und Donner! das Mädchen hat gute Qualitäten, ist aber etwas schwer von Begriff. Mit den verblümten Redensarten kommt man nicht vom Fleck bei ihr. Ich muss nur von der Leber weg reden.
"Gnädiges fräulein, wenn Sie die Kirschen von Oberwalldorf essen oder einkochen oder was weiss ich! wollten, so würde es mir eine grosse Freude sein, vorausgesetzt, dass Sie mir gut genug sein könnten, um mich zu heiraten."
Adele bückte sich tief auf ihre Arbeit und sagte: "Wenn die Tante erlaubt."
"O, die erlaubt es sehr gern!" rief Walldorf herzensfroh und überlaut. "Nicht wahr, gnädige Frau, Sie haben nichts dawider, dass fräulein Adele mich heiratet?"
Alles geriet in tumultuarische Bewegung. Adele lief verlegen aus dem Saal, Faustine lief ihrer Schwester nach, Walldorf machte Miene, ihnen zu folgen; doch ein befehlender blick der Tante hielt ihn fest. Man machte einen Spaziergang, man verständigte sich, man machte Alles sicher und fest, und beim Souper stellte die Tante Walldorf und Adele als Verlobte ihren Gästen vor, und lud sie in sechs Wochen zur Vermählung ein.
"Bist Du denn recht glücklich, Adelchen?" fragte Faustine zärtlich, als sie ihr am Hochzeittage den Myrtenkranz aufgesetzt.
"O, so sehr!" rief Adele und faltete die hände.
"Und worüber wohl am meisten?"
"eigentlich über Alles – so im Ganzen – dass ich ein Haus und eine Wirtschaft bekomme ...." –
"Aber das wird Dir viel Plage machen."
"Doch viel mehr Vergnügen noch! – dass ich die
Tante verlasse ..." –
"Das ist freilich ein grosses Glück."
"Dass ich Frau werde und in Gesellschaften
s i t z e , wenn die Mädchen haufenweise zusammen s t e h e n ."
"Es mag sein Angenehmes haben."
"Am meisten aber doch, dass Walldorf mein Mann
wird. Keinem Andern würde' ich so gut sein können! Er spricht zwar etwas laut und macht nicht viel Complimente – doch Niemand kann's ehrlicher meinen, als er, und warum soll er das nicht so laut und offen wie möglich sagen, liebe Ini? –"
"Nun, sobald es Dir nicht unbehaglich ist, dass die
Wände dröhnen, wenn er lacht, und dass es einen roten Fleck gibt, wo er küsst ...." –
"Einen roten Fleck?!" rief Adele erschrocken und
sah in den Spiegel. Als sie aber ihr hübsches blühendes Gesichtchen makellos fand, setzte sie tröstend hinzu: "Der vergeht wieder, Ini."
Walldorf und Adele wurden und blieben ein glück
liches Paar, d.h. glücklich auf ihre Weise; denn Jeder hat seine eigene. Und zu ihnen wollte Faustine jetzt. Andlau sagte:
"Wie seltsam, dass Dein unceremoniöser Schwager
solche steife, förmliche Briefe schreibt, die doch gar nicht in seiner natur liegen."
"Er hat so wenig Form, dass er gleich gezwungen wird, sobald er artig sein will, und was diesen Brief betrifft, so mag er ihn wohl aus einem uralten Briefsteller aus der Bibliotek von Oberwalldorf abgeschrieben haben, denn das Briefschreiben und Bücherlesen ist seine Sache nicht. Nur d i e Bücher studirt er mit wahrer Wonne, die er selbst schreibt, und wovon er schon eine recht hübsche Sammlung besitzt."
"Also schreibt er seine landwirtschaftlichen Beobachtungen nieder?"
"Keinesweges! seine Gutsrechnungen schreibt er nieder, aber auf eine Weise, die seine Zeit und sein Interesse gleich sehr in Anspruch nimmt. Erst wird mit der ausgesuchtesten Pünktlichkeit, bei Batzen und Kreuzer, die Rechnung geführt: das ist aber nur der Brouillon. Dann macht er eigenhändig Abschriften dieses wichtigen Werkes, in Sedez, in Duodez, in Octav, in Quart, in Folio und in Royal-Folio, auf dem schönsten Papier, elegant gebunden, das Royal-Folio gar prächtig in Maroquin mit goldenem Schnitt, und dann ordnet er die verschiedenen Ausgaben dieses Werkes nach ihrer Grösse in den Bücherschränken seines Arbeitszimmers, worin schwerlich ein anderes Buch Zutritt findet. Das ist sein unschuldiges Stekkenpferd."
"Ich wundere mich nur, dass dies Steckenpferd gleichsam in einem Gespann mit seinem Arbeitspferde läuft; dass etwas, das am Morgen seine Arbeit war, am Abend seine Erholung wird; dass er nicht lieber etwas Andres abschreibt, meinetwegen gewisse Zeitungsannoncen oder Wetterbeobachtungen, kurz, dass er in nützlicher und angenehmer Beschäftigung so gar keines Wechsels bedarf. Seine Einseitigkeit muss ihn für Jeden, der nicht Landwirt ist, erdrückend langweilig machen."
"Gehört nicht eine gewisse Einseitigkeit dazu, um etwas Grosses in irgend einem Fache zu leisten oder zu werden? Kann man zugleich tüchtig als König und Dichter und Minister und Kunstkenner und Baumeister sein? mehr liefern als mittelmässige Proben von mittelmässigen Fähigkeiten in diesen verschiedenen Richtungen?"
"Das Genie ist seiner Essenz, seinem innersten Wesen nach vielseitig; denn was ist es anders, als die göttliche Kraft des Geistes, das Homogene aufzufassen, zu entdecken, zu schaffen, zu wirken, zu bilden, je nach dem Material, das man gerade unter der Hand hat. Das Genie findet es immer unter der Hand, es sucht nie. Es fragt nicht: soll ich lieber ein Held werden oder ein Künstler? sondern es greift nach Schwert oder Pinsel, und hat, ohne sich zu besinnen,