?"

"Ich würde mir vorkommen wie die Eidergans."

"Das ist nicht sehr schmeichelhaft" – sagte er lachend.

"Nein, gewiss nicht für