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holte zwei geladene Pistolen, welche stets im Schranke hingen, und begehrte, Andlau solle sich auf der Stelle mit ihm schiessen. Dieser verweigerte es kalt. Obernau wurde immer rasender; Andlau blieb ruhig, beschwor ihn mich zu schonen, kein aufsehen zu machen, indessen ich wie eine Statue wort-, gedanken-, besinnungslos dastand, und nicht eher meine Fähigkeiten wiederfand, als bis ein Schuss fiel und Andlau zu meinen Füssen hinsank. Nun wusste ich, was ich zu tun hatte! ich liess anspannen, ihn in seine wohnung schaffen, ärzte rufen, ich begleitete ihn. Keinen Augenblick verlor ich in Unentschlossenheit, Verzweiflung, Zaghaftigkeit. Keinen Augenblick wich ich von seiner Seite. Obernau, die ganze Welt, waren nicht mehr für mich da. Ich gehörte dem an, der für mich litt, unschuldig und qualvoll litt. Ich weiss nichts aus jener Zeit, als dass ich ein Paar Wochen Tag und Nacht vor seinem Schmerzenslager sass und um sein Leben flehte. Obernau begehrte, ich solle zu ihm kommen, bald bittend, bald drohend; seine Verwandten forderten dasselbe. Ich hatte nur eine Antwort: "Nie kehre ich in das Haus eines Mannes zurück, der sich und mich im Angesicht der ganzen Welt erniedrigt hat." Unerschütterlich blieb ich dabei. Obernau wollte sich nicht scheiden lassen, sei es aus Hass oder aus Rache. Mir einerlei! ich ging mit Andlau nach Nizza, seine verwundete Brust brauchte mildere Luft. Zwei Jahr lang kämpften meine Liebe, Sorgfalt und Pflege ihn dem tod ab. Zwei Jahr lang war ich in steter zitternder Angst um ihn. Doch mitten in dieser Angst war ich glückseligbei ihm, für ihn lebend, nichts von der Welt wissend, wünschend, verlangend. Meine Tante war kurz vor der Katastrophe gestorben, und hatte mir, der Frau eines reichen Mannes, nur das Pflichtteil, meiner Schwester das ganze Vermögen hinterlassen. Von meinem kleinen Erbe lebte ich damals wie ich jetzt lebe, einfach, schlicht, unabhängig, aber damals unsäglich froh durch den mir so neuen Genuss der Freiheit. Meine Liebe war nicht erkauft, ward nicht bezahlt! ich fühlte mich weder gekränkt, noch erniedrigt, noch gedemütigt! in meiner Freiheit fühlte ich mich auf derselben Stufe stehend mit dem Mann, den ich so unaussprechlich verehrte, während ich mich durch meine Abhängigkeit tief unter dem Mann gefühlt hatte, den ich nicht achtete. Als Andlau endlich genesen, machten wir eine Reise durch Italien. Wie ging mir das Leben auf im Doppellicht der Liebe und der Kunst! wie entwickelten sich meine Fähigkeiten! welcher Strom von vielseitigem Glück umrauschte mich, und wie froh, wie sicher, wie bewusst meines Glücks und meines Rechts daran stand ich im Nachen, und liess ihn durch Andlau lenken!

"Da starb Obernau, und ich war frei mit meiner Hand zu schalten. Aber ein unermesslicher Widerwille gegen die Ehe hatte sich zu fest in meine Brust genistet, als dass ich eine zweite hätte schliessen mögen. Die zwei Jahre meiner Verheiratung hatten mich übersättigt mit bittern Empfindungen: der Gemahl war mir peinigend gewesen, seine Familie feindlich, die Welt gleissnerisch, ich mir selbst verächtlich; keinen Schutz hatte ich gefunden gegen die bitterste Demütigung, keine Stütze für meine ratlose Unerfahrenheit, keinen Trost für meine innere Zerfallenheit; zweifelnd an Gott, an den Menschen, an mir selbst, stand ich in grausiger Einsamkeit da, unbegnügt, unbefriedigt, tantalisch nach Hesperidenfrüchten schmachtend und, wenn mir eine in die Hand fiel, wenn meine Lippen sie berührten, augenblicklich den Sodomsapfel in ihnen erkennend. Bei Andlauwie anders! stets war ich gehoben, nie herabgezogen; stets fühlte ich ein Vorwärtsschreiten, eine entwicklung, keinen Stillstand, kein Zurückgehen, kein Versinken. Ich war glücklich, und fühlte mich durch dies Glück befähigt und stark gemacht, in dieser eigentümlichen Weise es festzuhalten. Dies Glück und diese Weise liessen mich in meiner vollen Selbständigkeit und doch zugleich in der Sphäre des Weibes, welches seine Ausbildung und Befriedigung allein in der Liebe findet. Es war eine unendliche Gewissheit in mir, welche keines endlichen Symbols bedurfte, und eine endliche Fessel verschmähte. Vielleicht jedem andern Mann gegenüber würde diese Zuversicht eine ungeheure Torheit sein: bei Andlau ist sie nur eine richtige Würdigung seines Charakters. Aber mir selbst gegenüber ist es die grösste Torheit gewesen, denn die unendliche Gewissheit wankt, und der Platz, der wie ein Fels unter meinen Füssen war, ist Triebsand geworden."

"Darum, Faustine, musst Du ihn verlassen," sagte Mario ernst und ruhig, stand auf und nahm ihre Hand; "da, wo Du bisher gestanden, ist es nicht mehr sicher für Dich. Stütze Dich getrost auf meinen Arm, ich hebe Dich über alle Schwankungen hinweg. Ich danke Dir, dass Du mir Dein Schicksal entüllt hast, und doppelt danke ich Dir, weil ich darin nichts sehe, was uns trennt."

Faustine blickte ihn sprachlos an und fuhr mit der Hand über die Augen, wie um sich zu überzeugen, dass sie wache.

"Nichts! denn Du liebst mich, und Andlauliebst Du nicht mehr; denn wenn Du ihn noch liebtest, so wäre Dein Auge nie anders, als mit dem gleichgültig freundlichen blick auf mich gefallen, den Du für alle Welt hast –"

"Ja, siehst Dudas ist unmöglich!" rief sie.

"Nun, Faustine, ich liebe Dich: Du