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Er las ihn, ohne ihn zu verstehen, einige Male. Endlich verstand er das: "Wir können uns nie wiedersehen." – Ihm war, als würde' es Nacht am hellen Mittag. "Pferde! geschwind! fort nach Böhmen!" rief er. Er wollte n u r fort; wohin, war ihm ganz gleichgültig; fort! fort! was die Pferde laufen konnten. Beim Pferdewechsel sagte er gewöhnlich nur: "Vorwärts! immer die grosse Strasse." Zuweilen trat ein Postbeamter an den Wagen und nannte fragend die nächste Station; dann bejahete er schweigend. So fuhr er wie ein Todter durch den lieblichen leuchtenden Frühling, durch Prag, durch Breslau. Er wusste nicht, wo er war. Da kam er in eine alte, grosse, düstere Stadt; Finsterniss schien auf ihr zu brüten, eine grosse Vergangenheit, eine trübe Gegenwart. Die mächtigen Häuser mit starken Böschungen glichen Grabmälern oder Festungen des Todes.

"Halt!" rief Andlau. Die Stadt gefiel ihm: es war Crakau. Er ging in die Katedrale und stieg hinab zu den Gräbern der alten polnischen Könige. Er lehnte sich an einen Sarg; die Geierkralle wahnsinnigen Schmerzes, welche bis dahin seinen Busen krampfig umspannte, löste sich in der Nähe des ewigen Friedens; zwei grosse Tränen fielen schwer aus seinen Augen auf den Staub der toten, auf den Staub seines Glücks. Sein Führer, ein eisgrauer Pole, fragte ihn auf polnisch um die Ursache seiner Trauer. Andlau verstand ihn nicht, schüttelte das Haupt und blickte zum Himmel. Da ergriff der Greis Andlaus Hand, folgte jenem blick, und sprach mit einer Träne im erloschenen Auge:

"Finis Poloniae!" – So standen sie bei einander, der Mann und der Greis, das Leben und der Tod, Jeder von fremdem Volk, Jeder der Sprache des Andern unkundig, Jeder mit seinem eigenen einsamen Schmerz in der Brust; und doch Beide verbunden durch das eine allgemeine, allbeherrschende Gefühl: tiefe, unsägliche, untröstbare Trauer.

Andlau schrieb aus Crakau an Faustine:

"Kein Wort Dir von Frage, Vorwurf oder Klage! Werde glücklich, wenn es Dir möglich ist; vergiss mich, denn das ist die Hauptbedingung zu Deinem künftigen Glück. Vergiss Deine ganze Vergangenheit! Deinem Leichtsinn wird das nicht schwer fallenund lebe wohl."

Er blieb vor der Hand in Crakau; ohne Faustine war ihm jeder Ort in der Welt gleichgültig; bei ihrgehörte ihm die Welt mit ihrer Herrlichkeit, die Kunst mit ihren Wundern, die natur mit ihren Schätzen. Sie sah die Steine an und erzählte ihm deren geschichte! die Jahrhunderte standen vor ihr auf wie vor einer Magierin und sie liess in einer Kette von Ereignissen den goldnen Faden an ihm vorbeilaufen, an welchem die Vorsehung die Menschengeschlechter lenkt! die Ruinen erhoben sich vor ihr aus dem Schutt und sie stellte ihm den Gedanken der Erbauer hin! die stummen Bilder regten die Lippen vor ihr und vertrauten ihr die Bedeutung, welche der Maler seinen Heiligen, der Bildhauer seinen Göttern gegeben! die natur redete zu ihr mit Stimmen der Elemente! wäre sie allein in der toten Schöpfung gewesen, sie würde dem Felsen Seele eingehaucht haben; solch ein überquellendes Leben war in ihr, so wusste sie es auf Alles zu übertragen, was sie umgab. Andlau kam sich vor wie ein Eingekerkerter zwischen schwarzen, stummen, kalten Mauern. Zuweilen überfiel ihn nagende Angst um Faustinens ihm so ganz unbekanntes Schicksal. Er las ihre Briefe nach; sie waren in der letzten Zeit unruhig, hastig geworden. Er suchte einen Namen, der ihm Aufschluss geben möge, aber sie nannte nur obenhin einige fremde Namen, unter denen auch Marios war. Wie elend kann sie werden! sprach Andlau zu sich selbst. Die Qual um ihre Zukunft zernagte ihn mehr, als der blick auf die seine. Er gehörte zu den Männern, von denen Mario einst zu Faustinen sagte: wenn der Faden ihres Geschickes reisst, so knüpfen sie keinen neuen an. Andlaus alte Welt war untergegangener suchte keine neue; er blieb auf den Trümmern wie ein Priester auf denen seines zerstörten Tempels. Der Palast seines Glückes war in Schutt zerfallen; nach einer Hütte sah er sich nicht um. Zuweilen auch packte ihn der Ingrimm über Faustinens Schwäche, die sie unfähig machte, einem lebhaften Eindruck mit Besonnenheit entgegenzutreten. Wird sie ewig Kind bleiben? rief er zornig; will ihr Wesen denn immer Blüten und nimmer Frucht tragen? – Dann, mitten in der Trostlosigkeit, kam ihm der Gedanke: weil unzuverlässig, sei sie auch unberechenbar, und vielleicht noch zu herrlicher entwicklung bestimmt. Nur wollte dieser Gedanke nicht in ihm haften. Faustine hatte seine Existenz zerbrochen: das Natürliche schien ihm, sie müsse auch die ihre zu grund gerichtet haben.

Nachdem Faustine seinen Brief empfangen, ward sie ruhiger. Bis dahin lebte sie in unaussprechlicher Bangigkeit. Nun wusste sie, dass sie für immer unwiderruflich von dem Mann getrennt war, den sie ihre irdische Vorsehung genannt, und der Trone und Triumphe ausgeschlagen haben würde, hätte er sie nicht mit ihr teilen dürfen. Und nicht etwa im brausenden Rausch der ersten Seligkeit hätte er das getan. Nein! noch jetzt, nach sieben Jahren, kniete er vor ihr mit derselben Andacht, Huldigung und Freude, die er ihr bei der ersten Begegnung dargebracht. Die volle Frische der Empfindung lag noch wie Morgentau auf seiner Liebe; als ein Kleinod trug