1840_von_Hahn_Hahn_135_85.txt

Sie gehen?" rief Faustine freudig.

"Ja, ich gehe, Faustine!"

"Und wann? und wohin?"

"Wohin? das weiss ich nicht; aber wann? morgen .... gewiss morgen."

Faustine atmete erleichtert auf; morgen sollte Mario kommen, also traf Clemens nicht mehr mit ihm zusammen.

"Sind Sie mit mir zufrieden?" fragte er.

Sie gab ihm schweigend die Hand. Zwischen Vorwurf und Trauer sprach er:

"Sie geben mir die Hand zum ersten Mal, seit wir uns kennen!"

"Es soll nicht zum letzten Mal sein" – erwiderte sie freundlich.

"Wer weiss, Gräfin! es kommt immer anders als man meint! darum sein Sie gnädig und beantworten Sie mir die Frage, die ich vorhin wagtewenn sie auch allzudreist ist. Bedenken Siees ist die letzte .... ich gehe ja morgen! und ist's für Andre ein geheimnis, so verlassen Sie sich auf mein ewiges Schweigen."

Sein feierlicher Ernst in blick und Ton stimmte auch Faustine ernst. Sie sagte nichts; aber sie legte den Finger auf Marios Portrait im Gemälde. Clemens verstand sie. Er stützte sich auf ihren Stuhl und die Lehne blieb in seiner Hand. Entsetzt blickte sie ihn an und rief angstvoll:

"Gehen Sie, Clemens! um Gottes Barmherzigkeit willen verlassen Sie michich fürchte mich vor Ihnen, Sie sehen aus, als bebrüteten Sie eine Untat."

Er fuhr mit der Hand übers Gesicht: "Eine Untat? o nein, Gräfin! nur eine Tat!" – Dann nahm er den Hut und sagte: "Ich werde noch Abschied von Ihnen nehmen." Damit ging er.

In Faustine hatte sich die Angst festgesetzt, Clemens könne Marios Leben wollen; das ihre oder sein eigenesdaran dachte sie nicht; nur an Mario. In namenloser Unruhe ging sie in den Zimmern umher, denn sie konnte nicht mehr den Pinsel halten, alle Nerven zitterten. Bald griff sie im Vorüberstreifen ein paar Akkorde auf dem Flügel, bald trat sie an den Bücherschrank, um Lektüre zu suchen, die sie nicht fand, bald setzte sie sich erschöpft nieder und summte halblaut eine Melodie ohne Worte, bald legte sie sich ins Fenster und blickte rechts und links mit jener seltsamen Stupidität, die den ersten besten Gegenstand ergreift, um von quälenden Gedanken und Vorstellungen loszukommen, so dass man sich z.B. auf der heimlichen Frage ertappt: "Wird jenes Vögelchen sich auf einen Ast oder auf ein Dach setzen?" und man sieht dem Vogel nach, so lange man ihn gewahr werden kann. Während der Zeit hat das Herz gleichsam still gestanden und nach Luft geschnappt, nun gehts wieder weiter in atemlosem Lauf.

Endlich ging sie zu Frau von Eilau, fand aber dort so viel Menschen, dass ihr nicht die gehoffte Zerstreuung ward. Nur in der Conversation mit zwei oder drei Personen amüsirte sie sich, weil sie Aufforderung zur Mitteilung fand. In grösseren Kreisen, wo man Lärm machen muss mit seinen Worten, um gehört zu werden – n u r gehört, nicht verstanden! da verstummte sie und war fast immer zerstreut. Heute mehr denn je. Aber man kannte das; es fiel nicht auf. Graf Kirchberg setzte sich zu ihr und versuchte Töne anzuschlagen, die in ihr den Wiederhall weckten. Es gelang nicht.

"Ich habe nicht verstanden," erwiderte sie auf eine seiner Bemerkungen.

"Dann muss ich mich sehr konfus ausgedrückt haben," sagte er lächelnd, "denn Sie pflegen Salomos Ring bei sich zu tragen, vermittelst dessen man die Sprache auch der unvernünftigen Creatur versteht."

"O!" rief sie, ohne den Scherz zu beachten, "wenn man sich unbehaglich fühlt, wie konfus und windschief erscheinen alle Worte, Zustände, Menschen! man ist nicht im stand, das ABC herzusagen! man starrt einen Freund zerstreut wie einen Fremden an! man meint, man werde in den nächsten vierundzwanzig Stunden stecken bleiben wie in einem Sumpf. kennen Sie solche Momente?" – Ohne seine Antwort zu erwarten, fuhr sie im veränderten Ton fort: "Wo der Pflug über ein Menschenherz geht, ist die Hand Gottes da, um Samen für die Ewigkeit hineinzustreuen: das glauben Sie doch auch, Graf? denn wenn man es nicht glaubt, wie soll man sich trösten, den Pflug mit eigner Hand über ein Herz gelenkt zu haben?"

"Ich würde mich auch nur in dem Fall trösten, dass dies Herzdas meine wäre," entgegnete Kirchberg. "Es hiesse dem Egoismus zu leichtes Spiel machen, wenn der nichtsachtende Leichtsinn oder die rücksichtlose Leidenschaftlichkeit sich einbilden dürften, der liebe Gott werde die Wunden, die sie schlagen, mit Balsam heilen."

Faustine schauerte zusammen und wurde leichenblass. Graf Kirchberg fragte, ob sie krank sei.

"Mir ist bange," sagte sie und verliess die Gesellschaft. Bei ihrem Diener erkundigte sie sich besorgt, ob Niemand in ihrer Abwesenheit sie habe besuchen wollen. Er verneinte es. Dasselbe tat ihre Kammerjungfer, die sie, zu haus angelangt, gleichfalls befragte. Dennoch sah sie sich gespannt im Zimmer um; fürchtete sie Clemenshoffte sie Marios Nähe? sie wusste es nicht! immer traten Beide zusammen vor sie hin.

"Jeannette, ich freue mich heute recht zu Bett zu gehen!" sagte sie zu der