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Namen zu tragen verschmähte? meinst Du, ich könnte mich zufrieden geben in einem schiefen, aller Missdeutung fähigen verhältnis, wenn dieses durch nichts motivirt wird, als durch die Laune der Frau? – Wie soll ich sie schützen, wenn sie nicht öffentlich freiwillig unter meinen Schutz getreten ist? wie sie ehren, wenn sie mir nicht die Auszeichnung schenkt, die mich dazu befähigt, indem sie mich von der Menge trennt? – Tausende können Dir huldigen, Einzelne können Dich lieben, Dein Gatte kann Dich schützen und ehrener allein so, wie es Dir gebührt."

Vor einer Stunde ungefähr hatte Faustine ihren vollen Widerwillen gegen die Ehe ausgesprochen; allein Mario dominirte sie dermassen und rüttelte mit so kräftiger Hand an ihren bisherigen Ueberzeugungen, indem er seine entgegengesetzten leidenschaftlos aussprach, dass sie sich unfähig zum Widerstand fühlte. Sie sagte nur:

"Und er soll dein Herr seinsteht in der Bibel. Wohlan, Mario, ich werde Dich heiraten."

Er hob sie auf und an sein Herz. "Komm!" rief er.

Sie nahm ihre letzte Kraft zusammen und sagte: "Nein! geh zu Deinen Eltern, sie wissen ja nichts von mir, nichts von uns, Mario! erzähl' ihnen doch erst, dass wir uns lieben! frag' sie doch erst, ob ich ihnen willkommen bin! In acht oder vierzehn Tagen bringst Du mir einen Gruss von ihnender wird mir Mut und Zuversicht geben. Jetzt geh, Mario!"

"Aber in diesen acht oder vierzehn Tagen wirst Du gewaltige Erschütterungen und wilde Aufregungen zu bestehen habenfürcht' ich –"

"Du meinst, ich könnte wohl auch von Dir abfallen?" fragte sie mit trübem Lächeln.

"Nein! aber in Gram Dich versenken –"

"Ich werde denken, dass Du glücklich bist," unterbrach sie ihn, "und dann muss der Gram weichen; denn in meiner Seele ist nichts so stark, als der Gedanke an Dich."

Sie war aufs Aeusserste erschöpft und kaum im stand, sich aufrecht zu halten; ihre Wangen brannten und ihre hände waren eisig. Mario sah es, doch konnte er sich schwer zum Abschied entschliessen. Er rief:

"Was kann nicht Alles geschehen in vierzehn Tagen! ich lasse die Hochzeit fahren und bleibe hier!"

Aber Faustine beharrte darauf, dass er ihr von den Eltern ein Liebeszeichen bringe. Als der Morgen graute, ging Mario. Faustine sank in einen eisernen Schlaf. Er hatte die Pferde mit Sonnenaufgang bestellt; aber längst war die Sonne aufgegangen und der Wagen gepackt und angespannter konnte sich nicht zur Abfahrt entschliessen; ihm war, als drohe Faustinen Gefahr. Wer kann ihr ein Leid zufügen oder ihr weh tun? fragte er sich unaufhörlich; Andlau etwa? aber der tut es nicht! – Endlich sprang er in den Wagen und liess bei Faustinen vorfahren. Es war acht Uhr, sie konnte aufgestanden sein. Er eilte hinauf und fragte. Die Kammerjungfer antwortete, die Gräfin schlafe wohl noch, denn sie sei erst um fünf Uhr zu Bett gegangen. Mario bat sie zuzusehen, ob die Gräfin nicht vielleicht schon wach sei, und als das Mädchen etwas befremdet seinen Wunsch erfüllte, und in Faustinens Zimmer ging, folgte er ihr auf dem fuss nach. Das ganze Zimmer glänzte in blutrotem Licht; die Vorhänge von Fenster, Alkoven und Bett fingen den feurigen Strahl der Aprilsonne auf, ihr Widerschein überrieselte alle Gegenstände und stach grell in Marios Augen. Unheimlich berührte ihn diese brennende Farbe in dem stillen Zimmer, noch unheimlicher Faustinens leichenhafte Blässe. Sie schlief. Er trat an ihr Lager und betrachtete einen Augenblick mit ängstlicher Sorgfalt dies schöne, zarte Gesicht, welches, wie eine Blume, noch die Spuren des nächtlichen Sturmes verrietso abgespannt waren ihre Züge. Dann bog er sich zu ihr nieder und küsste ihre Stirn.

"Anastas?" fragte sie halberwacht und lächelte.

"Du träumst also nicht von mir?" fragte Mario traurig.

"Ich träume nie," rief sie und richtete sich rasch auf; "oder träum' ich jetzt? weshalb bist Du noch hier?"

"Weil ich sorge um Deine Einsamkeit habe, mein Engel! Komm mit mir! mein Wagen steht unten bereit. Ich bin furchtsam für Dich .... um Dich."

Er war neben ihr niedergekniet. Sie legte den Arm um seinen Hals, den Kopf an seine Brust und sagte:

"O lass mich, Herz, ich bin todtmüde, ich muss schlafen .... s o schlafen."

Lange hielt er sie in seinen Armen; sie schlief nicht, aber sie schien betäubt, sprach nicht, und drückte ihn nur zuweilen ganz leise an sich. Er schwieg auch und sann nach, ob diese Ermattung körperlich oder seelisch sei. Sind die Nerven schwach oder ist's das Herz? schwach bist Du, mein armer Engel! – Der Wunsch sie mitzunehmen, sogar gegen ihren Willen, stieg immer mächtiger in ihm auf; da liess er sie zurück aufs Lager sinken, nahm mit inbrünstiger Zärtlichkeit von ihr Abschied, und eilte hinab. Als er fort war, murmelte Faustine:

"Wär' ich doch mit ihm gegangen." Ein Chaos wogte in ihr. Die Elemente, aus denen ihre neue Erde sich gestalten sollte, hatten sich noch nicht aus der Gährung ausgeschieden. Andlau empfing Faustinens Frief in Nürnberg.