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ihrer Heirat mit Mengen. Hernach ward sie in der Kunstwelt so gefeiert, dass wohl Niemand ist, der nicht von ihr gehört hätte. Dies sagte ich ihm. Er fragte, ob ich mich genug für sie interessire, um ihrem Leben folgen zu mögen ohne Ungeduld, und ohne vorschnellen Unwillendann wolle er von ihr erzählen. Mein Herz schlug vor Freude, denn ich liebte sie, graziös und genial wie sie war. Solche Personen werden so viel getadelt undich will's nicht streitenverdienen auch so viel Tadel, dass der Gedanke, ich würde liebend und bewundernd von ihr reden hören, mich erquickte. Wir gingen die Riva der Slavonier entlang nach dem öffentlichen Garten. Da ist's am einsamsten in ganz Venedig; denn die Italiener gehen lieber in den Strassen spazieren als unter grünen Bäumen. Der Garten ist auf einer Landspitze angelegt: grosse Rasenplätze und breite Alleen von weissen Akazien, die, eben in voller Blüte, mit ihrem feinen Arom die Abendluft durchströmten. Wir setzten uns so, dass wir vor uns in die Lagunen hinaus sahen, rechts auf die Stadt, die zauberhaft zwischen Himmel und wasser im Golde der sinkenden Sonne schwebte, und links, in weiter Ferne, auf die schneeweisse Alpenkette. O! Venedig ist gar so schön! – –

Ich hatte in der Hand einen Strauss von dunkelroten Nelkenmeine Lieblingsblume. Mario sah sie unverwandt an; endlich sagte er:

"Ich werde zwar nicht ohnmächtig wie die Prinzessin Lamballe, wenn sie Veilchen sah, und nicht tiefsinnig, wie Ritter Parcival, als er drei Blutstropfen im Schnee sahdoch erinnert mich die dunkelrote Nelke jedesmal an Faustine. Diese Blume kommt selten zur Vollendung, entzückt uns selten in ihrer reinen Form als glühende Liebesfackel, oder als Köcher voll zartgefiederter Liebespfeile. Ist der Kelch sehr gefüllt, so platzt er, die Blätter fallen traurig heraus, zerflattern, verwelken; ist er dürftig gefüllt, so platzt er zwar nicht, aber die Blume bleibt auch dürftig. Fast eben so selten wie eine Nelke bringt der Mensch sich zur Herrlichkeit: er verwildert oder ermattet. An Faustine war das Wunder geschehen, sie hatte die Glut, die Fülle, die Pracht ihres Wesens unzersplittert beisammen. Sie wollte nicht immer Eins und dasselbewenigstens wollte sie es nicht in unveränderter Gestaltaber was sie jedesmal wollte, das wollte sie ganz. Sie war ein leidenschaftlicher Charakter, und daher nur schwankend, ehe ein energischer Entschluss in ihr Wurzel gefasst. Um ein grossartiger Charakter zu sein, fehlte ihr nichtsals Strenge gegen sich selbst.

"Nach dem tod des unglückseligen Clemens bracht' ich sie sogleich zu meinen Eltern, und nach drei Wochen, als sie meine Frau ward, war sie auch schon deren geliebtestes Kind, denn diese pompöse Frau, die sich nur zu zeigen brauchte, um für ihre Erscheinung allein jeder Huldigung gewiss zu seindiese Sibylle mit dem Seherblick und den Prophetenlippen, heimisch in der Kunst, vertraut mit der Wissenschaftwar heiter wie ein harmloses Kind und anspruchlos wie ein junges Mädchen, das die eigne Anmut nicht ahnt. Auf der einen Seite hätte eine Matrone nicht mehr imponirt, und dem verwegensten Mann nicht strenger ein leichtes Wort auf den Lippen getödtet durch ihren unbefangenen Ernst; auf der andern Seite lagen die Jugend, die Neuheit, die Unkenntniss und die Verheissungen, die so reizend um Neulinge in der Welt schweben. Das war sie. Bis dahin hatte sie ausserhalb der Welt gelebt, und sich ihr nicht wie ein Feinddazu war sie ihr zu gleichgültigaber wie ein Fremdling gegenüber gestellt. Bis dahin mogte sie nicht in die hergebrachten Verhältnisse eingehen; sie verstand nicht das Familienglück, denn sie war ein verwaistes Kindnicht die Ehe, denn sie war ein gequältes Weib gewesenvielleicht nicht einmal die Liebe, obgleich sie Andlau mächtig geliebt hatte, denn sie wollte sich durch die Liebe ausserhalb aller Schranken frei fühlen; und nur innerhalb Schranken kann Freiheit bestehen, ausserhalb liegen Willkür und Auflösung. Das erkannte sie; jede erkenntnis war ihr eine Wonne, sie liebte mich glühend, weil sie mir sie verdankte.

"Ein Jahr früher hatte ich zu meinem Freund Feldern gesagt: "ich begehrte kein andres Glück, als ein foudroyantes, das mich gerade im Mittelpunkt meines Wesens träfe. Es war mir geworden! Faustine strahlte in meine Seele hinein wie ein tausendfarbiger Diamant, wie ein indisches Gedicht, Stern und Rose, Glanz und Duft. Das unbedeutendste Weib, der stupideste Mann werden belebt und verschönt durch die Liebe, so dass sie uns erfreuen und interessiren können. Und nun Faustine! bald entzückte sie mich, bald machte sie mich zittern, bald bewunderte ich sie! Herz, Sinne, GeistAlles fand bei ihr Nahrung, Befriedigung, Anregung. Ich wurde nie müde sie zu betrachten; wie in Rafaels Arabesken Genien aus Blumen keimen, so schwebte ihre Seele in und über ihrer holdseligen Gestalt, die zart und durchsichtig genug war, um jeder Regung leicht zu folgen. Ihre Augen waren von jener unbestimmten grauen Farbe, die man bei Augen blau zu nennen pflegt, und die darum so schön ist, weil sie alle Schattirungen annimmtvom lichtesten Azur in der Freude, vom tiefsten Schwarz in der leidenschaft. Ebenso wechselnd war auch ihr Teint, transparent, kräftig; an ihrem Colorit erriet ich ihre Stimmung. Mit dieser Frische kontrastirte seltsam dunkles Geäder ums Auge,