er sie im Herzen. Nicht aus Pflichtgefühl, nicht als Mann von Ehre betrachtete er Faustine, als ein Wesen, dass ihm für die ganze Zukunft anvertraut sei; nicht aus Rücksicht für ihre Verlassenheit und Hülflosigkeit hielt er sich untrennbar an sie gefesselt; was ihn tiefer rührte und inniger band, war ihre grossartige, einfache natur, die, Alles wegwerfend oder verschmähend oder nicht bedürfend, was nicht Liebe war, sich in d i e als in ihr alleinzigstes Gewand hüllte. Er liebte sie, mirakelmässig, nicht mitleidig, sondern bewundernd. Ach, die meisten Frauen preisen ihr Schicksal, wenn nach so vielen Jahren, in denen die frische Schönheit, der Reiz des Besitzes, die Neuheit des Glücks entflohen sind – die Männer noch aus alter Gewohnheit, aus Dankbarkeit für süsse Erinnerungen, zuweilen mitleidig einen Strahl der alten erlöschenden Liebessonne aufleuchten lassen; und Faustine, für die, wie durch ein Wunder, diese Sonne im Zenit steht, Faustine schaut nach einem andern Gestirn.
Aber sie tat es. Alles dies sagte sie sich tausend Mal, wiederholte und prägte fest sich ein, was Alles sie mit Andlau aufgab, aber – sie gab ihn auf. Es gibt keinen Stillstand für mich, dachte sie, rastlos muss ich vorwärts – und ist das nicht eins und dasselbe mit aufwärts? – Sie kehrte zu ihren alten Gewohnheiten, zur Malerei, zur Gesellschaft zurück. Ihre Freunde fanden sie nicht so frei, leicht und heiter wie sonst. Man war gespannt, ob sie sich wieder ins alte Geleise zurückfinden werde. Clemens ging häufiger denn je bei ihr aus und ein, und nahm immer mehr die Allüren eines unentbehrlichen Freundes an. Sie wehrte ihm nicht, denn bei hundert Dingen war er ihr bequem und bei tausend – gleichgültig. Er wünschte glühend, ihr Alles zu ersetzen, jede Lücke auszufüllen, dann – wähnte er – bliebe ihr nichts übrig, als seine Liebe zu erwidern. Faustine sprach weder von Andlau noch von Mengen: daraus folgerte Clemens, sie sei auf gutem Wege, Beide zu vergessen. Wenn man meint, Clemens sei verrückt, so mein' ich, eine Liebe ohne Erwiderung sei allerdings eine Verrükkung: nur auf der Gegenseitigkeit beruht ihre Wahrheit.
Mario schrieb fast täglich. Seine hohe Sicherheit erquickte Faustine. Hätte er ihr gesagt, er müsse ihr den Weg zum Orion bereiten, so würde sie sich darauf verlassen haben. Die hülflose Einsamkeit, in der sie auf der Welt stand, machte ihr diese Zuversicht zum Bedürfniss. Der edle Mann schützt so gern, dachte sie, und wer bedarf mehr des Schutzes als ich? – Marios Eltern waren nicht erfreut über den Entschluss des Sohnes.
"Das ärmste Mädchen, nur unbescholten, wäre mir eine liebere Tochter," sagte Gräfin Mengen; und der Vater sprach:
"Nach Deiner Beschreibung muss sie eine Circe sein! Hast Du Dich fangen lassen, mein armer Mario?"
Mario lächelte. Der absichtlosen, nachlässigen Faustine wär' eine planmässige Eroberung unmöglich gewesen. Seine Schwestern warfen sich entzückt in seine arme, als sie seine Verlobung erfuhren.
"Welch ein unbegreifliches Glück für Dich, Mario!" rief Matilde, und Marie flog zu Cunigunden, um ihr diese Jubelbotschaft mitzuteilen. Dann musste Cunigunde kommen, und den Eltern all das Gute und Schöne von Faustine erzählen, was sie den beiden Schwestern erzählt hatte, und Mario war gerührt von der tiefen Freudigkeit, mit der sie es tat.
"Sie hat mich getröstet, gestärkt und erhoben, als Alle mich niederbeugten; sie hat mir zugelächelt, als Niemand von mir wissen mogte, und in dem entscheidenden Moment, wo tätige hülfe mir not tat, hab' ich sie bei ihr gefunden."
Weit mehr noch erzählte Cunigunde von Faustinens Schönheit, Anmut und Talenten, und sagte zuletzt:
"Ich bin einmal darüber ausgelacht worden, dennoch muss ich sie stets mit dem "Mädchen aus der Fremde" vergleichen; ich kenne sonst Niemand, der ihr ähnlich wäre, oder der mich an sie erinnerte."
"Ach Gott," seufzte Gräfin Mengen, "wie soll ein so extraordinäres geschöpf in den Familienkreis passen?"
"Wie die Sonne in die Welt, gute Mutter," sagte Mario.
"Mario ist aber einmal verliebt! .... ganz erschrecklich verliebt!" flüsterte Marie heimlich Matilden zu.
"Liebt Dich Faustine in demselben Masse, wie Du sie liebst?" fragte ihn der Vater.
"Die Liebe lässt sich nicht messen und wägen," antwortete Mario lächelnd, "und bei Niemand weniger, als bei Faustinen. Ihre Liebe fliegt."
"Und fliegt davon, mein Sohn!" warf die Mutter ein; "solche Frauen – genial, ungewöhnlich, über dem Alltäglichen, und wie man sie nennen mag! haben so selten die klarheit, Ruhe, Gewissenhaftigkeit und Pflichttreue, mit denen man einzig und allein glücklich sein und machen kann."
"Vor drei Monaten, liebe Mutter, hab' ich mir und Faustinen selbst das Alles gesagt. Aber ich liebe sie – und wie sie nun einmal ist, so beglückt sie mich."
"Und so soll sie uns willkommen sein!" sagte der alte Mengen, und gab dem Sohn die Hand. Mario küsste sie und rief:
"Ich wusst' es, Vater!" Faustine sass vor der Staffelei und tat die letzten Pinselstriche an einem meisterhaften Gemälde. Es war dasjenige, welches sie