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Jungfer.

"Ach!" rief die ganz erfreut, "das habe ich noch nie von der gnädigen Gräfin gehört! und es gibt doch gewiss nichts Angenehmeres und Bequemeres auf der Welt, als solch weisses, frisches, stilles Bett. Ich würde' es noch mal so gern machen, wenn gnädige Gräfin sich immer dazu freuen wollten."

"Behüte der Himmel, Jeannette! ich darf nicht immer so träge sein."

Jeannette sah das durchaus nicht ein und verrichtete schweigend ihren Dienst. Faustine schlief bald; und ohne Träume, ohne Unruhe, wie einem kind, ging ihr die Nacht hin. Es gibt einzelne glückliche Organisationen, die zugleich stark und biegsam genug sind, um dem Körper zu gestatten, dass er im Schlaf sein Recht behaupte und nicht zu leiden habe von den Kämpfen und Mühen der Seele. Wachend ist er ihr getreuer, dienstwilliger Sclav, schlafend ihr Herr: sie liegt in Fesseln, denn er borgt ihr nicht die Organe, durch welche sie ihre herrschaft betätigen kann. Wie im Lete gebadet war Faustine jeden Morgen; es währte immer eine Zeit lang, bis der grelle Tag mit seinen Beschwerden sich Platz machte in der dämmernden Kühle, womit die Nacht sie umhüllt hatte. Morgens war sie auch am schönsten. Das ist nur ausnahmsweise der Fall bei Personen, die über 16 Jahr alt sind. Je älter man wird, um desto mehr bedarf man der Excitation, der Bewegung, des Putzes, der Lichter, um schön zu sein; es wird eine factice Schönheit. Die meisten Menschen stehen fatiguirt auf; der Traum hat sie mehr geplagt als der Schlaf erquickt.

Faustine stand heiter auf, denn: "heute kommt Mario!" dachte sie. Sie ging auf den Balkon; die grünenden Bäume, der wolkenlose Himmel, die zwitschernden Vögel kamen ihr vor wie freundliche Verheissungen. "Mario!" sagte sie halblaut, mit stillem jubel. Da, wie ein Schiffer, der am Horizont das kleine Wölkchen, den unfehlbaren Boten des Ungewitters, entdecktda sagte sie dumpf: "Wo ist jetzt wohl Anastas? was wird aus Clemens .... mein Gott!" Der Tag kam über sie. Indem meldete Ernst den Herrn von Walldorf, der so früh sich empfehlen wolle. Sie liess ihn eintreten. Clemens sah verwildert aus; ihr fiel ein, ob er nicht berauscht sein könne, und die Angst, welche sie schon mehrmals in seiner Nähe empfunden, befiel sie von Neuem. Aber er sagte ruhig:

"Im nächsten monat wird es ein Jahr, dass Sie nach Oberwalldorf kamen. Wissen Sie wohl noch, was Sie mir dort Alles bei unsern Spaziergängen erzählt haben?"

"Nicht eine Sylbe, bester Clemens."

"Das vermutete ich schon! ich will Sie auch nur an ein einziges Wort erinnern. Sie sagten von Georg von Frundsberg und von mehren Anderen: Er sah ein, dass seine Zeit aus war, darum starb er."

"Ja, das hab' ich gesagt."

"Und Sie freuten sich darüber."

"Ich fand es natürlich für jene energischen Menschen."

"Meine Zeit ist auch aus, Faustine," sagte er fest.

"Sie haben noch keine Zeit gehabt," entgegnete sie ebenso fest.

"Doch! doch! die der Hoffnung!"

"Die Hoffnung, von der Sie sprechen, war ein Irrtum; kein tüchtiger Mensch lebt für einen solchen."

"Ferner sagten Sie damals, Faustine: Auf der Grenze zwischen dem Bewusstsein der neuen erkenntnis und der Verzweiflung über den Irrtumstirbt man. Ich stehe auf jener Grenze und ich sterbe."

"Warum foltern Sie mich, Clemens?" sagte sie traurig.

"Das ist nicht mehr als billig, schöne Königin Libussa! für die Martern, die Du seit einem Jahr über mich verhängt hast, sollst Du wenigstens einen Moment mit mir und durch mich leiden." Clemens murmelte dies zwischen den Zähnen, und hatte Faustinens hände über dem Gelenk in seiner Linken zusammengefasst. Sie konnte nicht von der Stelle, und versuchte es auch nicht, denn sie sah, er hatte einen Entschluss gefasst, dem sie mit ihrer geringen Kraft nicht würde wehren können.

"Nun? wie wollen Sie mich foltern?" fragte sie mutig; "Sie sehen, ich warte darauf."

"Du bist recht tapfer, wie sich das schickt für eine Königin! .... Und Du fürchtest Dich wirklich gar nicht vor mir?"

"Ich fürchte nur den Mann, den ich achte und liebe," sprach sie kalt.

Da zog Clemens ein Pistol aus der Brusttasche, setzte es in den Mund und drückte ab. Seine Hand packte im Todeskrampf noch fester die ihren; sie fiel neben seiner Leiche ohnmächtig hin. Die entsetzten Dienstboten und die übrigen Hausbewohner eilten herbei mit Geschrei und Gejammer. Durch all' den Tumult machte ein Mann sich stürmisch Platz, drang ins Zimmer, das blutrot im Morgenlicht glänzte, sah neben einer entstellten Gestalt die leichenähnliche Faustine, und rief:

"O! warum liess ich sie hier zurück?" – Mario trug Faustine zum Wagen, der noch vor der Tür hielt, liess umkehren, und reiste sogleich mit ihr zu seinen Eltern. "Auch der Genius hat seine Bürden!" sagte ich am grab von Leopold Robert in Venedig. Bei diesen Worten hob ein Mann das Haupt und sah mich an,