so scharf, so forschend, und zugleich so überzeugt, dass sein blick mich frappirte, denn in der halb neugierigen, halb gleichgültigen Welt tragen die meisten Blikke ihr nüchternes Gepräge, und die Neptune der Fontänen schauen nicht viel bedeutender drein, als das Menschenauge. Dieser Mann hatte schon am grab gestanden, als wir herzukamen. Unbeweglich, die arme untergeschlagen, den Kopf gesenkt, so tief gesenkt, dass der auf die Stirn gedrückte Hut das Gesicht verbarg, dunkel gekleidet, glich er einer Statue von Basalt. Ohne Rücksicht auf ihn hatten wir geplaudert. Reisen sind nicht die Schule, wo man das Rücksichtnehmen lernt. Gleichgültig wie an einer Mauer streift man an all' den Unbekannten hin. Um so mehr überraschte mich dieser blick. Der Mann musste uns verstanden, unserm Gespräch zugehört haben, war vielleicht Bruder, Verwandter, Freund Roberts, vielleicht auf irgend eine Weise in dessen Schicksal verflochten. Sei es Furcht, ihn verletzt zu haben, oder Interesse für den toten, ich fragte:
"Sie kannten wohl Leopold Robert, mein Herr?"
"Nur aus seinen Bildern," entgegnete er.
Gegen meine Gewohnheit beharrte ich wie ein Inquisitor bei dem fragenden Styl: "Sind sie selbst Künstler?"
"O nein! die Bürde des Genius wurde mir nicht auferlegt," sagte er und lächelte traurig.
Ich errötete vor Aerger; ich kann's nicht leiden, wenn man mir meine Worte nachspricht. Er fuhr lebhaft fort:
"Darum ist es eine schwere Bürde, weil die Welt sie nicht anerkennen will! Der Begabte soll ein Vollkommner sein. Weil er Mensch bleibt, wird er gelästert. Man denke nur an Byron und tutti quanti."
Mein Begleiter sagte: "Extravaganzen sind indessen nicht als die Glorie – sondern nur als die Ausgeburt des Genies zu betrachten."
"Es ist nur übel," rief ich, "dass viele Leute die natürlichen Allüren des Genies extravagant nennen. Columbus wurde wie ein Narr behandelt, Galilei wie ein Verbrecher! freilich – nicht alle Genies haben sich so glorreich gerechtfertigt, und Leopold Roberts Manen müssen sich vielleicht untertänigst bedanken, wenn man achselzuckend spricht: Er war Hypochonder, der arme!"
"Ja ja!" sagte der Fremde, "denn Wahnsinn und Sünde klingen härter."
Er hatte während des Sprechens die Haltung wenig verändert, nur den Kopf gehoben, aus dem dunkle Augen ungewöhnlich ernst und strahlend hervorblickten. Sie warfen einen wundervollen, ich mögte sagen, versöhnenden Glanz über seine scharf ausgeprägten Züge, und als er nach jenen Worten das Haupt wieder senkte, so dass die Augen verdeckt wurden – da trat mit ihnen das ganze Gesicht in Schatten zurück.
Wir gingen fort. Nachmittags begegneten wir ihm in der Markuskirche; er grüsste, und es entspann sich eine Unterhaltung, die mir gefiel, denn er war ein sehr angenehmer Mann, von lebhaftem verstand und von ruhigen Manieren, weltvertraut und weltverachtend, aber nicht blasirt, nicht abgestumpft, sondern nur durch das Beste gleichgültig gegen das Geringe. Wir waren acht Tage zusammen in Venedig. Er hatte ein Kind bei sich, einen prächtigen, sechsjährigen Knaben mit funkelnden Augen, voll Lust und Mutwillen, unbändig wild, verwegen – ganz wie ich Knaben liebe. Sie werden früh genug zahm werden! Daraus, dass Beide in Trauer waren, und an der inbrünstigen Zärtlichkeit, die Beide für einander hatten, erkannte man Vater und Sohn. Keine Spur von Aehnlichkeit war zwischen ihnen! Sonst, wenn auch die Züge sich nicht gleichen, sind es Mienen, Ausdruck, Bewegungen; hier – nichts! Ich fragte auch ganz überrascht, als ich den Kleinen zuerst sah:
"Ist es Ihr Sohn?"
"Sie wundern sich, dass ich ein so schönes Kind habe, nicht wahr?" sagte er, und sein blick wickelte den Knaben gleichsam in Liebe ein. "Ja, es ist mein Sohn, nur sieht er aus wie seine Mutter, durch und durch wie sie .... und so ist er auch."
Er schwieg plötzlich. Wir frühstückten im Café Florian, und der Knabe sprang auf dem Markusplatz umher, streute den Tauben, die sich dort in Schaaren aufhalten, Brotkrumen hin, unterhielt sich mit den Gondolieren italienisch, mit den Wasserträgerinnen deutsch, und amüsirte sich über a l l e massen, so dass man förmlich neidisch werden konnte. Zuweilen trat der Vater, wenn er lange nicht seiner ansichtig geworden war, vor die Arkaden und rief mit seiner tönenden stimme:
"Bonaventura!" – dann kam der Kleine gelaufen, atemlos, glühend, warf sich in die arme des Vaters und sah ihm in die Augen auf eine unbeschreiblich graziöse Weise, neckend und lieblich, wie ein Amor – oder wie eine Frau.
Mein Aufentalt in Venedig ging zu Ende. Am Vorabend der Abreise bat ich den Fremden um seinen Namen.
"Graf Mengen," sagte er.
"Mario Mengen?" rief ich erfreut.
"Mario Mengen."
"Glücklicher!" rief ich; dann fiel mir ein, wie unpassend dieser Ausruf sei; aber ich konnte doch nichts Anderes sagen als: "Armer Glücklicher!"
"Sie kannten also Faustine?" fragte er.
"So wie Sie Leopold Robert" antwortete ich.
Ich war nach Dresden gekommen, damals, vor Jahren, gleich nach jener tragischen Catastrophe mit Clemens, hatte viel darüber gehört, und bald darauf auch von