sich einst in Mainz ausgedacht hatte: ein junger Mann ging an einem Fenster vorüber, hinter dessen Gitter ein Mädchen sass, die Katze, die Kapuzinerkresse, die Arbeit – nichts fehlte. Mario sollte kommen; sie wollte ihn mit diesem Bilde erfreuen, denn eifrige Arbeit – das wusste er – war stets ein krampfstillendes Mittel für sie.
Clemens trat ins Cabinet und hinter ihren Stuhl. "Das Bild würde mir ausserordentlich gefallen," sprach er, "wenn der Mann nicht dem Graf Mengen ähnlich wäre."
"Graf Mengen hat ein so frappantes Gesicht, dass ein Malerauge es gern auffasst und darstellt."
"Ich will es nicht leugnen! nur passt es nicht in diese gotische Umgebung; – er sieht ganz tatarisch aus."
"Tatarisch! Clemens! Sie haben wirklich kein Urteil."
"Und Sie ein Vorurteil."
Faustine zuckte schweigend die Achseln. Nach einer Pause fragte sie:
"Werden Sie denn nie nach Oberwalldorf heimkehren, Clemens?"
"Bin ich Ihnen lästig?" fragte er bitter.
"Zuweilen – durch Ihre bizarren Launen – ja."
"Sie waren in Prag, nicht wahr, da oben auf dem Wisserad über der Moldau, wo man das Badezimmer der Libussa zeigt?"
"Ja, ja! aber ich sprach von Oberwalldorf."
"Wissen Sie, was in jenem Badezimmer geschah?"
"O ja! die Königin Libussa, stolz auf ihre Unabhängigkeit, wollte keinen Mann Einfluss über sich gewinnen lassen, und, wenn auch aller Schwäche des Weibes unterliegend, nie schwach erscheinen und immer frei bleiben. Deshalb liess sie die Männer, denen sie eine momentane Gunst geschenkt, aus jenem Gemach in die Moldau stürzen."
"Sie sind die Königin Libussa im modernen Gewande, ohne die wilde Sinnlichkeit, ohne die blutige Grausamkeit. Hört eine Persönlichkeit irgendwie auf Ihnen homogen zu sein, und hätte sie Ihnen das Innerste des Lebens dargebracht – Sie lassen sie in die Moldau stürzen."
Bitterer Schmerz durchbebte Faustine; sie gedachte Andlaus und rief:
"Das ist wirklich nicht ganz unwahr."
"Aber ich lasse mich weder in die Moldau noch nach Oberwalldorf schleudern," fuhr Clemens aufgeregt fort.
"O, Sie!" sagte Faustine und sah ihn verwundert an, "für Sie bin ich nicht die Königin Libussa gewesen. Ihnen hab' ich keine Liebesverheissung gegeben –"
"Vielleicht auch Andern," unterbrach Clemens sie gereizt, "aber mir gewiss! Sie haben mich in Ihr Leben aufgenommen! wenn eine Frau wie Sie das tut, so ist es eine Liebesverheissung, denn Sie müssen fühlen, dass dem, der in Ihrer Nähe lebt, Ihre Liebe eine Bedingung der Existenz wird, oder haben Sie das etwa nicht gewusst bei mir?"
"Ich habe Sie um mich geduldet, weil ich keinen andern Weg offen sah, um Sie zur erkenntnis über mich zu bringen. Ich hatte Wohlwollen für Sie, ich habe Mitleid mit Ihnen –"
"Ah, Du hast Mitleid mit mir!" rief Clemens, warf sich vor ihr nieder, und umschlang stürmisch ihre Knie.
"Ich h a t t e Mitleid mit Ihnen, muss ich sagen," rief Faustine ungeduldig, und stand lebhaft auf; "allmälig geht es über in Widerwillen, und nicht durch meine Schuld! Ich begreife Sie nicht, Clemens! wenn mir ein einziges Mal gesagt oder gezeigt würde, dass man mich nicht liebt, so würde ich eher sterben, als mich einer zweiten Abweisung aussetzen."
"Es ist hart zu sterben, wenn man liebt!" sagte er finster.
"Aber wer spricht denn vom Sterben? Sie sollen ja leben, froher, glücklicher als bisher. Nur ein klein wenig Vernunft, guter Clemens –"
"Bravissimo, Gräfin Faustine! wenn Sie die Vernunft predigen, so mag ich es wohl noch zu einer recht freudenreichen Existenz bringen!" rief Clemens und lachte grimmig. "Doch einstweilen, bis es so weit kommt, schwimme ich auf dem Meere des Lebens an das dünne Brettchen der einzigen Hoffnung geklammert, Du werdest mir, wie Leukotea dem Geliebten, dem gefährlich Schiffenden, die rettende Binde zuwerfen – dereinst, Faustine, nicht wahr, dereinst? ich will warten, warten .... o bis in die Ewigkeit hinein, aber ich will und muss darauf hoffen dürfen – sonst .... lasse ich mich sterben."
"Tun Sie, was Sie wollen – nur hoffen Sie nichts von mir, Clemens" – sprach sie sehr bestimmt.
"Weder für Gegenwart noch Zukunft?"
"Weder für Gegenwart noch Zukunft – so wahr ich Faustine bin."
"Gut, gut!" sagte Clemens; eine fürchterliche Zerstörung glitt über sein Gesicht. Sie sah es nicht, denn sie hatte sich wieder an die Staffelei gesetzt. "Eine Gnade!" fuhr er fort; "sagen Sie mir, wem gehört Ihre Zukunft?"
"Mir – und Gott!" antwortete sie fest.
"Sie zwingen mich, die Frage anders zu stellen," sagte er gelassen; "wem gehören Sie in Zukunft?"
"Sie nehmen sich das dreiste Recht einer Frage, die ich nicht Lust habe zu beantworten," entgegnete sie kalt.
"Mein Gott, einem Freunde, der für immer scheidet, kann man doch wohl diesen Beweis von Zutrauen geben," sprach er sanft.
"Ah,