das, wenn es nicht von Krankheit herrührt, einem blühenden Kopf wundervollen Reiz von Melancholie und leidenschaft gibt, wie z.B. bei der sogenannten Fornarina in der Tribüne zu Florenz. Ich wurde auch nie müde sie zu beobachten. Es war etwas Unergründliches, Geheimnissreiches, Einfaches in ihr, etwas von der primitiven Frische des Naturlebens, durch welches alle Elemente spielen und blitzen; in ihr stand das Gewitter neben der Sonne, und das Mondlicht neben der Aurora. Sie war von einer Leidenschaftlichkeit, die man hätte fiebernd nennen dürfen, wenn Körper und Seele ihrer nicht gewachsen gewesen wäre. O, wie sie mir entgegenflog, wenn ich nach kurzer Abwesenheit wiederkehrte! sie erkannte meinen Schritt im Vorzimmer, fast ohne ihn zu hören, sie lief mir entgegen, sie hing sich um meinen Hals – so trug ich sie fort! Goldfunken lagen auf ihrem Haar, unter dem Sammet ihrer Wange rieselte das Blut, silberne Streifen schlangen sich durch das schwarzblaue Auge. Und ihre stimme! o der goldne Klang, der Lerchenjubel, wenn sie dann sagte: "Mario!" – In den Modulationen dieser stimme lagen wieder Analogien mit Naturzuständen; erzählte sie von ihrer gleichgültigen, halbvergessenen Kindheit, so war es, als fliesse ein schmaler, seichter Bach durch eine grüne Ebene: ihr Ton war gleichmässig sanft, vibrirte nicht, weil damals das Herz nicht vibrirt hatte. Aber er zitterte traurig wie das Rauschen fallender Blätter, sobald sie mit dumpfem Trübsinn von ihrer Ehe sprach. Bemerkten Sie je am hohen Mittag, im heissen Sommer, das leise, schwere, atemlose Flüstern, das durch die natur weht? zittern die Blätter, oder die Flügel der Insekten, oder die Wellen im See, oder Schilf, Gras und Blume in der brennenden Berührung des magnetischen Sonnenstrahles? Nun, so war es, wenn Faustine in meinem Arm ruhte, mit ihren weissen Zähnen oder brennenden Lippen meine Wange berührte, ohne sie zu küssen, und Worte flüsterte, die nur die Liebe hören darf, weil die Liebe nur sie erfindet. Beachteten Sie je den wilden, jauchzenden Schrei der Schwalbe, wenn sie Abends durch das Wollustbad der Luft, gleich einem dunkeln Blitz, schiesst? Dieser Ton des höchsten Jubels rang sich bisweilen in einem abgebrochnen laut aus ihrem Busen; und dann girrte sie wie eine verblutende Taube, wenn die Melancholie schwerer Erinnerungen über sie kam. Alle Temperamente waren in ihr vereint zur Quintessenz. Heftig, eifersüchtig, würde sie wie eine ächte Andalusierin den kleinen Dolch im Strumpfband getragen haben, um den Geliebten zu verteidigen oder – zu strafen. Aber bei allen Angelegenheiten des Lebens hatte sie eine. Fügsamkeit in den fremden Willen, die sich nie verleugnete, und die ich tausendmal auf harte probe stellte; denn ich wollte, dass sie sich fügen lernen sollte – nicht mir! ach, dass sie mich liebte, war mein Triumph, nicht, dass ich sie dominirte! – aber dem anerkannten festen Gesetz. Ich glaubte, die allmälige Gewöhnung würde auch ihre innerste Wesenheit nach und nach zügeln können. Zeitenlang war sie weichlich, üppig wie eine Orientalin, lag halbe Tage auf dem Divan mit halbgeschlossenen Augen, träumend, denkend, dichtend, und langweilte sich nicht – während sie dann plötzlich von vernichtender Langweil sprach, wenn ich am wenigsten es vermutete, und sich, um ihr zu entgehen, lernend oder schaffend in die Region des Gedankens oder der Begeisterung warf. Hatte sie sich dann in irgend einem Werk als den Genius gezeigt, den die Welt anerkannt hat, so trieb sie kleine unbedeutende Kunstfertigkeiten, um ihre Geschicklichkeit auch in diesem Fach zu prüfen; doch sie amüsirte sich nur so lange damit, bis sie es zur Fertigkeit gebracht; dann sah sie sich nach etwas Neuem um. Jede vollendete Arbeit war ihr gleichgültig – gleichgültig haben, besitzen, geniessen! Streben war ihr alleinziges Glück, und der Moment, wo sie das Erstrebte mit der Fingerspitze berührte – ihre Seligkeit. Sollte sie aber festalten, so ermattete ihre Hand.
Gleich nach unsrer Verheiratung gingen wir nach Florenz, wohin ich als Geschäftsträger gesendet ward. Faustine verliess gern Deutschland. Völlig veränderte Umgebungen schickten sich für ihre veränderten Verhältnisse. Anfangs fürchtete sie, irgendwo in Italien Andlau zu begegnen, denn sie war gewiss, dass er dortin gegangen, und sie meinte, er könne nichts tun, um sie zu vermeiden, da er ja gar nicht wisse, wie sie heisse, noch lebe. Diese Unkenntniss quälte sie.
"Es würde ihm ein Trost sein, mich glücklich zu wissen," rief sie, "und die Furcht, dass ich mich selbst so elend gemacht haben könnte als ihn, ist gewiss ein Gift in seiner Wunde."
Sie trauerte um ihn, zuweilen bis zum tiefsten Gram; aber sie wünschte nie anders gehandelt zu haben; darum suchte ich nicht ihr die Trauer zu nehmen. Wenn sie bereut hätte, würde' ich trostlos gewesen sein. Die Erinnerung an Clemens trat zuweilen wie ein Gespenst oder ein Fiebertraum vor sie hin. Sie rang die hände und Todtenfarbe überzog ihr Antlitz: sie marterte sich ab mit Combinationen, wie sie dieser Catastrophe hätte vorbeugen können.
"O Gott," sagte sie oft, "ich hätte ja aber eine ganz andre Faustine sein müssen, wenn ich Alles ganz anders hätte machen sollen! die furchtbarsten Erschütterungen, die gewaltsamsten Zustände hab' ich überdauert; ich liebe und hoffe so wie einst; keine Gabe, keine