eine seelenlose Puppe sein schönes Herz zu verschwenden.
"Wie lange ich diese Existenz ertragen, welchen Act der Verzweiflung ich am Ende begangen haben würde – das weiss ich nicht mehr! wogende Nebelmassen liegen auf jenem Ehestandsjahr, und gern wende ich meinen blick von ihnen ab, der lichten Erscheinung zu, welche meinem Schicksal eine versöhnende Wendung gab. Ich lernte Andlau kennen, und ich liebte ihn. Gott! ich arme, ich Bedürftige, ich Hartverletzte – mit welcher unaussprechlichen Wonne, mit welcher lautlosen Ueberraschung sah ich aus dem alltäglichen, langweiligen Schwarm eine Gestalt auftauchen, bei der es mir wohl ward, bei der ich mich in meinem innersten Wesen geschützt und frei fühlte! Ein armes, kleines Fischlein, das im Eismeer geschwommen und gefroren, und sich an Eisschollen blutig gestossen hat, und nun plötzlich in die lauen, sonnigen Wellen der Südsee versetzt wird, muss diese friedliche Seligkeit geniessen. Es fiel mir gar nicht ein, dass meine Pflicht gegen Obernau im Geringsten verletzt werden könne durch dies Gefühl, für das ich keinen Namen wusste und wissen mochte. Ich nannte es n i c h t Liebe, denn bei dem Wort fiel mir meines Mannes Liebe ein, und ich mochte mein Gefühl nicht einmal durch den Gleichklang des Namens entadeln lassen. Aber ich liebte ihn! meine Seele blühte auf vor seinem Lächeln, meine Träume wurden wach vor seinem blick, die Welt schlug für mich das Auge auf, wenn ich in das seine schaute – in dies ernste, denkende Auge, das forschend, prüfend, wägend auf den Gegenständen ruhte, und ihnen Wert und Bedeutung zu geben schien, je nachdem es nach der Prüfung mehr oder minder befriedigt war; und das bei mir allein die Forschung vergass, um in heller Freude zu glänzen. Und wohl mir, dass er es vergass! unentwikkelt, kindisch, dumpf und befangen, wie ich damals war, hätte ich nimmermehr vor der Analyse des Verstandes bestehen können; aber er liebte mich und vergass daher mich zu analysiren. Ich war ihm wie ein Meteor zwischen dem regelrechten Planetensystem der Gesellschaft. Unter andern Verhältnissen würde' ich mich vielleicht in derselben acclimatisirt haben; jetzt, aus Scheu ihr zu gleichen, blieb ich in meiner primitiven natur, aufrichtig, stolz, sauvage, unabhängig, leidenschaftlich – eine Charactermischung, die man wohl als eine Reaction des allgemeinen Gesellschafts-Characters betrachten darf, die aber nicht eben bestimmt sein mag, um einer Frau eine glückliche Zukunft in der Welt zu sichern. Ein gewöhnlicher Mann würde dies sehr bald zu seinem Vorteil benutzt haben: Andlau wurde dadurch gerührt. Er wollte meinem exotischen Wesen etwas von seiner phantastischen Glut nehmen, damit es besonnen in der kühlen Atmosphäre der Welt gedeihen könne – aber daran scheiterte seine Kraft, denn das tiefe Feuer, welches bis jetzt in meiner Brust geschlummert, weil kein Luftauch es angefacht, brach nun mächtig hervor und verzehrte seinen Willen. Die Liebe brannte wie zwei Altarflammen in unsern Herzen. – – Was sagte die Welt dazu? O die Welt! tausend gemeine Verhältnisse duldete sie, und abertausend noch gemeinere begünstigt sie! aber wo eine starke leidenschaft auftaucht, da schreit sie Zeter! die keusche, sittsame Welt. Herzen, die im Schlamm ersticken, sucht sie fein säuberlich abzuwaschen; Herzen, die in Glut verlodern, streut sie in alle vier Winde. Ich nahm keine Rücksicht darauf. Mein Leben hatte einen andern Polarstern, als das Urteil der Menge, und ich sagte höchst unbefangen, wie glücklich ich mich fühle, endlich einen Mann gefunden zu haben, den ich achten könne, weil Pferde und Hunde, Wein und Karten ihm nicht als die höchsten Güter und wichtigsten Interessen des Lebens erschienen. Obernau spottete sehr oft über meine romantische Liebe zu Andlau, aber er suchte nicht sie zu stören, vielleicht weil er meiner überdrüssig war, vielleicht weil er mich nicht fähig hielt, eine mächtige Liebe zu erwiedern; wenigstens meinte er ganz ehrlich, ich müsse von Marmor und Erz sein, indem ich bei der seinigen ungerührt geblieben.
"In meinem jungen brausenden Kopf hatten schon Flucht und jede mögliche gewaltsame Trennung gegohren, da eine Scheidung bei uns Katoliken mit grossen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Es gab Augenblicke, wo ich mir die Zuflucht eines Klosters wünschte, um nur dem Druck meiner unseligen Ehe zu entfliehen; denn die Liebe geht ihren Entwickelungsgang, und da musste es mir bald unerträglich werden, dass mein Äusseres und mein inneres Wesen schauerlich zerspalten war durch mein verhältnis zu diesen beiden Männern. Was Eins war – getrennt! was ewig Zwei blieb – verbunden! Das ist ein Rechenexempel, bei dessen Lösung das Gehirn wirbeln kann! – Nur frei sein; danach schmachtete ich, wie nach wasser in der Wüste. Nur frei sein; das war das Angstgebet, welches ich zum Himmel emporschrie. Und Gott hörte mich. Wie ein Gefangener durch Erdbeben – so gewaltsam, so schauerlich wurde ich frei.
"Andlau war eines tages bei mir, und eben so traurig und niedergeschlagen als ich, mochten wir nicht sprechen und auch nicht unsrer Melancholie uns hingeben. Wir setzten uns an das Piano und spielten. Die Musik machte mich weich, Tränen entstürzten meinen Augen und als er mich zärtlich umschlang, lehnte ich die Stirn an seine Wange und weinte zum Sterben! Da trat plötzlich Obernau mit seiner Schwester Crescenzie ein und rief mit knirschender Wut: "Du hast Recht, Schwester!" Dann stürzte er in sein Zimmer,